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Peter Voß fragt Sönke Neitzel
28. August
Immer wieder Krieg?
Ist es eine Ideologie wie Faschismus und Stalinismus, die aus braven Bürgern gewalttätige Bestien machen? Der Historiker Sönke Neitzel forscht über Kriege und Gewalt ...
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Hamed Abdel-Samad
10. April
Mohammed - Ende eines Tabus?
Hamed Abdel-Samad polarisiert die Öffentlichkeit mit seinen islamkritischen Thesen. In seinem jüngsten Buch rechnet er schonungslos ab.
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Peter Voß fragt Frank Schirrmacher
Wie verändert das Netz unser Denken?
Ist Frank Schirrmacher ein Cyborg? Also ein Mensch, der sich mit Hilfe von elektronischen Modifikationen an neue Umweltbedingungen angepasst hat? Sie finden es abwegig, dass der Herausgeber der Frankfurter allgemeinen Zeitung durch computertechnische Bauteile ergänzt wurde? Dann haben Sie anscheinend noch nicht sein neues Buch "Payback" gelesen.
Mensch oder Maschine: wer ist der Herr im Haus?
In diesem beschreibt Schirrmacher, wie sehr er inzwischen die digitalen Assistenten und Programme, von I-Phone bis PC, in seinen Alltag integriert hat, und wie sehr sie ihn (und uns) bestimmen.

In den letzten Jahren stürzen sich viele Journalisten auf die Anwendungen des "Web 2.0". Sie versuchen durch eine "herzliche Umarmung" die Sorge abzustreifen, dass herkömmliche "Bezahlmedien" durch das Internet, in dem vieles sofort und umsonst zu haben ist, marginalisiert werden könnten: Kai Diekmann, der Herausgeber der Bildzeitung, bloggt, genau wie der WELT-Chefredakteur Thomas Schmid, der Tagesschauchef Kai Gnifke tut es schon lange. Harald Martenstein unterhält ein Viedeoblog für die "Zeit", genau wie Matthias Matussek für den "Spiegel".

Dialog zwischen Informatik und Feuilleton
Nun ist auch Schirrmacher zu den Nutzern gestoßen; twittert und surft was die Tasten hergeben, mailt, simst und beteiligt sich vermutlich sogar bei der Onlineenzyklopädie Wikipedia. Dabei ist es Schirrmacher ergangen, wie es vielen Nutzern geht: Er ist von der Masse der Medien, die gleichzeitig seine Aufmerksamkeit beanspruchen, und der Masse der Angebote im Internet überfordert. "Mein Kopf kommt nicht mehr mit" überschreibt er symptomatische das erste Kapitel. Es ist also folgerichtig, dass Schirrmacher seine Erkenntnisse in Buchform packe und nicht als Text ins Internet einstellte, denn nur die lineare, ungestörte Lektüre eines Buchs fördert wahre Erkenntnis, könnte man den Autor sinngemäß zitieren.

Schirrmachers Selbstversuch ist auf Dauer angelegt. Er scheint schon lange die Entwicklung des Netzes zu beobachten und ist ebenso mit theoretischer Informatik vertraut wie mit den Zukunftsvisionen der Apologeten des Internet und der Netzkultur.


Das Gehirn lernt - und baut sich um
Auf diesen umfangreichen Background gestützt führt Schirrmacher aus, dass das Internet unser Verhalten verändert, manche intellektuellen Fähigkeiten verkümmern lässt und unser Gehirn und die Verschaltung der Synapsen umbaut. Jeder, der einem Kind beim ersten Umgang mit der Maus und Tastatur zugesehen hat, kann nicht abstreiten, dass die Bedienung von PC und Co ein aufwändiger Lernprozess ist, in dem sich der Mensch der Technik anpasst. Jeder der schon eine Nacht mit einer Diskussion im Internet oder einem PC-Spiel verbracht hat, weiss von der soghaften Wirkung des Netzes. Jeder, der sich beim ziellosen Surfen in abgelegene Ecken und Abgründe der menschlichen Existenz ertappt hat, bestreitet das Verführungspotential nicht mehr.

All dies beschreibt Schirrmacher, macht deutlich, wie sehr die Maschinen unseren Alltag beherrschen und wie sehr wir unser Verhalten nach Mustern ausrichten, die uns die Technik aufzwing: Die verschiedenen Medien drängen die Nutzer zum permanenten Multitasking, also zur zeitgleichen Ausführung verschiedener Tätigkeiten - dies sei nicht fortschrittlich, sondern Körperverletzung, so Schirrmacher.


Und fast täglich grüßt das Atomkrieg-Hoax
Diese Diskussion ist keineswegs neu und die Hirnforschung bestätigt teilweise die Anzeichen für den Einfluss der "Neuen" Medien. Neu ist, dass sich ein "Großmeister des Feuilletons" als Kenner der Materie outet. Doch den vielen richtigen und wichtigen Beobachtungen folgen in "Payback" prophetische Einsprengsel und vermeintliche Fakten aus zweifelhaften Quellen: Dass das heutige Internet auf Programmcode aufbaut, die von der US-Luftwaffe für Kommunikation nach einem atomaren Schlagabtausch mit der UDSSR entwickelt wurde, ist ein schon oft wiederlegtes Hoax (Internet-Gerücht).

Schirrmacher führt auch eine "Studie" an, dass das 2003 neuentstandene Wissen fünf Extrabite groß sei, was als Zahl allen jemals von Menschen auf der Erde gesprochenen Worten entspräche!?! Solche "Studien" werden immer gerne herangezogen, wenn man auf die Trageweite des Umbruchs durch die Technologie XY hinweisen möchte. Ohne zu überlegen, wie man die jemals auf der Erde gesprochenen Worte denn messen könnte, und ohne zu reflektieren, dass weder qualitative noch quantitative Erhebungen "neuer Information" methodisch noch logisch haltbar sind, übernimmt Schirrmacher unnötigerweise den Argumentationsstil und die Quellenauswahl, die leider in Blogs und Netzwerken zuhauf zu finden sind. Diese kleinen Patzer sind schade, vermiesen aber nicht die "Tour de Force" durch die Ideengeschichte des Netzes und die Gedanken über eine mögliche Maschinenherrschaft, den sich Schirrmacher fast genüsslich hingibt.


Der Autor scheint, im Gegensatz zu den anderen bloggenden und twittenden Chefredakteuren, ein Bewohner des Netzes geworden zu sein, der sich nach "Feierabend mit falschem Namen in die Sozialen Netzwerke einklinkt. Er ist derart mit seinem elektronischen Maschinen verbunden, dass er es ohne sie nicht mehr aushalten kann. Insofern ist die Zuschreibung "Cyborg" zwar nicht ganz richtig, aber zumindest nahe dran. Seine bloggenden und twittenden Kollegen hat er mit seiner theoretischen Reflexion, auch wenn sie auf bedrucktem Papier erschienen ist, um Längen geschlagen.

Literatur:
Frank Schirrmacher: Die Zukunft des Kapitalismus; herausgegeben zusammen mit Thomas Strobl, edition Suhrkamp Nr. 2603, Berlin 2010 ISBN 978-3-518-12603-5, 12.00 Euro

Frank Schirrmacher: Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen Karl Blessing Verlag, München 2009, ISBN 978-3-89667-336-7, 17.95 Euro


Sendedaten
Wh. Mittwoch, 19. Mai 2010, 6.00 Uhr

Es: Montag, 17. Mai 2010, 22.45 Uhr

Eine Hörfunkfassung wird am 18. Mai 2010 um 22.15 Uhr auf SWRcont.ra ausgestrahlt.

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