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Mittwoch, 16. Januar
© ARD Lupe
Richard C. Schneider
Mein Israel
von Richard C. Schneider
Fast täglich wird in den Medien über Israel berichtet - und doch wissen die meisten von uns nur sehr wenig über dieses Land. Denn was in den Nachrichten nicht gezeigt wird, das sind die bunten, erfinderischen und unkomplizierten Seiten Israels. ARD-Korrespondent Richard C. Schneider in Tel Aviv stellt sie uns vor.
Alles, was Sie über Israel schon mal gehört haben, stimmt - und ebenso das Gegenteil. Mit diesem einen Satz lässt sich dieses unglaublich faszinierende Land, aus dem ich nun seit zehn Jahren berichte, beschreiben. Israel ist säkular, aber auch ultraorthodox, Israel ist orientalisch und doch auch westlich, Israel ist die größte Militärmacht des Nahen Ostens und dennoch unendlich verwundbar. Israel ist eines der wichtigsten Hightech-Länder dieser Welt. Während die USA im Technologiebereich rund 8.000 Patente pro Jahr anmelden, bringt das gerade mal acht Millionen Einwohner zählende Israel jährlich rund 6.000 Patente auf den Markt. Und doch werden Sie bei einem simplen Wasserrohrbruch keine vernünftige Reparatur erhalten, im Gegenteil: Sie wird so stümperhaft durchgeführt, dass Sie die Handwerker schon bald erneut zur Hilfe rufen müssen - natürlich von einer anderen Firma, die erste hat ja nicht ordentlich gearbeitet (und Sie werden bald herausfinden, dass die zweite und dritte auch nicht viel besser sind).

Einwandererland Israel
© dpa Lupe
Tel Aviv - die zweitgrößte Stadt Israels
Was ist also "mein Israel", das Land, das ich so faszinierend finde? Erlauben Sie mir dazu, die bekannten und ausgetretenen Pfade der Politik zu verlassen. Bedauerlicherweise wird Israel, ja die gesamte Region, fast ausschließlich über die dort herrschenden Konflikte wahrgenommen, über die Kriege, den Terror, den Extremismus. Ich aber möchte Ihnen von einem Land erzählen, das so viel mehr zu bieten hat, umwerfend schöne Seiten, die in der aktuellen Berichterstattung viel zu kurz kommen: die Kultur, die Menschen, die Schönheit der Natur. Gibt es so etwas wie eine "israelische" Kultur?

Allein beim Essen beginnen schon die Probleme. Israelis werden Ihnen gerne sagen, dass Hummus, Falafel und Kebab "typisch israelische" Gerichte seien, aber Sie wissen natürlich, dass dem nicht so ist: Diese einfachen, aber köstlichen Leckereien sind arabischen Ursprungs. Wird hier also etwas "vertuscht"? Vielleicht sogar mit einer gewissen politischen Intention? Mitnichten. Es zeigt nur, wie schnell, wie gern Israelis Dinge, die sie lieben, adaptieren und nicht mehr lange nachfragen, woher etwas ursprünglich stammt. Typisch für ein Einwandererland, das Menschen aus über hundert Nationen aufgenommen hat. Und was das bedeutet, kann man in diesen Monaten bereits an einem konkreten Beispiel sehen.

Der wachsende Antisemitismus in Frankreich hat spätestens seit dem Attentat auf eine jüdische Schule in Toulouse 2012 die Einwanderungszahlen französischer Juden nach Israel in die Höhe schnellen lassen. Das Ergebnis: Boulangerien und Patisserien an jeder Ecke, die Woche der "französischen Esstradition" wird in Tel Aviv in diesem Frühjahr gefeiert, in noblen Stadtteilen findet man plötzlich Geschäfte mit exklusiver französischer Mode. Und während in den Notaufnahmen der großen Krankenhäuser bislang überwiegend ein Hebräisch mit russischem Akzent zu hören war, mischt sich inzwischen immer häufiger der französische Akzent mit ein, und das Hebräisch klingt dann fast wie ein provenzalischer Dialekt.

© dpa Lupe
In Israel wird Wein auf einer Rebfläche von 5.000 Hektar angebaut
Was den Wein angeht, so hat Israel sich in den letzten 20 Jahren zu einem Geheimtipp unter Kennern entwickelt. Die Technik stammt aus Kalifornien, dort haben die neuen, jungen israelischen Winzer vor allem gelernt. Erst nach einigen Jahren gehen sie dann auch mal nach Italien oder Frankreich, um die Finessen des dortigen Weinanbaus zu erlernen. Hier, im Heiligen Land, bemühen sie sich, einen nahöstlichen, einen mediterranen Wein zu kreieren. Es reicht ihnen nicht, einen Bordeaux nachzuahmen oder einen Bardolino, nein, sie experimentieren mit selteneren Trauben wie Carignan oder Viognier - und knüpfen damit an die uralte Tradition des Weinanbaus im Nahen Osten an, die es vor der Zeit der Islamisierung gab. In der Bibel wird immer wieder über den Wein Israels gesprochen, und tatsächlich stammen viele Traubensorten, die heute als europäisch angesehen werden, ursprünglich aus dem Nahen Osten: aus dem Irak, aus dem Libanon, aus Israel.

Sie werden sich gewiss fragen, wieso ich so ein abgelegenes Thema bemühe, um Ihnen "mein Israel" vorzustellen. Es ist diese Mischung aus Tradition und Moderne, Vergangenheit und Zukunft, die mich an Israel so fasziniert: die Bereitschaft, aus dem Alten zu lernen und dann auf dieser Basis etwas völlig Neues zu schaffen. Ich erlebe das auch in der Musik. Im israelischen Pop, Rock und Jazz zum Beispiel ist es ganz normal, orientalische Harmonien mit abendländischen zu verschmelzen. Und häufg benutzen Bands alte und neue Instrumente; die klassische Oud ist neben der E-Gitarre wie selbstverständlich dabei, Halbton-Instrumente bereichern das moderne Arrangement eines Songs. Israel ist ein Land, das sich ständig neu erfinden muss - und will. Die verschiedenen Einwanderungswellen haben immer wieder dafür gesorgt, dass neue Einflüsse das Land bereichern.

© SWR/SDW Lupe
Bauhaus in Tel Aviv: Die weiße Stadt
Was die Franzosen heute im kulinarischen Bereich sind, waren die sowjetischen Einwanderer in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts im Ingenieur- und Computerwesen, waren die deutschen Einwanderer der 1920er und 30er Jahre in der Architektur: Nicht nur die über 4.000 Gebäude im Bauhaus-Stil in Tel Aviv sind Zeugen jener Einwanderung, sondern auch die Tatsache, dass Wörter wie "Spachtel" und "Hammer" längst als hebräisch gelten, so wie übrigens das russische Wort "Balagan" für "Chaos, Durcheinander" von den meisten Israelis gar nicht mehr als nicht-hebräisch erkannt wird.

Chaotisch, liebenswert - und immer im Fluss
Es mag grotesk klingen, aber gerade der ständige Kriegszustand hat dem Land eine große Prosperität und enorme Flexibilität beschert. "Not macht erfinderisch" - das gilt natürlich im militärischen Bereich, aber ebenso in jedem anderen. Und so ist es auch kein Wunder, dass die Israelis beispielsweise die Erfinder der "Tröpfchenbewässerung" sind; sie geht auf den Wassermangel im Land zurück. Ähnlich verhält es sich mit der Flexibilität, denn alles in Israel ist Improvisation. Darin sind die Menschen hier Weltmeister. Ein "Nein" gilt nicht, und irgendwie findet sich selbst in den vermeintlich ausweglosesten Situationen noch immer ein Ausweg. Die sprichwörtliche deutsche Sturheit, das deutsche Festhalten an Regeln, an Hierarchien und Grundsätzen, all das werden Sie in Israel nur in äußerst geringen Maßen vorfinden. Die Nachteile liegen - siehe den Wasserrohrbruch - auf der Hand. Der Vorteil: Der Handwerker wird auch noch um 23 Uhr zu Ihnen kommen, wenn sie ihn denn freundlichst bitten. "Feierabend" wird dann gerne großzügig ausgelegt, und auch wenn er das kaputte Rohr nicht vernünftig Flicken kann, so wird er doch sofort drei Ideen haben, wie Sie ganz andere Alltagsprobleme meistern können, von denen Sie ihm während der Reparatur freimütig erzählt haben. Hier nämlich interessiert man sich lebhaft für den Nächsten, fragt ihn ganz unbefangen aus und wird als Wildfremder in die Familiengeschichten des anderen eingeweiht: dass der neue Freund der Klempnertochter ein Unsympath ist und der letzte Urlaub mit der Gattin in Eilat ein Albtraum war und sie die Scheidung eingereicht hat.

Das also ist Israel: Laut, chaotisch und gehetzt, liebenswert, erfinderisch und kokett, immer im Fluss, immer im Wandel. Und ja, darüber hinaus ist Israel auch ein Land mit vielen großen Problemen wie der wachsenden Theokratisierung und zunehmenden Fundamentalisierung der Politik, mit der immer weiter wachsenden Militarisierung der Gesellschaft und einer Demokratie, die jeden Tag - innenpolitisch wie außenpolitisch - ums Überleben kämpfen muss. Ein Land, das immer am existentiellen Abgrund steht.

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