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Peter Voß fragt ...
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio. Der Grund: Der Westen verliert seine Identität.
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Denis Scheck
15. Februar
Peter Voß fragt Denis Scheck
Für Bücher, die ihm nicht gefallen, findet er deutliche Worte. Entzückt spricht er von Lektüre, die er gut findet: Scheck ist einer der wichtigsten Köpfe des Literaturbetriebes.
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© SWR Video
Thea Dorn. Sehen Sie die ganze Sendung (45 Min.) -->
Peter Voß fragt Thea Dorn
"Wie deutsch sind Sie?"
Ein Ball hat eine Seele (Gummiblase im Inneren), ein Tau hat sie ebenfalls (Kern eines Seils), ein Gewehr hat eine Seele (Innere des Laufs) und die "Schwäbische Seele" ist in Württemberg der Name für ein längliches Brötchen. Doch die "deutsche Seele", was ist das?
Medizinischer Reflex: Wo ist das Kranke?
Im übertragenen Sinn steht Seele auch für das Innere. Die deutsche Seele - was ist das Innerste Deutschlands? Was ist im innersten der Deutschen? Sofort möchte man reflexhaft wie bei einem Arztbesuch fragen: Wie geht es der deutschen Seele? Ist sie krank? Ist da im Innern etwas kaputt? "Nein"- sagt Thea Dorn. Die Schriftstellerin und Moderatorin ist bekanntermaßen wagemutig: Sie hat mit dem Schriftsteller Richard Wagner ein Buch mit dem Titel "Die deutsche Seele" verfasst und schreibt gegen den medizinisch-diagnostischen Reflex an.

Als ersten Satz verkündet sie, nicht nach einem pathogenen Kern zu suchen: "Wir wollen dieses Land nicht in den Sektionssaal schieben, wir beugen uns nicht im weißen Kittel mit spitzem Werkzeug darüber, um einzig die kranken Stellen herauszuschneiden."


Mit dem Deutschsein endlich versöhnen
Lupe
Die Autoren gehen ihr vorhaben mit einer erfrischenden Leichtigkeit an. Ein Teil der deutschen Seele ist "das Abendbrot", der "Bierdurst", "die Gemütlichkeit", "der Kitsch", "der Schrebergarten", "der Strandkorb" und "der Wald". Aber – hier die Warnung – die deutsche Seele ist auch "der Abgrund", "der Krieg", "die Autobahn" und "die Wiedergutmachung". Bei den 64 Hauptwörtern, über welche die Autoren die deutsche Seele zu fassen bekommen wollen, ist an vielen Stellen über Auschwitz und die deutschen Verbrechen zu lesen. Das Thema kann nicht umgangen werden, denn es ist Bestandteil der deutschen Seele geworden. Dieser Zusammenhang wird nicht explizit zum Thema gemacht, und um mit Martin Walser zu sprechen, der das Buch in der Zeit rezensiert hat: Gott sei Dank! Das Buch "präsentieret die deutsche Seele, ohne dass ein einziges Mal darüber gesprochen werden muss, was das ist, die deutsche Seele. Zum Glück, behaupte ich, haben die Autoren nicht über die deutsche Seele geschrieben, sondern sie in vielen Ausdrucksformen selber sprechen lassen."

Und man stellt fest, ein Diskurs über die großen und die kleinen Konstanten der deutschen Kultur ist unterhaltsam und spannend. Warum lieben die deutschen das Fachwerk? Warum dieser Hang zum Abgrund, zum Bodenlosen in der deutschen Mythologie und Philosophie? Was haben Bonifatius und Stuttgart 21 miteinander zu tun (Stichwort Bäume fällen)? Die Text-Kollagen von Thea Dorn sind angefüllt mit Zitaten aus der deutschen Ideengeschichte von Thomas Mann bis Sven Regener.


Der Gedanke an eine deutsche Seele war verpönt
Von "Abgrund" bis "Zerrissenheit", in vielen überraschenden Stichworten wird umkreist, was eine deutsche Kultur sein könnte. Bis weit in Luthers Zeit führt der Blick, um für die Zukunft zu fragen: Was brauchen die Deutschen an gemeinsamer Erzählung, um für künftige Aufgaben gewappnet zu sein?Für Thea Dorn lag eine weitere Motivation dieses Buch zu schreiben darin, dass sie es leid war, dass über Deutschland nur geredet werden dürfe, "wenn man auf dieses Land draufhaut. Dass unsere Kultur so etwas wie eine Seele haben könnte, dieser Gedanke ist komplett verpönt." Die Deutschen würden viel zu selten über sich nachdenken. Es herrsche so etwas wie ein geistig-kulturelles Vakuum. Ein Diskurs über uns selbst habe Deutschland dringend nötig.

Das Wissen über unsere reiche Kultur drohe verloren zu gehen, diagnostiziert Thea Dorn ebenso wie einen "Zustand heiterer Gedankenlosigkeit und Ratlosigkeit" – ist dem wirklich so? Eigentlich ist Thea Dorn keine große Vereinfacherin, was sie in den 550 Seiten umfassendem Buch auch gut beweist. Doch über eine Grundannahme, die das Buch erst möglich macht, sollte reflektiert werden. Lässt sich denn in Deutschland eine kollektive, nationale Seele finden oder existieren nicht viele Seelen in der deutschen Brust? Doch der Patriotismus des Autorenduos ist so unverkrampft und unverdächtig, dass es Spaß macht, über Deutschland nachzudenken, denn für die meisten ist Deutschland "mehr ist als die Summe seiner Steuerzahler und Transferleistungsempfänger."


Sendedaten
Montag, 16. Januar 2012, 22.25 Uhr
Archiv
Peter Voß im Gespräch mit Thea Dorn (August 2008): Sind die Frauen das starke Geschlecht, Frau Dorn?
Kulturzeit
Abendbrot und Waldsterben
Schwarzbrot und Spargel essen, in Mittelgebirgen herumwandern, über alles grübeln und sich im Ausland dafür schämen, dass man es ist. Das ist typisch deutsch, oder?
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