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Peter Voß fragt Hans-Werner Sinn
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Staatsschulden: Zement oder brüchiger Kitt?
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Peter Voß fragt Udo Di Fabio
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© dpa Video
Peter Voß fragt Thilo Sarrazin
"Was taugt der Euro?"
Die Thesen von Thilo Sarrazin spalten. Erst im Oktober 2009 haben seine Äußerungen zu einem empörten Aufschrei in den Medien und in der Politik geführt. Unbestritten ist jedoch, dass Sarrazin ein ausgewiesener Finanzexperte ist.
Kennen Sie Hans Georg Fabritius oder Hans-Helmut Kotz? Vermutlich nicht. Kennen Sie Thilo Sarrazin? Vermutlich schon. Alle drei Herren sind Vorstände der Deutschen Bundesbank in Frankfurt. Während die ersten beiden, zuständig für die Bereiche Controlling und Finanzstabilität, nicht mahl eine Seite in der Internetenzyklopädie Wikipedia besitzen, kommt Sarrazin auf einen äußerst umfangreichen Eintrag mit einer rund 50-seitigen Diskussion. Wie ist es möglich, dass Sarrazin auch außerhalb der monetären Fachkreise bekannt ist, die übrigen Vorstände und sogar die Vorsitzenden aber nicht?

Vom Stammhirn direkt ins Sprachzentrum
An seinem Aufgabenbereich in der Bundesbank wird das nicht liegen: "Informationstechnologie" und "Risiko-Controlling" sind nicht viel spannender als "Finanzstabilität". Sarrazin ist bekannt dafür, dass er sein Herz auf der Zunge trägt, das hat ihn berühmt gemacht. Wobei er selber von sich behauptet, er führe Interviews nicht mit dem Herzen, sondern mit dem Hirnstamm: "Ich kann doch nicht jedes Mal, bevor ich irgendetwas sage, darüber nachdenken, wie es wo ankommen könnte. Die treffendsten Aussagen fließen vom Stammhirn direkt ins Sprachzentrum und werden nicht weiter vom Großhirn kontrolliert - sonst werden sie (die Interviews) ja auch nicht wirklich gut." (Spiegel 3/2009).

"Der Brandstifter von der Bundesbank"
Eigentlich ist Sarrazins Herz, oder eben der Hirnstamm rot, wie die SPD, deren Mitglied er ist und für die er im Berliner Senat saß. Viele schieben ihn aber in eine braune Ecke - womit sie Sarrazin sicherlich Unrecht tun. Zutreffend ist: Der Provokateur Sarrazin ist immer für einen Skandal gut. In einem fünfseitigen Interview mit der - eigentlich für Skandale und Provokationen unverdächtigen - Intellektuellenzeitschrift "Lettre International" hatte Sarrazin behauptet, 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin würden den deutschen Staat ablehnen: "Eine große Zahl an Arabern und Türken hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich auch vermutlich keine Perspektive entwickeln." Und weiter: "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert."

Die Reaktionen waren zwar nicht einhellig, aber zum überwiegenden Teil ablehnend: "Der Brandstifter von der Bundesbank", titelte der Tagesspeigel, Sarrazin sei ein politischer Provokateur, der mit der Bratpfanne und nicht mit dem Florett kämpfe, schreibt die Frankfurter Allgemeine in einem Kommentar, er habe dem Ansehen der Bundesbank geschadet und müsse zurücktreten. Später befand Sarrazin, nicht jede Formulierung sei "gelungen" gewesen. Es sei nicht sein Ziel gewesen, "einzelne Volksgruppen zu diskreditieren".


Hüterin der Geldwertstabilität
Erstaunlich ist, dass das Interview zehn Mal mehr Aufmerksamkeit auf die Bundesbank lenkte, als ihre Arbeit, die in den Krisenzeiten eigentlich viel Beachtung verdient. Es scheint, dass die Bank in der öffentlichen Diskussion um die Geldpolitik, auch im Falle Griechenland, nicht mehr viel zu melden hat. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Presse an den Lippen des Vorsitzenden hing und die Bundesbank Hüterin der Geldwertstabilität war. Die Europäische Zentralbank hat ihr in diesen Aufgaben längst den Rang abgelaufen. Dennoch ist die Bundesbank eine Behörde mit über 10 000 Mitarbeitern, die sich zum Beispiel um Goldreserven, den elektronischen Zahlungsverkehr zwischen den Banken, dem Raport der Geldmenge an die EZB und mit der Bankenaufsicht beschäftigt – einen Job, das zeigt die Bankenkise, der durchaus akribischer erledigt werden sollte.

Wo soll Griechenland Insolvenz anmelden?
Die Aufgaben, vor denen die Vorstände der Bundesbank stehen, sind enorm. Die Probleme Griechenlands sind seit der Einführung des Euros auch die Probleme Deutschlands. Unzureichend waren die Sanktionen, die Europa für den Fall vorsah, dass ein Mitgliedsland seine Finanzen nicht auf die Reihe bekommt: Denn eine Geldstrafe von der griechischen Regierung zu fordern scheint in der jetzigen Situation mehr als abstrus. Wie ernst es Sarrazin mit seinem Vorschlag in den Salzburger Nachrichten meint, dann Griechenland halt einfach pleitegehen zu lassen, wird er in der aktuellen Ausgabe der Sendereihe "Peter Voß fragt" erläutern. Am 18. März hatte er in der Zeitung auf die Frage, was geschehe, wenn Griechenland sich auf dem Kapitalmarkt kein Geld mehr leihen könne, empfohlen: "Dann muss Griechenland das tun, was jeder Schuldner tut - es meldet eben Insolvenz an." Dieses halte er für das kleinere Übel. Werde Griechenland von der EZB unterstützt, so entstehe "ein Riesendruck auf die Europäische Zentralbank, die Geldpolitik so locker zu machen, dass man die Schulden auch mit Inflation abwenden kann." Peter Voß fragt den umstrittenen Bundesbankvorstand am 19. April 2010, 22.25 Uhr: Was taugt der Euro?

Vita:
Dr. Thilo Sarrazin wurde 1945 in Gera geboren. Der Sozialdemokrat studierte Volkswirtschaft und arbeitete anschließend in mehreren Ministerien und schließlich bei der Treuhand und der Deutschen Bahn AG. Von 2002 bis 2009 war er Finanzsenator in Berlin, im Mai 2009 wechselte er in den Bundesbank-Vorstand.

Sendedaten
Montag, 19. April 2010, 22.25 Uhr
Info
Eine Hörfunkfassung wird am 20. April um 22.15 Uhr auf SWRcont.ra ausgestrahlt.
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