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Peter Voß fragt Hans-Werner Sinn
20. November
Staatsschulden: Zement oder brüchiger Kitt?
Wird sich im Sprachgebrauch neben dem "Schwarzen Freitag" (1929) auch der "Schwarze Juni" als Redensart einbürgern?
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Peter Voß fragt Udo Di Fabio
19. Juni
Der Westen - ein Auslaufmodell?
Wir können Einwanderer nicht mehr so einfach integrieren wie noch vor 50 Jahren. Das sagt Ex-Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio...
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Schwarzer Richter in Rot: Udo Di Fabio
Peter Voß im Gespräch mit Udo Di Fabio
Überfordern wir das Recht, Herr Di Fabio?
Wovon redet der Mann? Kinder sollen ein Zugewinn an Freiheit sein? Eigentlich müsste der vierfache Vater wissen, dass es anders ist. Junge Eltern können getrost ihre Kinozeitschrift abbestellen, denn Ausgehen, spontan verabreden, sich mit Freunden in einer Kneipe treffen, "das ist nicht mehr"! Freiheit sieht anders aus, denken sich die Daheimgeblieben. Doch sie irren: Der Verfassungsrichter Udo Di Fabio hat der "Kultur der Freiheit" 2005 ein Buch gewidmet, in dem er sich nur am Rande mit den Nöten junger Familien auseinander setzt, vielmehr aber eine scharfsinnige Kritik unseres Freiheitsbegriffs abliefert.
Deutsche Nationalkultur als Kultur der Freiheit?
Für Di Fabio schließen sich Freiheit und Kindersegen eben nicht aus. Nur für diejenigen, die Freiheit und Selbstverwirklichung individuell und narzisstisch auffassen, die Unabhängigkeit und Verantwortungslosigkeit mit Freiheit verwechseln, für die sind Kinder der Weg in die Knechtschaft.

Freiheit bedeutet eben auch, verlässliche Bindungen einzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Der vorherrschende Freiheitsbegriff, so Di Fabio, würde den Einzelnen anhalten, sich seines Verstandes nur zu bedienen, wenn er einen Vorteil erlangen könnte. Nicht nur junge Eltern gewinnen diesem Argument in Zeiten ungehemmter Raffgier an den Kapitalmärkten etwas ab. Doch als Kapitalismuskritik sollte man Di Fabios Ausführungen keinesfalls deuten. Er möchte nichts Geringeres als eine Rekonstruktion "der deutschen Nationalkultur als Kultur der Freiheit". Es sei ein Versuch, an alte Traditionen anzuknüpfen, die nachhaltig vom Nationalsozialismus und 68 als Gegenbewegung gestört worden seien: Di Fabio fordert eine neue bürgerlichen Ethos, in dem Freiheit, Verantwortungsbewusstsein und vor allem Kinderliebe wieder etwas gelten sollen.


Wer ist schuld? Natürlich die 68er
Dieser Ansatz erscheint interessant. Doch leider schwenkt der zweifach promovierte Rechtswissenschaftler allzu schnell in das "Deutschland hat zu wenig Kinder"-Lamento der konservativen Vordenker wie Schirrmacher oder Miegel ein. Ebenso wie diese macht er auch den "übertriebenen Individualismus der 68er" und deren "überzogene Idee von Geschlechtergleichheit" für die deutsche Kinderfeindlichkeit verantwortlich. Diese These ist alles andere als originell und wird auch durch ständige Wiederholung nicht richtiger.

In seinem aktuellen Buch "Gewissen, Glaube, Religion - Wandelt sich die Religionsfreiheit?“ fragt Udo Di Fabio nach den Grenzen des Rechts. Und danach, wer denn sonst die dringend benötigten Werte für eine Gesellschaft liefern kann. Die Antwort des Verfassungsrichters überrascht: die Religion. Gerade das Christentum ist für Di Fabio, ganz im Sinne von Papst Benedikt XVI., ein Glaube, der durch den Schmelztiegel der Vernunft gegangen ist. Er anerkennt die historische Leistung der Aufklärung, aber er erwartet auch von der Aufklärung die Einhaltung bestimmter Grenzen. Die Freiheit des Einzelnen reicht nicht, um eine Gemeinschaft zusammenzuhalten. Liebe, Vertrauen, Demut, das alles gehört in die Welt des Glaubens.


Bundesverfassungsgericht als Superrevisionsinstanz?
Aber was tun mit einer Religion, deren Werte und Traditionen nicht mit denen unserer Gesellschaft übereinstimmen? Ob Kopftuchurteil, Befreiung muslimischer Mädchen vom Sportunterricht, auch hier ist wieder das Gesetz gefragt. Wie soll sich unsere Gesellschaft verhalten? Wie weit geht die Religionsfreiheit? Ist sie ein Freibrief für jede religiöse Tradition? Und wer entscheidet am Ende darüber, ob eine Religion in eine Gesellschaft passt oder nicht? Der Staat, der Gesetzgeber? Di Fabio erhofft sich auch hier eine Selbstkorrektur der Religion selbst, er setzt auf einen aufgeklärten Islam.

Die Debatten um die Menschenwürde, Pendlerpauschale, Kopftuchstreit und Diskrimierungsverbote machen klar, in Deutschland spielt das Recht immer mehr die Hauptrolle. Vor allem das Bundesverfassungsgericht scheint letzte Instanz zu sein, wenn es um die Werte unserer Gesellschaft geht. Dabei bekommen es angehende Juristen schon im ersten Semester anders beigebracht: "Das Bundesverfassungsgericht ist keine Superrevisionsinstanz".

In dem Bühler Begegnungen vom Montag, 10. November 2008, 22.25 Uhr fragt Peter Voß den Juristen Udo Di Fabio: "Überfordern wir das Recht, Herr Di Fabio?"


Vita:
Udo Di Fabio wurde im März 1954 im Ruhrgebiet als Sohn eines Bergmannes und Enkel eines italienischen Einwanderers geboren. Auf dem zweiten Bildungsweg machte er Abitur und studierte Rechtswissenschaft und Soziologie. Nach seiner Habilitation übernahm er einen Lehrstuhl an der Universität Münster. Er folgten Lehrtätigkeiten an den Universitäten Trier, München und seit 2003 an der Universität Bonn. 1999 wählte der Bundesrat den damals 45-Jährigen zum Richter am Bundesverfassungsgericht. Seit 2001 hat Di Fabio drei Bücher veröffentlicht.

Literatur:
Udo Di Fabio: "Die Kultur der Freiheit"
Beck 2005, ISBN: 3406537456, 19,90 Euro

Udo Di Fabio: "Gewissen, Glaube, Religion - Wandelt sich die Religionsfreiheit?"Berlin University Press, Berlin 2008, ISBN: 3940432261, 19,90 Euro


Sendedaten
Montag, 10. November 2008, 22.25 Uhr
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