Übersicht
Kalender
Oktober 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
25
26
27
28
29
30
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
03
04
05
Peter Voß fragt Hans-Werner Sinn
20. November
Staatsschulden: Zement oder brüchiger Kitt?
Wird sich im Sprachgebrauch neben dem "Schwarzen Freitag" (1929) auch der "Schwarze Juni" als Redensart einbürgern?
Navigationselement
Peter Voß fragt Udo Di Fabio
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio...
Navigationselement
Hertie-Stiftung © Hertie-Stiftung Video
Peter Voß fragt Michael Madeja
Unser Gehirn – das unbekannte Wesen?
Der Neurowissenschaftler Michael Madeja ist Experte für das menschliche Gehirn und seine Erkrankungen. Er hat nun ein Sachbuch geschrieben, in dem er sehr anschaulich das Gehirn und seine Funktionen erklärt.
Auch die Neurowissenschaft kocht mit Wasser
Manche Germanisten behaupten, das Lesen eines Sachbuchs sei nichts als "Verschwendung von Zeit, bei der - und das ist das Entscheidende - der Leser sich aber die ganze Zeit vorstellt, dass er seine Zeit sinnvoll nutzt." Träfe die Behauptung zu, so stellt sich die Frage: Warum sollten wir "Das kleine Buch vom Gehirn" des Neurologen Michael Madeja lesen?

Der Autor Madeja gibt im Nachwort seine Antwort: Es sei wichtig zu verstehen, dass auch die Neurowissenschaft nur mit Wasser koche und manche Hirnfunktion, entkleidet vom Korsett der Fachbegriffe, eher banal sei. Dieses klingt etwas vermessen, genau wie der Versuch, über das Gehirn - das komplizierteste System, dass wir kennen - ein "kleines" Buch zu schreiben. Madeja hat es dennoch versucht und es ist ihm gelungen, ein überaus verständliches Werk über etwas extrem Komplexes zu verfassen.


Von Biertrinkern und Bankberatern
"Normale" neurowissenschaftliche Literatur liest sich anders: Thema ist die Weiterleitung von Signalen im Gehirn: "Eine Erregung wird von anderen (Nerven-)Zellen über Dentrite aufgenommen und über Axonhügel weitergeleitet. Die normale Nervenzelle hat einen ausgedehnten Dentritenbaum und ein Axon. (...) Eine einzelne Synapse erregt die subsynaptische Membran in Form eines sogenannten exzitatorischen postsynatischen Potentials nur sehr wenig, ... " (Auszug aus Gerhard Roth, "Das Gehirn und seine Wirklichkeit" S. 40). Etwas verstanden? Vermutlich nicht.

Madeja und sein "kleines Buch vom Gehirn" erklärt auch, wie eine Nervenzelle arbeitet: Sie "gleicht (der Arbeit eines) Bankkundenberaters, der von vielen Personen Information über Anlagemöglichkeiten bekommt und dann das Resultat seiner Überlegungen als Anlageempfehlung an seine Kunden weitergibt." Viele solche verblüffende Vergleiche finden sich in dem 200 Seiten starken Büchlein. So wird der Natrium- und Kaliumaustausch der Nervenzelle mit durstigen Biertrinkern auf dem Oktoberfest verglichen. Noch erstaunlicher ist, die Leser stolpern nicht über ein einziges Fremdwort aus der Neurowissenschaft. Diese stehen alle in einem nachgestellten Anmerkungsteil und sind an den Stellen, an denen sie eigentlich vorkommen müssten, mit Fußnoten vermerkt. Das hat den Vorteil, dass man im Lesefluss nicht gestört wird und nur wenn einen der Fachbegriff interessiert, kann man ihn nachschlagen.


Der freie Wille ist (k)ein Thema der Hirnforschung
Noch etwas fällt dem kundigen Leser auf: Madejas Ausführung zum "freien Willen", also ob der Mensch in seinen Entscheidungen vollkommen frei ist oder diese ihm von der Gehirnchemie, den Genen und den Erfahrungen vorgegeben werden. Das Thema, über das sein Kollege Roth seitenlange Essays in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - und 600 Seiten umfassende Bücher - schreibt, wischt Madeja einfach vom Tisch: "Der freie Wille ist kein Thema der Hirnforschung", sie könne über den freien Willen keine abschließende Aussage machen. Das ist mutig, doch man hat das Gefühl, Madeja wolle sich klammheimlich davonschleichen, ohne Stellung zu beziehen. Ab und zu spürt auch der Laie, dass es in Wirklichkeit nicht so einfach sein kann, wie Madeja es vermitteln möchte.

Sicherlich tut man beiden genannten Autoren unrecht, wenn man ihre Werke in einen Topf werfen wollte, denn Roths Fachbuch ist eher für angehende Neurobiologen geschrieben, während Madeya sich an Leser wendet, die sich bisher wenig mit dem Thema beschäftigt haben.

Noch einmal zur Frage, warum Madejas populärwissenschaftliches Buch lesenswert ist: Es beschert uns Kompetenz auf einem schwierigen Gebiet, auf dem sich in naher Zukunft entscheidende etische Fragen stellen werden. Medeja ist überzeugt, dass die Wissenschaft schon die meisten Zusammenhänge erkannt habe. Wen dem so ist, könnte es vielleicht bald einen Apparat geben, mit dem sich Gedanken lesen lassen. Spätestens dann muss sich jeder eine Meinung gebildet haben, wann diese Technik angewendet werden sollte (Strafverfahren), ob er die Technik befürwortet oder ablehnt. Die Neurowissenschaft postuliert, dass die gesellschaftliche Natur des Menschen sich aus seiner neurobiologischen Natur ergibt und nicht umgekehrt. Diese Meinung hat sich in den letzen Jahren weitgehend durchgesetzt und wird in der Zukunft unser Zusammenleben bestimmen. Machen wir uns also schlau.


Literatur:
Michael Madeja: Das kleine Buch vom Gehirn - Reiseführer in ein unbekanntes Land
C.H.Beck 2010 ISBN 978-3-406-60097-5, 17,95 Euro.

Vita:
Prof. Dr. Michael Madeja wurde 1962 in Detmold geboren und studierte zwischen 1981 und 1987 Humanmedizin an der Uni Münster. Heute ist er Professor am Fachbereich Medizin der Goethe Universität Frankfurt sowie Bereichsleiter Neurowissenschaften und Geschäftsführer der gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Die Stiftung fördert Forschungsprojekte in unterschiedlichen Disziplinen der Neurowissenschaften und hat unter anderem das "Hertie-Institut für klinische Hirnforschung" in Tübingen aufgebaut.

Sendedaten
Montag, 22. Februar 2010, 23.10 Uhr
Info
Eine Hörfunkfassung wird am 23. Februar um 22.15 Uhr auf SWRcont.ra ausgestrahlt.
Archiv
Links