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© dpa Video
Vorstandsvorsitzende der Deutschen Nationalstiftung, Richard Schröder
Peter Voß fragt Richard Schröder
"Ohne Glauben ganz global?"
Christlich, sozialdemokratisch und ostdeutsch
Er sei ein "eloquenter homo politicus", schreibt die FAZ, "ein großer ostdeutscher Denker" die "Bild", ein "Einheitsstifter" der "Tagesspiegel", ein "gelassener Vordenker" der Speigel. Richard Schröder, Professor für Theologie in Berlin, ist vor allem einer, der sich einmischt, unbequeme Fragen stellt und immer einen klaren, festen sowie intelligenten Standpunkt vertritt. Die Themen, mit denen sich Schröder auseinandersetzt, sind biografisch begründet: seine christliche Weltsicht, seine DDR-Vergangenheit und die SPD-Mitgliedschaft, an der er sich bisweilen lustvoll reibt. Schröder studierte in der DDR Theologie und Philosophie war in einem kleinen Ort im Harz Pfarrer, während der Wende engagierte er sich in der Bürgerrechtsbewegung und wurde Mitglied in der Volkskammer. Er trat in die SPD ein und bekam schließlich ein Mandat für den Deutschen Bundestag. Seitdem ist vor allem als Experte und Autor in Erscheinung getreten.

Religion versus Wissenschaft
"Dieses Buch möchte nicht bekehren," schreibt Richard Schröder in seinem neusten Werk. Trotzdem ist es eine engagierte Streitschrift für Gott und die christliche Weltsicht geworden. Es handelt von der Frage, ob die "Abschaffung der Religion", so der Titel, zu einer besseren Welt führe. Diese These hatte Richard Dawkins, der Biologe und Genetiker zuletzt in seinem vielbeachteten Buch "Der Gotteswahn" (2007) vertreten.

In Zeiten von religiös geprägten Konflikten und fundamentalistischem Terror - und der Rückschau eines Christentum mit Inquisition, Kreuzzügen und brutalen Missionierungen - läge der Gedanke nicht fern, dass man ohne Religion besser dran sei, findet auch Schröder. Sein Einwand, dass die letzten zwei Diktaturen auf deutschem Boden nichts mit Religion zu tun hatten und dennoch erschreckendes Leid über die Menschen brachten, ist relevant. Was der Theologe dem Atheisten Dawkins vor allem vorwirft: er sei ebenfalls ein Fundamentalist und wollen zum Nichtglauben missionieren.


"Meinung" im wissenschaftlichen Mäntelchen
Schröder beklagt, dass die Naturwissenschaften, vor allem die Biologie, Genetik und Neurologie, einen Allkompetenzanspruch erheben, wie er ihn nur zu Zeiten des DDR-Unrechtsstaat kennen gelernt habe. Die Naturwissenschaften, so Schröder, hätten den Anspruch alles - inklusive dem Menschen und seinem Verhalten - zur Gänze erklären zu können. Das sei Fanatismus, denn die Naturwissenschaft lasse keine andere (spirituelle) Weltsicht mehr zu. Die Naturwissenschaft fordere, so Schröder, man solle seine bisherigen biografisch gewachsenen Überzeugungen und Erfahrungen vergessen und nur noch "wissenschaftliche" Erklärungen akzeptieren.

Doch nur aus der eigenen (religiösen) Biografie, so Schröder, erwachsen Normen und ethische Grundhaltungen. Dawkins mache den Menschen zu einem Subjekt, zu einer Maschine, die nach physikalischen Gesetzmäßigkeiten funktioniert. Richard Schröder erlebt hier ein DDR-Deja-Vue: Weltanschauliche Meinung umgebe sich mit einem wissenschaftlichen Mäntelchen. Schröder betont, dass der Mensch der Macht der Gene trotzen könne. Die Kritik an Dawkins deterministischen Ansicht, wonach der Mensch lediglich eine "Überlebensmaschine" für egoistische Gene sei, verdient Beachtung.


32 gern geglaubte Irrtümer
Auch in dem 2007 erschienenen Buch "Die wichtigsten Irrtümer über die deutsche Einheit" - es sind immerhin 32 Stück – beweist Schröder Scharfsinn, wenn er die verschiedenen Erinnerungen an die DDR und an die Wende den verschiedenen individuellen Erfahrungen schuldet. "Es gab nicht eine DDR, sondern viele, und es gab nicht eine Wende und einen Aufbau Ost, sondern viele. Der größte Irrtum der Nachwendezeit, so Schröder, sei die Überzeugung, die Einheit sei eine Abfolge von "Pleiten, Pech und Pannen". Egal welchen Maßstab man anlege, ob von Außen oder von innen, historisch sowie verglichen mit anderen ehemals sozialistischen Staaten – die Einheit sei ein Gewinn.

Auch der "Sozialdemokrat" hat bei Richard Schröder scharfe Konturen: Fragen nach den Ursachen der schweren Wirtschaftskrise beantwortet er mit einem Mangel an internationalen Regeln und einem Zeitgeist des "weniger Regeln, desto besser". Der Staat müsse regulieren, um ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Kapital herzustellen. Die gesetzlichen Regeln müssen auch der Gier dem Manager einhalt gebieten, wenn es Moral und Tugend nicht könnten.

Sicherlich ist Richard Schröder mehr als die Themen, mit denen er sich ausenandersetzt, doch in erster Linie und so weit er in den meisten über ihn verfasten Artikeln vorgestellt – er ist ein "ostdeutscher Theologe und SPD-Mitglied".


Literatur:
Richard Schröder: Abschaffung der Religion? Wissenschaftlicher Fanatismus und die Folgen, Freiburg 2008 (Herder-Verlag), 224 S., 14,95 Euro

Richard Schröder: Die wichtigsten Irrtümer über die deutsche Einheit. Freiburg 2007 (Herder-Verlag) 253 Seiten.


Sendedaten
Montag, 20. Juli 2009, 22.25 Uhr,

Wh. Mittwoch, 22. Juli 2009, 6.00 Uhr

SWR-Contra
Eine Hörfunkversion der Sendung wird am 21. Juli 2009, 22.15 Uhr, in SWR cont.ra ausgestrahlt.
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