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Sehen Sie die komplette Sendung mit Hansjörg Küster © Andrea Kremper Video
Hansjörg Küster
Peter Voß fragt Hansjörg Küster
"Was ist noch natürlich an der Natur?"
Kultur, Natur, Diktatur? Was hat es mit der Vergangenheit des Naturschutzes auf sich und was ist überhaupt Natur? Peter Voß fragt Hansjörg Küster, Biologe und Pflanzenökologe an der Universität Hannover: "Was ist noch natürlich an der Natur?"
"Naturschutz ist Nazizeugs", wollte man die These des Biologen und Pflanzenökologen Hansjörg Küster karikieren, käme man vermutlich auf diese prägnante Formel. Doch wie bei jeder Karikatur steckt auch hier ein Funken Wahrheit: Nicht nur die Radikalität, mit der eine kleine Minderheit von Naturschützern vorgeht, lässt totalitäre Tendenzen erkennen, es gibt noch andere Zusammenhänge: Die Nationalsozialisten erließen 1935 das erste Naturschutzgesetz, das bis 1976 nahezu unverändert in Kraft blieb. Dieses Reichsnaturschutzgesetz transportierte die Vorstellung, es gäbe eine deutsche/germanische Landschaft mit einer potenziell natürlichen Vegetation, die gegen alles "Fremde" verteidigt werden müsse. Ansatzweise lässt sich diese Vorstellung einer natürlichen deutschen Vegetation noch heute finden.

Der Wald als Verbündeter der Deutschen Nation
Der dichte, naturbelassen Eichenwald ist hierzulande eine Art Nationalmythos. Die Vorstellung, wie unsere Natur auszusehen hat, die Vorstellung von dichten germanischen Wäldern, in denen römische Legionen anfangen zu zittern, ist eine spezielle Deutsche. Der Mythos der Varusschlacht, in der die Germanen die Römer aus Deutschland vertrieben, wurde im 19. Jahrhundert zu einem gegen die Franzosen gerichteten Gründungsmythos. Der Wald wurde sozusagen unser Verbündeter gegen Invasoren von außen.

"Das ist der Teutoburger Wald,
Den Tacitus beschrieben,
Das ist der klassische Morast,
Wo Varus steckengeblieben."

Heinrich Heine: "Deutschland. Ein Wintermärchen."


"Zu viel Wald" - Wie ursprünglich kann Natur sein?
In einem Interview in der Zeitung "Die Welt" vom 11. April 2009 resümiert Hansjörg Küster dieses Verhältnis mit einer einprägsamen Geschichte seines Großvaters: Dieser sei Buchhändler in Hamburg gewesen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs "fragte ihn ein britischer Offizier, welche Bücher man drucken lassen sollte, die die Deutschen wieder friedlich stimmen könnten. Er schlug Grimms Märchen vor. Worauf der Brite antwortete: "Too much wood." (Zu viel Wald)."

Die Thesen von der Ursprünglichkeit der Natur, die dem Reichsnaturschutzgesetz inne wohnten, sind Hansjörg Küster suspekt. Diesen Naturzustand gebe es schon sehr lange nicht mehr. Seit Jahrtausenden greift der Mensch in den Lauf der Natur ein und gestaltet die Landschaft nach den ästhetisch-kulturellen Vorstellungen der jeweiligen Zeit. Ein Wechselspiel von Kultur und Natur hat die heutigen Landschaften hervorgebracht. Wie das vor sich gegangen ist, beschreibt Hansjörg Küster in seinem aktuellen Buch "Schöne Aussichten". Sobald die Menschen sesshaft wurden, begannen sie die Umgebung nach ihren Bedürfnissen immer stärker zu gestalten.

Landwirtschaft und Tierhaltung, die aufkommende Industrie mit ihrem Bedarf an natürlichen Rohstoffen und die Vorstellungen der Menschen von einer schönen Landschaft haben das Bild unseres Lebensraumes geprägt. Der heutige Naturschutz versucht, einer romantischen Vorstellung nachhängend diesen Lebensraum zu erhalten. Das entspricht jedoch nicht dem eigentlichen Wesen von Natur. Wird eine Landschaft sich selbst überlassen, verändert sie sich ständig.


Zur Person:
Der 1956 geborene Hansjörg Küster studierte Biologie an der Universität in Stuttgart-Hohenheim. Seit 1998 arbeitet er als Professor für Pflanzenökologie am Institut für Geobotanik an der Leibniz Universität Hannover. Aus der Sicht des Biologen beschäftigt er sich mit der Vegetations- und Landschaftsgeschichte. Zu diesem Thema hat er mehrere Bücher veröffentlicht. Eine Hörfunkversion der Sendung wird am 26. Mai 2009, 22.15 Uhr, in SWR cont.ra ausgestrahlt.

Literatur:
Küster, Hansjörg (2009): "Schöne Aussichten - Kleine Geschichte der Landschaft", Verlag C.H.Beck, ISBN 978-3-406-58570-8, 12,00 Euro

Küster, Hansjörg (2008): "Geschichte des Waldes - Von der Urzeit bis zur Gegenwart", 2. Auflage, Verlag C.H.Beck, ISBN 978-3-406-50279-8

Küster, Hansjörg (2007): "Die Elbe - Landschaft und Geschichte" Verlag C.H.Beck, ISBN 978-3-406-56209-9, 24,90 Euro


Sendedaten
Montag, 25. Mai 2009, 22.25 Uhr

Eine Hörfunkfassung wird am 26.05.09 um 22.15 Uhr auf SWRcont.ra ausgestrahlt.

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