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Peter Voß fragt Hans-Werner Sinn
20. November
Staatsschulden: Zement oder brüchiger Kitt?
Wird sich im Sprachgebrauch neben dem "Schwarzen Freitag" (1929) auch der "Schwarze Juni" als Redensart einbürgern?
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Peter Voß fragt Udo Di Fabio
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio...
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© dpa Video
Peter Voß fragt Fritz J. Raddatz
"Ist alles eitel?"
Er war mittendrin, und doch fühlte er sich auf gewisse Weise nicht dazugehörig. Vielleicht konnte Fritz J. Raddatz genau aus diesem Grund die Welt der Schriftsteller, Literaturkritiker und Verleger in seinen Tagebüchern so genau beschreiben.
Bienentanz der Eitelkeiten
Wer seinen Namen "googelt" und sich an den Treffern erfreut, ist ein stümperhafter Anfänger. Wer in dem Personenregister der Tagebücher von Fritz J. Raddatz vorkommt, der darf sich zu den "Alphatieren" des Kulturbetriebs zählen. Eitelkeit scheint dabei eine Grundvoraussetzung zu sein, um es bis in diesen Olymp zu schaffen. Fritz J. Raddatz ist nicht nur Ringrichter der Eitelkeit, er ist auch Literaturkritiker, Romanautor, Dandy, Schöngeist und Genussmensch. Er gehörte in den Siebzigern und Achtzigern des letzten Jahrhunderts zu den Alphatieren des bundesdeutschen Kulturbetrieb. Er leitete das Feuilleton der "Zeit", das war die maßgebliche Instanz der intellektuellen Debatten.

Eitelkeit als Normalfall des Kulturbetriebs
© dpa/Hanns-Jochen Kaffsack   Lupe
Siegfried Lenz (l-r) und Günter Grass sitzen mit dem Literaturkritiker Fritz J. Raddatz beim Kongress des Verbandes Deutscher Schriftsteller 02.03.1980
Nun hat er genau über diese Zeit seine Tagebücher veröffentlicht, die auch wegen dieses voyeurhaften Zugangs erheblichen Unterhaltungswert besitzen. In diesem Tagebuch bekommen alle ihr Fett weg, auch ein Grund, das die fast 900 Seiten recht kurzweilig daherkommen. Es ist eine Abrechnung mit dem Kulturbetrieb, mit den "Kretins von Künstlern", Kritikerkollegen und den ewigen Langweilern geworden. "Seine Ausfälle gegen Freund und Feind, Kollegen und Konkurrenten sind nicht Ausrutscher, sondern Prinzip" schreibt Hannes Schwenger im "Tagesspiegel". Seinen "unerbittlichen" Freund Grass nennt er "pubertär-phantasielos", Gräfin Marion Döhnhoff eine "Inge Meisel des Journalismus", Jean Améry spiele "in der Provinzliga", Thomas Bernhard sei "nur ein Literaturclown", Stefan Heym "nimmt sich so wichtig, dass er auf meine Komplimente reinfällt" usw. Nach seinen Angaben habe er inhaltlich an den Tagebüchern nichts verändert, nichts redigiert und retuschiert. Er habe nur an den Stellen gekürzt, wo er sich zu wehleidig vorkam.

"Who is Who" des Nachkriegsdeutschlands
Alle kommen vor, Augstein, Grass, Walser, Enzensberger und Willy Brandt. Ein "Who is Who" des Nachkriegsdeutschlands, geschrieben mit spitzer Feder, gnadenlos und liebend zugleich, verletzt und verletzend. Er war mittendrin, und doch fühlte er sich auf gewisse Weise nicht dazugehörig. Vielleicht konnte Fritz J. Raddatz genau aus diesem Grund die Welt der Schriftsteller, Literaturkritiker und Verleger in seinen Tagebüchern so genau beschreiben. Ein Eitler, der mit elegantem Anzug und Einstecktuch die Eitlen seiner Profession beschrieben hat. Alles ist vergänglich, auch der Ruhm. Das Einzige, was bleibt, ist zu wissen, dass man im Fall seines Todes auf Sylt zwischen Suhrkamp, Avenarius und Baedeker beerdigt wird - "mehr kann man wohl nicht verlangen ...".

Peter Voß hat Fritz J. Raddatz in seine Sendung "Peter Voß fragt..." eingeladen. Unter dem Motto "Ist alles eitel?“ spricht er mit ihm über sein ereignisreiches Leben, die Vergänglichkeit und den Literaturbetrieb.


Vita:
Fritz J. Raddatz, ev., wurde am 3. Sept. 1931 in Berlin als Sohn eines UFA-Direktors geboren. Er studierte Germanistik, Geschichte, Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte und Amerikanistik an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin und machte dort 1953 Staatsexamen. Nach dem Studium war er zunächst beim Staatsverlag „Volk und Welt“ in Ostberlin beschäftigt. Es folgten bis 1969 Stationen beim Kindler-Verlag in München und beim Rowohlt-Verlag in Hamburg-Reinbek, wo er als Cheflektor und stellvertretender Leiter tätig war. 1977 wurde Raddatz Leiter des Feuilletons bei der „Zeit“. Nach der Veröffentlichung eines falschen Goethe-Zitats nahm er 1985 seinen Abschied und arbeitete seit 1986 als Kulturkorrespondent der Wochenzeitung. Raddatz ist weithin als Übersetzer, Autor und Herausgeber geachtet. Zuletzt veröffentlichte er seine Tagebücher und den literarischen Reiseführer "Nizza – mon amour".

Sendedaten
Montag, 6. Dezember 2010, 22.25 Uhr

Eine Hörfunkfassung wird am 7. Dezember 2010 um 22.15 Uhr auf SWR cont.ra ausgestrahlt.

Biografie
Außenseiter mittendrin
Kulturzeit: Die Tagebücher von Fritz J. Raddatz
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