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© dpa Video
Die deutsch-türkische Soziologin und Schriftstellerin Necla Kelek setzt sich mit der türkisch-muslimischen Parallelgesellschaft in Deutschland auseiander.
Peter Voß fragt Necla Kelek
Hat Thilo Sarrazin recht?
Necla Kelek war es, die das umstrittene Buch von Thilo Sarrazin im August der Presse vorstellte. Sie hat es, nach eigenen Angaben, nicht bereut. Beide, Kelek und Sarrazin eint eine kritische Haltung zur Integration türkischer Migranten und die Kritik des Islams als rückständige und den Gedanken der Aufklärung konträr entgegenstehende Religion.
Prominente "Islamkritiker"
Necla Kelek und Thilo Sarrazin gehören zu den prominentesten oder sagen wir treffender, exponiertesten Islamkritikern. Während Sarrazin wenige Berührungspunkte mit dem Islam hat, ist Necla Kelek als Muslima aufgewachsen und hat sich aufgrund ihrer negativen persönlichen Erfahrungen von ihm emanzipiert. Kelek wurde in Istanbul geboren, ihre Familie wanderte 1966 nach Deutschland aus. Um eine fundierte Schulausbildung musste sie in ihrem islamisch-konservativen Elternhaus kämpfen.

Nachdem sie sich als Soziologin zuerst mit Integrationsfragen beschäftigte, ist sie in den letzten Jahren vor allem als fundierte "Islamkritikerin" in Erscheinung getreten. Ihr Thema, die fehlende individuelle Freiheit im Islam, ist biografisch geprägt: "Ich habe mich in diesem Sinne aus dem autoritären Kollektiv der Türken und Muslime gelöst," gab sie in einem Interview mit der Welt zu Papier. Diese Freiheit einzufordern ist ihr Anliegen. Der Islam durchdringe alle Lebensbereiche so nachhaltig, reglementiere das Leben der Gläubigen so intensiv, dass dieses "zu einem anderen als in der deutschen Mehrheitsgesellschaft üblichen Verhalten führt," schreibt Kelek in ihrem neuen Buch "Himmelsreise – Mein Streit mit den Wächtern des Islam".


Ist der Koran interpretierbar?
Schon den Titel finden viele Muslime als Provokation. Die Himmelsreise Mohameds ist eine ihrer zentralen Erzählungen. Dass Kelek den Koran mit literaturwissenschaftlichen und historischen Methoden analysiert, ist für konservative Moslems inakzeptabel. Für sie sind die Suren verschriftliches unabänderliches Gotteswort und keine literarische oder historisch analysierbare Erzählung. Mit den Fragen "wer hat den Koran geschrieben und warum," überschreitet sie für Moslems eine Grenze. Von radikalen Muslimen wird sie deswegen beschimpft, verfolgt und bedroht.

Genauso wie Kelek die zentralen Texte des Islam einer kritischen Prüfung unterzieht, so fordert sie auch eine Analyse der islamisch geprägten Gesellschaft. Sie ärgert sich, dass man immer gleich unterstreicht, was es doch für positive Beispiele gebe, anstatt sich mit den Problemen auseinanderzusetzen. Da rebelliere ihre "deutsche Seite: So hab‘ ich das nicht gelernt. (...) Ich erlebe ja, wie die Deutschen sich selbst gegenüber, wie kritisch sie sind – obwohl hier soviel funktioniert."


Islam als Grund für eine gescheiterte Integration?
Die Integration der Türken habe zum überwiegenden Teil nicht funktioniert, gibt Kelek zu bedenken. Sie sieht den Grund für das Scheitern auch in der Religion: Der Islam und sein Wertekanon stehe konträr zu dem westlich-liberalen Gedankengut der Menschenrechte und den Verfassungsgütern. Der Islam als soziale Lebenswirklichkeit sei in der heute praktizierten Form nicht in eine demokratische Gesellschaft integrierbar. Er stelle quasi einen Gegenentwurf dar.

Viele der provokanten Analysen und Beispiele in Keleks Buch geben eine Binnensicht, die vielen anderen Migrationskritikern fehlt. Die Einführung in die Werte des Islam ist jedoch im negativen Sinn autobiographisch gefärbt, geben ihre deutschen Kritiker zu bedenken: Ohne zu psychologisieren könne man die gescheiterte Integration Keleks Familie als Grund für die Rigorosität ihrer Kritik sehen.

Sie muss sich außerdem den Vorwurf gefallen lassen, dass ihr Freund – Feind - Weltbild zu eng ist, um die vielen unterschiedlichen Strömungen des Islams zu erfassen. Die Verschiebung innerhalb der Religion zu einem offeneren, antifundamentalen, die Freiheit betonenden Islam, der vor allem in der moslemischen intellektuellen Elite zu finden ist, ignoriere Kelek ganz bewusst.

Sehen Sie am Montag, 18. Oktober 2010, 22.25 Uhr ein Gespräch mit Necla Kelek und dem Gastgeber Peter Voß, in dem die unterschiedlichen Aspekte der aktuellen Debatte zum Thema Einwanderung und Islam thematisiert werden.


Literatur:
Necla Kelek: Himmelsreise. Mein Streit mit den Wächtern des Islam. Kiepenheuer & Witsch 2010, Köln, ISBN 978-3-462-04197-2, 18,95 Euro.

Sendedaten
Montag, 18. Oktober 2010, 22.25 Uhr
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