Übersicht
Kalender
Oktober 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
25
26
27
28
29
30
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
03
04
05
Peter Voß fragt Hans-Werner Sinn
20. November
Staatsschulden: Zement oder brüchiger Kitt?
Wird sich im Sprachgebrauch neben dem "Schwarzen Freitag" (1929) auch der "Schwarze Juni" als Redensart einbürgern?
Navigationselement
Peter Voß fragt Udo Di Fabio
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio...
Navigationselement
© dpa Video
Vertrauenswürdig: Klaus-Peter Müller
Peter Voß fragt Klaus-Peter Müller
"Welchem Banker kann man noch trauen?"
Klaus-Peter Müller ist Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank AG und Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken. Er war maßgeblich an der Erstellung eines ethischen Verhaltenskatalogs für Banken und Unternehmen beteiligt, dem "Corporate Governance Kodex".
Banker, das war ein angesehener Beruf, zumindest vor der Wirtschaftskrise. Weite Teile der Bevölkerung machen die Herren in Nadelstreifen für die gegenwärtige Rezession verantwortlich. Gier, Maßlosigkeit, fehlendes Risikobewusstsein, Unverantwortlichkeit und Eigennutz hätten zu der weltweiten Wirtschaftskrise geführt. Von solchen pauschalen Schuldzuweisungen hält Klaus-Peter Müller nichts. Die Banken hätten sicherlich Fehler gemacht, räumt er ein, doch es gäbe auch andere Schuldige.

Es gibt keine Kollektivschuld der Banker
In diesem Punkt spricht Müller etwas an, das gerne vergessen wird: Wie in Deutschland hatte der amerikanische Staat ein Interesse daran jedem Bürger Wohneigentum zu ermöglichen. Dieses politische Ziel verfolgte die US Regierung mit einer, im Rückblick, gefährlichen Zinspolitik: Zwischen 2000 und 2002 wurden die Zinsen von 6,2 Prozent auf 1,2 Prozent gesenkt. Damit sollten die Auswirkungen des sogenannten Dotcom-Crashs und der Anschläge vom 11.09.2001 aufgefangen werden. Mitte 2003 sanken die Leitzinsen der US-Währungshüter sogar auf 1 Prozent. Die Folge war ein enormer Immobilienboom und Spekulationen mit geliehenem Geld (um es vereinfacht auszudrücken). Mit den Krediten wurden von Banken und anderen Unternehmen wiederum Geschäfte gemacht und die sogenannten Ratingagenturen, welche die Banken und Händler als Firmen bewerten sollen, schätzten diese in den meisten Fällen viel zu optimistisch ein.

Es ist also nicht verwunderlich, dass Müller die Bankmanager nur für teil-schuldig hält: Neben einzelnen Banken hätten "die Politik, gefolgt von Ratingagenturen und Wirtschaftsprüfern ebenfalls Fehler gemacht", kommentierte er in der SZ vom 05.06.2009. Als dieses Kartenhaus mit steigenden Zinsen einstürzte, beging die US-Regierung ihren zweiten Fehler, so Müller. Sie ließ die Lehmann-Bank pleite gehen. Hätte man die Folgen einkalkuliert, wäre eine Rettung letztendlich billiger gewesen.


Müller - Sittenwächter der deutschen Wirtschaft
Es sind viele Faktoren, die zum Versagen eines Systems geführt haben und nicht zum Versagen einzelner Banken. Doch die Finanzhäuser und ihre internen "Regeln" haben maßgeblich dazu beigetragen. Vor allem die Bonussysteme bedürfen einer Reform, gibt Müller zu. Es sollten nicht mehr vermutete Erträge in der Zukunft vergolten werden, sondern nur tatsächliche Gewinne, nur schlimm, dass es einmal anders war. Als Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken und Mitglied der "Corporate Governance Kodex"-Gruppe ist er auch in der Lage diesen Input in den Verhaltenskatalog für Banken und Unternehmen zu integeren. Doch helfen freiwillige Vorgaben bei derart gravierendem Systemversagen? Nein, entgegnet der Großvater der Demokratietheorie, Jürgen Habermaß, und führt in der Zeit (46/2008) aus: "Die Politik macht sich lächerlich, wenn sie moralisiert, statt sich auf das Zwangsrecht des demokratischen Gesetzgebers zu stützen. Sie und nicht der Kapitalismus ist für die Gemeinwohlorientierung zuständig."

Auch Müller streitet einen gesetzgeberischen Handlungsbedarf nicht grundweg ab. Das am 18. Juni 2009 verabschiedete Gesetz, mit dem die große Koalition den Finanzmarkt regeln möchte, gehe in die richtige Richtung, so Müller. Doch es enthalte im Detail unpraktikable Vorgaben, wie die Festsetzung der Vergütung von Vorstandstandmitgliedern durch ein mit unter 60-köpfiges Aufsichtsratsplenum.

Sei es dahingestellt, ob die Einzelheiten umsetzbar sind oder nicht: Die Zeit der freiwilligen Regelungen scheint zu Ende gegangen zu sein. Denn dafür braucht man Vertrauen und dieses ist sowohl zwischen den Banken, wie auch zwischen Gesellschaft und den Bänkern verlorengegangen. So muss sich eine ganze Branche fragen lassen "Welchem Banker kann man noch trauen?"


Vita:
Nach einer Banklehre und seiner Bundeswehrzeit wurde der 1944 geborene Klaus-Peter Müller bereits1966 Mitarbeiter bei der Commerzbank AG. Bis 1990 war er unter anderem Direktor der Filiale Düsseldorf, Mitleiter der New Yorker Dependance des Unternehmens und nach der Wende Leiter der zentralen Abteilung „Aufbau Ost“. 1990 wurde er in den Vorstand der Commerzbank AG berufen, in dem er ab 2001 die Position des Vorstandssprechers besetzte. 2008 wechselte er als Vorsitzender in den Aufsichtsrat des Unternehmens.

Sendedaten
Montag, 29. Juni 2009, 22.25 Uhr
Mediathek
Sehen Sie die komplette Sendung mit Klaus-Peter Müller
Info
Eine Hörfunkversion der Sendung wird am 30. Juni 2009, 22.15 Uhr, in SWR cont.ra ausgestrahlt.
Links
disclaimer
mehr zum Thema