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© dpa Video
Deutschlands Medizinprüfer und Qualitätmanager in Sachen Gesundheit: Professor Dr. Peter T. Sawicki [Video abspielen>>]
Peter Voß fragt Peter T. Sawicki
"Kommt die Zweiklassenmedizin?"
Das Gesundheitssystem in Deutschland ist zu teuer. Allen Reformen zum Trotz stöhnen die Krankenkassen unter den Lasten. Was darf Gesundheit kosten, was ist ein Tag Leben wert? Peter T. Sawicki steht vor einer schwierigen Aufgabe - er soll prüfen, wie viel Kosten für welchen Nutzen vertretbar sind
"Gesundheit" muss gerecht verteilt werden
"Alle Güter sind begrenzt, auch im Gesundheitswesen" - so einfach diese Feststellung von Peter T. Sawicki ist, so folgenreich ist sie auch. Knappe Ressourcen müssen zugeteilt werden. Im freien Markt hieße dass: Wer am meisten bezahlt, bekommt am meisten. Im alten Europa ist das Gesundheitssystem nicht an diesen, von der Bevölkerung als unethisch angesehenen, Verteilungsschlüssel für medizinische Betreuung ausgerichtet. Es ist Sawickis Aufgabe, für die knappe Ressource "Gesundheit" einen Verteilungsmodus zu erarbeiten. Er muss zum Beispiel Regeln finden, nach denen teure und unnütze Behandlungen ausgeschlossen werden - nicht nur eine medizinische Frage, sondern eine ethische.

Wieviel ist ein Tag Leben wert?
Ein Krebsmedikament, welches hunderttausend Euro kostet und das Leben eines älteren Patienten nur um ein oder zwei Tage verlängert, wird schon heute von der Krankenkasse in der Regel nicht getragen. Doch nun die hypothetische Frage, das Medikament würde das Leben des Patienten um zwei Monate verlängern, währe es dann hunderttausend Euro wert? Wie verhielte es sich mir 20 Tagen - wo sind die Grenzen?

Schon heute trägt nicht jede Kasse alle Behandlungen, vieles muss privat gezahlt werden: vor allem wenn Kosten und Nutzen nicht in Relation stehen oder die Wirksamkeit nicht erwiesen ist. In der Zukunft müssen die Patienten mit noch höheren Kosten rechnen. Eine Zweiklassenmedizin gibt es nach Auffassung vieler schon heute. So müssen sich Kassenpatienten auf lange Wartezeiten bei Fachärzten einstellen, während Privatpatienten sofort einen Termin bekommen. Kassenpatienten werden auch nicht so intensiv mit diagnostischen Verfahren untersucht. Das sei kein Nachteil, witzelt Sawicki: "Privat Versicherte warten kürzer auf unnötige Operationen und überflüssige Röntgenaufnahmen."


Die Probleme der Krankenkassen werden wachsen
Doch lässt sich der Unterschied zwischen privat und gesetzlich versichert auch in Zukunft so einfach ignorieren? Die Gesellschaft wird älter, der Bedarf an medizinischer Versorgung wird größer, die Behandlungen werden teurer, gleichzeitig sinkt die Zahl der Beitragszahler. Peter T. Sawicki versucht mit seinem Institut zu beweisen, dass Qualität und Wirtschaftlichkeit möglich sind. Geld sei genug da, sagt er, das Problem sei Profitgier und Verschwendung.

Ein Beispiel ist das bisherige Verfahren zur Ermittlung von angemessenen Preisen für Arzneimittel. Warum sind die Medikamentenpreise in Deutschland höher als im Rest Europas? Weil die Pharmaindustrie in Deutschland als einzigem Land in Europa den Preis nach eigenem Belieben festsetzen kann, sagt Sawicki. Doch ab Herbst soll sich das teilweise ändern: Neu eingeführte Medikamente müssen einer objektiven Kosten-Nutzen-Bewertung unterzogen werden. Auf Basis dieser Analyse dürfen die Kassen dann Höchstbeträge festlegen. Peter Sawicki leitet die dafür notwendigen Untersuchungen. Sein "Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen" ist Herr des langwierigen Verfahrens zur Begrenzung der Preise für neue Medikamente. Erste Ergebnisse sollen im Herbst 2010 vorliegen. Unverzichtbare Medikamente, für die es keine Alternative gibt, sind von der Regelung ausgeschlossen.


Manche Ärztefortbildungen sind schlicht Werbung
Ein weiterer Kritikpunkt Sawickis: die Einflussnahme der pharmazeutischen Industrie auf Fortbildungen von Ärzten. Meist erzähle auf Fortbildungen ein Professor, der von einem Unternehmen bezahlt würde, "Dinge, die für das Produkt verkaufsfördernd sind. Meist sind es Teilwahrheiten, häufig aber ist es schlicht Werbung für die Präparate des Sponsors. Dafür gibt es dann noch Fortbildungspunkte von der Ärztekammer. Hinterher glauben die Ärzte tatsächlich, sie würden ihren Patienten die bestmögliche Medizin vorenthalten - dabei stimmt das in Wahrheit überhaupt nicht", so Sawicki in einem Interview mit dem Spiegel (13.07.2009). Es gibt noch genügend Arbeit für die Qualitätsicherer im Gesundheitssystem. In der Bühler Begegnung fragt Peter Voß den Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Peter T. Sawicki: "Kommt die Zweiklassenmedizin?".

Peter T. Sawicki studierte in Bonn und Düsseldorf Humanmedizin. Er macht an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf seine Ausbildung zum Facharzt für Innere Medizin. Nach verschiedenen Stationen an der Universitätsklinik Düsseldorf wurde er 2000 Direktor der Abteilung für Innere Medizin des St. Franziskus Hospitals in Köln. Im September 2004 wurde Sawicki zum Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen berufen.

Sendedaten
Montag, 7. September 2009, 22.25 Uhr
Info
Eine Hörfunkversion der Sendung wird am 8. September 2009, 22.15 Uhr, in SWR cont.ra ausgestrahlt.
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