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Peter Voß fragt Hans-Werner Sinn
20. November
Staatsschulden: Zement oder brüchiger Kitt?
Wird sich im Sprachgebrauch neben dem "Schwarzen Freitag" (1929) auch der "Schwarze Juni" als Redensart einbürgern?
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Peter Voß fragt Udo Di Fabio
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio...
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© dpa Video
Der britische Historiker Ian Kershaw ist mit seiner Hitler Biographie bekannt geworden.
Peter Voß fragt Ian Kershaw
Ist Durchhalten deutsch?
"Was wäre passiert, wenn ..." - ist eigentlich keine Frage, die sich Historiker stellen, denn Spekulation ist nicht ihr Metier. Ian Kershaw, man kann ihn schlichtweg "den" Experten für das Dritte Reich nennen, hat die Frage nach dem Möglichen historisch geadelt - lässt sich doch so am besten klären, warum es so kam und nicht anders.
Kein Konsens zwischen Volk und Hitler
In seinem neuesten Buch "Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944–45" geht Ian Kershaw der Frage nach: Hätte sich das deutsche Volk in der Endphase des Kriegs 1945 nicht gegen Hitler erheben können? Warum nur kämpften die Deutschen bis zum unvermeidlichen Ende weiter? Jedes andere vernünftige Volk hätte seinen Diktator vorher zum Teufel gejagt, sagt Kershaw. Eine landläufige Meinung ist, das Festhalten an Hitler habe mit der großen Popularität des "Führers" zu tun gehabt - es habe so etwas wie ein Konsens zwischen Volk und Hitler bestanden. Kershaw kann durch Quellen belegen, dass dem im Herbst 1944 so nicht gewesen sei. Die überwiegende Mehrheit der Deutschen habe sich von Hitler abgewandt. Warum hat das Volk dann nicht gleich rebelliert? Kershaw nennt vier Hauptgründe: das deutsche Pflichtgefühl, eine fehlende Alternative, den Terror von SS und Gestapo und die Furcht vor den "asiatischen Horden".

Fleißig - bis zur totalen Zerstörung
© dpa Lupe
Ein Bild der Zerstörung bot die Innenstadt von Hannover zu Kriegsende 1945. Jedes zweite Wohnhaus war dem Erdboden gleichgemacht worden.
Das deutsche Pflichtgefühl sei etwas tatsächlich einmalig deutsches, beteuert der Historiker. Er könne sich nicht vorstellen, dass ein anderer Staat in Europa bis kurz vor der Kapitulation so weitergearbeitet und funktioniert hätte wie Deutschland. In der Oper in Hamburg wurden Tage vor der Eroberung Berlins Konzerte aufgeführt und Fußballspiele wurden veranstaltet. Pflichtgefühl sei eine spezielle deutsche "Tugend". Doch Kershaw denkt dabei nicht an ein nationales Stereotyp oder gar genetische Präposition, sondern an eine Art kultureller Tradition, die über Erziehung vermittelt wurde. Er führt gerne das Beispiel des Friedrich Wilhelm Kritzinger an, der als Ministerialdirektor in der Reichskanzlei bis zur Kapitulation fleißig weitergearbeitet habe. In einem Verhör antwortet er auf die Frage nach dem "Warum?" mit absolutem Unverständnis: Das sei doch seine Pflicht gewesen. Doch die Zerstörungskraft dieses Pflichtgefühls war enorm.

Die Welt: das Sachbuch des Herbstes
© dpa Lupe
Blick auf das zerstörte Koblenz nach Kriegsende.
Was wäre, wenn Stauffenberg mit seinem Attentat im Juli 1943 Erfolg gehabt hätte? Diese Frage wurde Ian Kershaw des Öfteren gestellt – und mit dieser beginnt er seinen Betrachtungszeitraum in "Das Ende". Sicherlich wären viele Menschenleben zu retten gewesen. Hitlers selbstzerstörerischer Amoklauf kostete Millionen Soldaten und Zivilisten das Leben: Zwischen Juli 1944 und Mai 1945 starben ebenso viele Soldaten wie in den vier Kriegsjahren zuvor und weitaus mehr Zivilisten. Doch welche Handlungsoptionen hätte Stauffenberg gehabt? Keine, sagt Kershaw, denn die Alliierten hätten nur eine bedingungslose Kapitulation akzeptieren können. Eine Spaltung zwischen der UdSSR und dem Westen, wie von Stauffenberg erhofft, wäre sicher nicht eingetreten. Nach den "Säuberungen" anlässlich des gescheiterten Anschlags auf Hitler waren in der Wehrmacht und den Führungszirkeln nur noch Hitlertreue anzutreffen. Die vier einflussreichsten Männer nach Hitler, Martin Bormann, Heinrich Himmler, Joseph Goebbels und Albert Speer, waren zu keiner Zeit in der Lage gewesen, den "Führer" herauszufordern oder ihm Paroli zu bieten.

Gauleiter kämpften nicht bis zur letzten Patrone
© dpa Lupe
Blick auf Zerstörungen in der bayerischen Stadt Würzburg nach Kriegsende.
Neben den Vorstellungen der Deutschen von den barbarisch mordenden Rotarmisten war sicherlich auch der Terror von SS und Gestapo ausschlaggebend, dass Wehrmacht, die staatliche Bürokratie und weite Teile der Bevölkerung kämpften, bis buchstäblich das ganze Land in Trümmern lag. Die Standgerichte verhängten in den letzten Wochen vor Kriegsende 6.000 bis 7.000 Todesurteile. Kershaw stellt fest: Je bedrohter das Regime und die Partei waren, desto mörderischer wurden sie. Die Gauleiter und Statthalter setzten alles daran, Hitlers "Nerobefehl" umzusetzen, in dem Hitler anordnete, "alle Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes" zu zerstören. Denn wenn das deutsche Volk sich nicht behaupten kann, so zitiert Kershaw Hitler, dann solle es lieber untergehen, als weiter zu existieren. Doch im Gegensatz zu vielen Jugendlichen, die bis zur letzten Patrone aushalten und dann einen "ehrenvollen" Tod sterben wollten, setzten sich Parteibonzen und Gauleiter rechtzeitig ab: Nur zwei von 43 Gauleitern kamen bei Kampfhandlungen ums Leben.

Es ist zunehmend schwieriger, Interesse bei den Nachkommenden für die Beschäftigung mit der Nazidiktatur und ihren unvorstellbaren Gräueltaten zu interessieren. "Es war halt so", ist sicherlich der falsche Ansatz diese Geschichten zu erzählen. Kershaws beständig immanente Frage nach "was wäre wenn" ist ein guter Ansatz, Geschichte lebendig zu vermitteln. Wie sehr die Folgen des Zweiten Weltkrieges uns auch heute noch beeinflussen, ist vielen nicht bewusst. Triebfeder des Euro und Europas war auch ein entschlossenes "NIE WIEDER", das die Staaten allesamt proklamierten. Auch die Führungsrolle Amerikas ist eine unmittelbare Folge des Zweiten Weltkriegs. Dass Geschichte im Nachhinein oft von ihrem Ausgang gedacht wird, verschließt Chancen – das machen die beiden letzten Veröffentlichungen Kershaws exzellent deutlich.


Vita und Literatur:
Prof. Dr. Ian Kershaw, geboren 1943, war bis zu seiner Emeritierung Professor für Modern History an der University of Sheffield und zählt zu den bedeutendsten Historikern der Gegenwart. Seine große zweibändige Biographie über Adolf Hitler gilt als Meilenstein der modernen Geschichtsschreibung. "Das Ende" erschien am 9. November 2011 bei DVA.

Ian Kershaw: "Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944–45". Aus dem Englischen von K. Binder, B. Leineweber, M. Pfeiffer. DVA, München 2011. 704 Seiten mit Abbildungen, 29,99 Euro.


Sendedaten
Montag, 28. November 2011, 22.25 Uhr
Info
Sendedaten Hörfunk:
"Peter Voß fragt" am 29.11.11 um 22.15 h in cont.ra
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