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Peter Voß fragt Hans-Werner Sinn
20. November
Staatsschulden: Zement oder brüchiger Kitt?
Wird sich im Sprachgebrauch neben dem "Schwarzen Freitag" (1929) auch der "Schwarze Juni" als Redensart einbürgern?
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Peter Voß fragt Udo Di Fabio
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio...
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© dpa Video
Peter Struck [Sehen Sie die Sendung als Videostream (45 Minuten) >>]
Peter Voß fragt Peter Struck
Peter Struck kehrte im Herbst 2009, nach knapp dreißig Jahren aktiven Abgeordnetendasein, der Politik den Rücken. Im Gegensatz zu vielen seiner ehemaligen Kollegen hat sich Struck bisher eine Abstinenz von Fernsehauftritten auferlegt: "Diese Talkshows halte ich alle für Quatsch. (…) Ich diskutiere lieber zu zweit über Politik. Dann aber richtig."
Es liegt der Verdacht nahe, dass "ein Buch zu schreiben" eine Art "Selbsttherapie" für ehemals gestresste Politiker und Manager ist. Anders lässt sich die Flut von Veröffentlichungen von "Ex-Sonstnochwas" nicht erklären: Hans-Olaf Henkel, Peer Steinbrück, Roland Koch, Wolfgang Clement, Joskar Fischer etc.pp. Was bewältigen die Autoren mit dem Schreiben? Ist es der Verlust an Aufmerksamkeit und Bedeutung, die den Machtmenschen zu schaffen macht? Ist es das Übermaß an Freizeit, die sich mit dem Verfasen seiner Memoiren vortrefflich füllen lässt? Ist es der Drang, das eigene Handeln im Nachhinein zu rechtfertigen, verständlich zu machen und für unpopuläre Entscheidungen eine Absolution zu erhalten?

Politrentner ohne Sendungsbewusstsein
Das mag für einige seiner Kollegen zutreffen, doch Peter Sruck ist kein "Politrentner mit Sendungsbewusstsein" und seine Veröffentlichung "So läuft das: Politik mit Ecken und Kanten" war sicherlich keine Therapie. Selbstironisch geht er darin mit den Themen "Machverlust" und "Selbstbeweihräucherung" um. Doch sein Abschied, den er von der Politik nahm, war radikal. Er war keiner, der als ungebetener Gast an Fraktionssitzungen teilnahm und seinen Rat jedem anbot, der ihn nicht hören wollte. Es war sogar extrem ruhig um Struck geworden: Mit der Harley Davidson fuhr er durch die USA und machte ausgiebig in der Toskana Urlaub. Fernsehkameras mied der Pensionär auffallend. "Diese Talkshows halte ich alle für Quatsch. Da zeigt sich viel oberflächlicher Unsinn. Ich diskutiere lieber zu zweit über Politik. Dann aber richtig."

Phantomschmerz des Dabei-sein-wollens
Struck gibt in dem Buch offen zu, dass der Verlust an Einfluss einem Vollblutpolitiker zu schaffen macht. "Ich habe mir geschworen loszulassen, wohl wissend, dass die Droge Politik einen nicht ohne Weiteres loslässt", schreibt er am Anfang. Nur wenn er abends vor dem Fernseher säße und die Berichte aus Berlin verfolge, ereile ihn dieses Gefühl, etwas zu verpassen, wieder dabei sein zu wollen: "In solchen Momenten spüre ich ein wenig Phantomschmerz", erklärte er selbstreferenziell. Ein weiterer Antrieb für sein Schreiben war, dass er Erklärungen geben möchte, damit seine Enkel verstehen könnten, warum er guten Gewissens auf die Regierungsjahre zurückblicken könne.

In der Tat stehen zwischen den Deckeln eine Reihe von Neuigkeiten über die rot-grüne Koalition, die auch unterhaltend vermittelt werden. Über den Rücktritt von Kurt Beck vom SPD-Vorsitz ist zum Beispiel zu lesen, dass der unmittelbare Anlass eine Vorabmeldung über den Verzicht auf die Kanzlerkandidatur war, der an die Presse durchgesickert war. Beck wollte die Bekanntgabe zusammen mit der Nominierung Frank-Walter Steinmeiers verbinden. Nachdem Beck hinwarf, musste die Parteiführung in einer Ad-hoc-Sitzung auf dem Touristenparkplatz am Schwielowsee über die Nachfolge verhandeln.


Deutschlands Verteidigung am Hindukusch
Bewegend sind die Schilderungen Strucks in Zusammenhang mit dem Afghanistaneinsatz der Bundeswehr, vor allem sein Gespräch mit verwundeten Soldaten. Dass die Sicherheit Deutschlands auch am Hindukusch verteidigt wird, ist eine Floskel, die sogar jüngst die Kanzlerin Merkel im Munde führt. Stucks ernüchternde Einschätzung, dass sich in Afghanistan kein Rechtsstaat westlicher Prägung aufbauen lassen wird, kennzeichnet seinen unnachahmlichen Realismus, mit dem er schon des Öfteren auch Parteifreunde erdete. Dieser Realismus dürfte auch gefragt sein, wenn er Ende Januar seine Schlichtungsbemühungen im Tarifstreit zwischen den Privatbahnen, der Deutschen Bahn und der Bahn-Gewerkschaft EVG fortsetzen wird. Diese Rückkehr auf die politische Bühne ist ein schwieriges Stück Arbeit, denn schon Tarifverhandlungen zweier Partner sind schwierig. Bei der Bahn sind es mindestens drei Parteien mit gegensätzlichen Interessenlagen.

Dass es eine Fortsetzung seines Buchs geben wird, ist in nächster Zeit nicht zu erwarten. Zusätzlich zu den Schlichtungen ist Struck auch zum Vorstandsvorsitzenden der SPD-nahen Friedrich-Ebert Stiftung gewählt worden. Seit Januar leitet er die Stiftung und soll sie neu ausrichten. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die ihn wieder vermehrt in das Scheinwerferlicht führen dürfte.


Literatur
Peter Struck: "So läuft das. Politik mit Ecken und Kanten"
320 Seiten, ISBN-13: 9783549073858, 19,95 Euro

Sendedaten
Montag, 24. Januar 2011, 22.25 Uhr
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