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© dpa Video
Arno Geiger ->> Sehen Sie die ganze Sendung
Peter Voß fragt Arno Geiger
"Demenz - ein Thema für den Dichter?"
Demenz, also der schleichende Verfall des Gehirns, äußert sich anfangs sehr verschieden: Arno Geigers Vater legte den Elektrorasierer in den Kühlschrank, zog drei Hemden übereinander an und schob die Tiefkühlpizza mit Verpackung in den Ofen.
Keine Sicherheit, nirgends - auch nicht zu Hause
Andere Demente neigen zur Vergesslichkeit, manche zur Depression, manche stottern, andere vergessen Begriffe und die Gesichter ihrer Freunde. Doch eine große Gemeinsamkeit haben die Betroffenen alle, welche man verstehen muss, wenn man ihnen helfen möchte. Das sagt der Schriftsteller Arno Geiger, der die Geschichte seines demenzkranken Vaters aufschrieb und damit einen Bestseller schuf. In "Der alte König in seinem Exil" beschreibt er unter anderem den Schlüssel zum Verständnis Demenzkranker: Die Gemeinsamkeit aller Krankheitsformen der Demenz sei, dass die Betroffenen keine Geborgenheit spüren. Sie sind deswegen unsicher, weil sie wissen, dass etwas nicht stimmt. Demente können sich weder räumlich noch zeitlich orientieren - das führt zur Unsicherheit. Für jeden ist aber eine erkennbare Struktur (wo bin ich, was mache ich) existenziell. Der Autor führt fort, dass dies auch der Grund sei, weswegen alle Demenzkranken gerne "nach Hause gehen" wollen. Denn dort ist ihnen alles wieder vertraut, dort sind sie geborgen. "Lass uns nach Hause gehen," sagte Arno Geigers Vater öfters am Tag. Leider befand er sich schon zu Hause, merkte es aber nicht, da er es nicht mehr erkannte.

Eine Brücke in die Welt der Demenz
Wichtig sei es dann die Betroffenen nicht weiter zu verunsichern, so Geiger. Sätze wie: "Du bist doch zu Hause" lösen nur Panik aus. Man müsse sagen: "Ja wir gehen gleich alle zusammen mit dir nach Hause – lass uns nur noch fünf Minuten warten." Dann würde sich der Kranke angenommen, alles sei in Ordnung für ihn und er fühle sich bestätigt - nur das gebe etwas Sicherheit. "Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich rüber zu ihm," schreibt Geiger am Anfang seines Buches. Seine gesamten Erzählungen sind eine Brücke in die Welt der Dementen und das Erstaunliche: sie ist bis zuletzt spannend geschrieben - eine Gabe, die nicht viele "Brückenbauer" besitzen. Es liegt wohl auch an der taktvollen Einfachheit der Texte und daran dass der Autor ein schwieriges Thema behandelt, das leicht ins Sentimentale und Kitschige abgleiten kann.

Krankheit als unbewusste Flucht vor der Moderne?
Einen Aspekt des Buchs, den man unterschiedlich bewerten kann, ist, dass der Autor die Krankheit seines Vaters in Beziehung setzt mit der heutigen, extrem beschleunigten Gesellschaft. Geigers Vater ist fest in einem bäuerlichen, bodenständigen, traditionsverbundenen Milieu verwurzelt, das sich schon in den letzten Jahrzehnten aufgelöst hat. Der Schriftsteller beschreibt die Krankheit und die pathologische Rückwärtsgewandtheit des Vaters fast als einen kulturkritischen Gegenentwurf. Das ist "eine zweifelhafte Überhöhung der Krankheit zur heldenhaften Selbstverweigerung gegenüber der Turbogesellschaft." (Christopher Schmidt SZ vom 11.02.11). Auch ein zweiter kleiner Kritikpunkt - der das Lesevergnügen nicht schmälert - ist anzuführen: Ab und zu beschleicht einen das ungute Gefühl, ein Voyeur zu sein, der sein Vergnügen aus den Unzulänglichkeiten und absurden Missgeschicken des Vaters zieht. Doch das kommt nur selten vor, denn Geiger gelingt es im Laufe seiner Erlebnisse mit seinem kranken Vater einen Gewinn aus der sich ständig verändernden Vater-Sohn-Beziehung zu ziehen.

Sendedaten
Montag, 19. Dezember 2011, 22.25 Uhr
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Leben für den Moment
Arno Geiger im Interview [SWR2]
Scobel
VideoInterview
mit Arno Geiger
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