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Hans Küng, 81, ist emeritierter Professor für ökumenische Theologie an der Universität Tübingen und Präsident der Stiftung Weltethos ->> Video
Peter Voß fragt Hans Küng
"Unfehlbar?", so hieß das aufsehenerregende Buch von Hans Küng aus dem Jahr 1970. Der Titel "Unfehlbar!" währe nicht schlimm gewesen. Doch das Fragezeichen stellte ein Schisma (Abspaltung), wenn nicht sogar Häresie (Irrlehre) dar.
Was ein Fragezeichen bewirken kann!
Nach dem Katholizismus besitzt der Papst diese Unfehlbarkeit, wenn er einen Lehrsatz in einem feierlichen Akt ("ex cathedra") zu einem Dogma erklärt. Die Kirche entwickelte seit 5. Jahrhundert diese Vorstellung und goss sie 1870 in einen (natürlich selbst unfehlbaren) Glaubenssatz. Doch wie kann der theologische Laie sich die Unfehlbarkeit des Papstes vorstellen? Wie nimmt Gott in dem Moment Einfluss, wie offenbart er sich, wird sich der Laie fragen?


"Mein Beruf ist nicht Papstkritiker"
Hans Küng ist kein Laie, sondern ein Fachmann. Doch auch der Tübinger Theologe und emeritierte Professor wollte nicht an diesen Grundsatz der Unfehlbarkeit eines "Menschen" festhalten. Küng hatte bis zu diesem gedruckten Fragezeichen eine steile Karriere in der katholischen Kirche hinter sich: Der 1928 geborene Küng studierte an der päpstlichen Elite-Universität Gregoriana in Rom, wurde 1954 zum Diözesanpriester von Basel geweiht, folgte 1960 einem Ruf als Professor an die theologische Fakultät der Universität Tübingen und nahm als Experte am Zweiten Vatikanischen Konzil teil.

Nach der Veröffentlichung seiner Thesen, die auch an dem Zölibat der Priester rüttelten, entzog ihm die Deutsche Bischofskonferenz 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis. Küng wechselte deshalb auf einen fakultätsunabhängigen Lehrstuhl für ökumenische Theologie, versuchte aber jederzeit den Dialog mit seiner Kirche aufrechtzuhalten, in der er fest verwurzelt ist. Im Mittelpunkt seiner Kritik steht jüngst sein ehemaliger Weggefährte Benedikt XVI, dem er vorwirft, sehr viele Menschen vor den Kopf gestoßen zu haben: Die negative Äußerungen des Papstes über den Islam und das Judentum sowie seine Entscheidung, vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft zu rehabilitieren, sind für Küng der Beleg, dass sich "der Papst der Restauration verschrieben hat". Das klingt immer noch sehr rebellisch, doch "ein Rebell", sagt Küng, "das höre er gar nicht gerne".

Obwohl Küng reichlich Kritik an der Kirche und ihren "überkommenen" Strukturen geübt hat, sieht er sich nicht als Berufskritiker, sondern als Ideengeber: Warum sollten Katholiken und Evangelen nicht gemeinsam das Abendmahl feiern dürfen? Warum dürfen Priester nicht heiraten? Warum können keine Frauen die Messe sprechen? Es sind diese Ideen Küngs, die ihm viel Sympathie an der katholischen Basis einbringen. Einige innerkirchliche Reformkräfte haben sich wiederholt für einen Rehabilitation Küngs ausgesprochen.


Weltfriede ist nur mit den Religionen möglich
Zwei zentrale Anliegen scheinen Küng von besonderer Wichtigkeit: Zum einen ist es das "Projekt Weltethos": In allen Religionen steckt ein gemeinsamer Kern, ein gemeinsamer Bestand von Kernwerten, die Grundlage für ein Weltethos bilden. Diese Werte, wie zum Beispiel das Tötungsverbot sollten zu einem religionsübergreifenden allgemeinverbindlichen Ethos entwickelt und verbreitet werden. Der Weltfriede ist, so Küng, nur mit den Religionen möglich. Eine Meinung, die in Zeiten des Fundamentalismus und der religiösen Konflikte nicht unumstritten ist. Küng verneint die These, dass unterschiedliche Religionen die Ursache für kriegerische Auseinandersetzungen sind, meist seien religiöse Motive nur vorgeschoben.

Bereits 1990 hatte Küng in seinem Buch "Projekt Weltethos" formuliert: Es gibt keinen Frieden unter den Völkern, wenn es keinen Frieden unter den Religionen gibt. Es gibt keinen Frieden unter den Religionen, wenn es keinen Dialog gibt. Und es gibt keinen Dialog, wenn es keine globalen ethischen Grundsätze gibt.


Ein Fundament ist niemals das ganze Haus
Das zweite große Anliegen Küngs ist die Auseinandersetzung mit der Wissenschaft: angefangen beim Umgang der katholischen Kirche mit Galileo Galilei (der Fall hätte Auswirkungen bis heute und hat das Verhältnis der Naturwissenschaftler zur katholischen Kirche langfristig vergiftet, so Küng) über die Lehren Darwin bis hin zu den neusten Erkenntnissen der Hirnforschung. Dabei trennt Küng die beiden Bereiche streng und zitiert Kant, der bewiesen habe, dass die reine Vernunft außerhalb von Raum und Zeit nicht zuständig sei. Gottes Existenz könne man nicht mit logisch zwingenden Argumenten begründen, sondern nur in einem vernünftigen Vertrauen annehmen: Gott ist nicht wissenschaftlich beweisbar. Wissenschaft und die Kirche hätten viele Fehler gemacht, indem sie sich jeweils absolut setzten. Heute gehe es um eine Neubestimmung, um ein neues Gleichgewicht zwischen den beiden. Vernunft, Wissenschaft, rationale Philosophie und demokratische Staatsauffassung gelte es zu verteidigen, gerade auch gegenüber religiösem Fundamentalismus. Die Naturwissenschaften sind das Fundament, das Fundament sei aber niemals das ganze Haus.

Warum etwas ist und nicht nichts
Dieser aufgeklärte, zutiefst antifundamentale Glaube, den Küng vertritt, ist sicherlich sehr zeitgemäß. Doch woher nimmt Küng seine Gewissheit der existenz Gottes? Bei dieser Frage hält es Küng mit Leibnitz: Gott ist die Antwort auf die Frage "warum etwas ist und nicht nichts."

Sendedaten
Montag, 21. Juni 2010. 22.25 Uhr
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