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© dpa Video
Der Autor Martin Walser mit einem Exemplar seines Romans "Ein liebender Mann"
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Leben und Schreiben - jenseits der Kritik?
"Die Walsers haben das Zeug zur Telenovela" schrieb unlängst Uwe Wittstock in der "Welt". Nicht nur die Vaterschaft von Jakob Augstein und der Zusammenhalt mit seinen vier teilweise literarisch aktiven Töchtern, sondern auch die Feindschaft zum Großkritiker Marcel Reich Ranicki haben etwas Romanesk-Episodisches.
Tote Rezensenten und symbiotische Beziehungen
An bösartigen Zitaten von Schriftstellern über Kritiker mangelt es nicht: "Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent“, schrieb schon Goethe, und bis heute hat sich nicht viel an dem Verhältnis der Berufsgruppen verändert. In den Anfangsjahren ist der werdende Autor dringen auf gute Rezensionen angewiesen, um aus dem Gros der Veröffentlichungen herauszuragen. Werden die Autoren erfolgreich und eine feste Größe im Literaturbetrieb, kehrt sich das symbiotische Verhältnis der Berufsgruppen um: Der Journalist ist auf den Literaten angewiesen.

Walser, ein radikaler DKP-Sympatisant?
Bei Martin Walser erfolgte die erste Initialkritik durch die legendäre Gruppe 47. Die als "Inquisitionstribunal" gefürchtete Gruppe prämierte Walsers Erzählung "Templones Ende" 1955 und öffneten dem Autor so den Weg in den Suhrkamp-Verlag. Walsers Kommilitone Siegfried Unseld empfahl dessen erstes Buch "Ein Flugzeug über dem Haus" seinem Chef Peter Suhrkamp. Weitere Ehrungen für den schaffenswütigen Walser folgten, doch die Jahre als Jungstar am Literaturhimmel waren gezählt. Die 1970er Jahre waren für Walser eine Durststrecke: Seine Bücher verkauften sich nicht, wodurch die finanzielle Lage der sechsköpfigen Familie ernst wurde. Zudem rückten alte Leser von ihm ab, da er als - heute schwer vorstellbar - radikaler DKP-Sympatisant gebrandmarkt wurde. Doch seine eigentliche Krise sollte noch kommen.

Die ewige Wunde Marcel Reich-Ranicki
Nach dem Erscheinen des Romans "Jenseits der Liebe" im März 1976 druckte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) einen Verriss ihres Chefkritikers Marcel Reich-Ranicki ab, der in die Annalen der Literaturkritik eingehen sollte: "Jenseits der Liebe" sei "ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen. Lohnt es sich, darüber zu schreiben? Ja, aber bloß deshalb, weil der Roman von Martin Walser stammt, einem Autor also, der einst, um 1960, als eine der größten Hoffnungen der deutschen Nachkriegsliteratur galt."

Wie sehr Walser diese Kritik in den seelischen Abgrund stürzte, legt er in dem kürzlich erschienenen dritten Band seiner Tagebücher "Leben und Schreiben" 1974 – 1978 da. Walser zeigt auf erschreckende Weise, wie er sich in Hass und Rachegedanken hineinsteigert: Er fantasiert, wie er den mächtigsten deutschen Kritiker abstraft, wie er ihn zur Rede stellen würde, wie er ihn ohrfeigen wolle. "Beim Lesen dieses Bandes (seiner Tagebuchsaufzeichnungen) wird auch der größte Walser-Kenner aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Bewunderung und Fassungslosigkeit dürften sich zunächst die Waage halten angesichts der Selbstenthemmung, mit der da einer seine Haut zu Markte trägt", schreibt Alexander Cammann in der "Zeit".


Seelendrama eines Schriftstellers
Diese teifsitzende Verletzung durch Marcel Reich-Ranicki, der übrigens das "Jenseits der Liebe" nachfolgende Buch "Ein fliehendes Pferd" in den höchsten Tönen lobte, wird wohl auch Motivation für den Revanche-Roman "Tod eines Kritikers" gewesen sein. In diesem Buch lässt Martin Walser kaum ein gutes Haar an Marcel Reich-Ranicki, den er "André Ehrl-Königs" nennt. Da es eine "Exekution", eine "Abrechnung" mit Ranicki sei, so der Herausgerber der FAZ Frank Schirrmacher, verweigerte die Zeitung den von Walser gewünschten Vorabdruck. Damals waren die Gründe für den Zorn gegen Ranicki nicht direkt nachvollziehbar. Es ist, als wolle sich Walser mit der Veröffentlichung seiner Tagebücher, die sich über 100 Seiten lang mit Ranicki beschäftigen, erklären. Walser öffnet sich denen, die sich für ihn interessieren.

Spätestens zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von "Tod eines Kritikers" hatte sich das Verhältnis zwischen Kritiker und Schriftsteller grundlegend verändert. Nicht Reich-Ranicki schrieb über Walser, sondern der Kritiker war (und ist) Opfer der Anfeindungen des mächtigen Autors. In beide Richtungen gilt deshalb das Zitat des französischen Schriftstellers François-Gaston duc de Lévis: "Die Kritik ist eine Steuer, die der Neid dem Talent auferlegt" – für Walser ebenso wie für Ranicki.


Literatur
Martin Walser: "Leben und Schreiben. Tagebücher 1974 - 1978", Rowohlt Verlag, Reinbek, 590 Seiten, ISBN978-3498073695, 24,95 Euro

Sendedaten
Montag, 29. März 2010 um 22.25 Uhr

Wh. Mittwoch 31. März 2010, 6.00 Uhr

Info
Eine Hörfunkfassung der Sendung wird am 30. März 2010 um 22.15 Uhr auf SWRcont.ra ausgestrahlt.
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