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Winnie
Winnie Madikizela-Mandela galt lange als schillernde Symbolfigur des Anti-Apartheid-Kampfes in Südafrika. Von vielen wird sie noch immer als "Mutter der Nation" verehrt. Doch es gibt auch dunkle Seiten in ihrer Vergangenheit.
Mut, Intelligenz, Hartnäckigkeit, Schönheit - das sind Attribute, die oft genannt wurden, wenn es um Winnie Mandela geht. Jeder in Südafrika erinnert sich an ihren kompromisslosen Kampf gegen das rassistische Apartheid-Regime. Ihr Einsatz hat Winnie Madikizela-Mandela den Ehrentitel "Mutter der Nation" eingebracht. Doch dieser ist in den vergangenen 30 Jahren bis zu ihrem Tod deutlich verblasst.

Nomzamo Winnifred Madikizela wird 1936 in der Transkei, dem heutigen Ostkap, geboren. Nach ihrem Studium zur Sozialarbeiterin arbeitet sie in einem Krankenhaus in Soweto. 1957 lernt sie Nelson Mandela kennen. Nur ein Jahr später heiraten die beiden und bekommen zwei Töchter. Winnie wird engagierte Aktivistin des verbotenen Afrikanischen Nationalkongresses, ANC.

1962 wird ihr Mann wegen Landesverrats verhaftet und zwei Jahre später zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie sei erleichtert, sagt sie damals über das Urteil, "es hätte viel schlimmer kommen können. Wir alle haben mit der Todesstrafe gerechnet."

Für Winnie Mandela beginnt eine lange Zeit unvorstellbaren Leids. Nur selten darf sie Nelson Mandela im Gefängnis besuchen. Sie wird überwacht, unter Hausarrest gestellt, verbannt, gefoltert und immer wieder verhaftet und in Einzelhaft gesteckt.

"Ich wusste nicht, wie schwer der Weg sein würde, der vor mir lag. Im Juni 1958 haben wir geheiratet, und im September saß ich schon im Gefängnis", erzählt Winnie Mandela später in einem Interview.


Aufruf zur Gewalt, Lynchmorde

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Winnie Madikizela-Mandela mit Ted Kennedy, 1985.
Doch der Ruf der Freiheitskämpferin bekommt Ende der achtziger Jahre erste Risse. Eine britische Tageszeitung zitiert sie in den achtziger Jahren mit den Worten: "Wir werden dieses Land mit unseren Streichholzschachteln und Halskrausen befreien."

Damit befürwortet sie offen die grausame Lynchjustiz in den Townships, genannt "necklacing": Vermeintliche Spitzel des Apartheid-Regimes wurden damals mit brennenden Reifen um den Hals hingerichtet.

Dann kommt es zu einem Lynchmord, der sie ihr Leben lang verfolgen wird:
Mitglieder des von ihr gegründeten Fußballclubs "Mandela United Football Team", die ihr auch als Leibwächter dienen, werden beschuldigt, in Folter, Vergewaltigungen und Mord verwickelt zu sein. Unter den Opfern ist auch der 14-jährige James Seipei, der am 6. Januar 1988 mit durchschnittener Kehle unmittelbar neben ihrem Haus gefunden wird.

Der Fall wird nie aufgeklärt werden.


Das Powerpaar

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Winnie und Nelson Mandela nach dessen Freilassung aus dem Gefängnis am 11. Februar 1990.
Die Freilassung Nelson Mandelas am 11. Februar 1990 wird auch für Winnie zum Triumph. Nach 27 Jahren kann sie Hand in Hand mit ihm durch das Gefängnistor laufen. Winnie feiert ihr Comeback. Jetzt ist sie wieder die Frau an der Seite des Freiheitskämpfers.

Doch schon 1992 gibt Nelson Mandela die Trennung bekannt. 1996 wird die Ehe nach 38 Jahren geschieden. Winnie Mandela macht trotzdem Karriere im ANC: 1993 wird sie Präsidentin der ANC-Frauenliga, 1994 stellvertretende Ministerin für Kunst, Kultur und Wissenschaft.

Immer wieder steht Winnie Mandikizela-Mandela in diesen Jahren in der Kritik: Wegen Betrugs und Veruntreuung von Geldern muss sie sich vor Gericht verantworten. Ein Scheck der pakistanischen Politikerin Benazir Bhutto über 100.000 US-Dollar verschwindet offenbar in Winnies Stiftung. Auch steht sie im Verdacht, für die Vermittlung von Bauaufträgen Geld verlangt zu haben.

1995 entlässt Nelson Mandela seine Ex-Frau aus ihrem Amt als Vizeministerin.


Die späten Jahre

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Winnie Madikizela-Mandela, die "Mutter der Nation".
In den späteren Jahren ist der Blick auf sie zunehmend gnädiger. An ihrem 80. Geburtstag lassen wichtige Vertreter aus Partei und Politik sie hochleben. Viele Südafrikaner verzeihen ihr mittlerweile ihre Sünden und sehen in ihr weiterhin die "Mutter der südafrikanischen Nation".

Im Alter von 81 Jahren stirbt Winnie Mandela am 2. April 2018. Sie bekommt ein Staatsbegräbnis. Überall in Südafrika werden Trauerfeiern abgehalten.


Sendedaten
Montag, 1. April 2019, 22.25 Uhr

Winnie

Dokumentarfilm von Pascale Lamche
Frankreich/Südafrika 2016

Hintergrund
© wdrDie Ermordung von Stompie Seipei

James Seipei, auch als Stompie Moeketsi oder Stompie Sepei bekannt, war ein Aktivist der United Democratic Front in Südafrika. Er und drei weitere Jungen wurden am 29. Dezember 1988 von Angehörigen von Winnie Mandelas Bodyguards, dem "Mandela United Football Club", entführt und gefoltert.

Der 14-jährige Stompie Seipei wurde ein paar Tage später, Anfang Januar 1986 in der Nähe von Winnies Mandelas Haus ermordet gefunden, weil er angeblich ein Polizeispitzel war.
Ein Gericht verurteilte Winnie Mandela wegen Entführung zu einer Bewährungs- und Geldstrafe.

Doch bis heute wird über ihre genaue Rolle bei diesem Mord spekuliert. Winnie Mandela selbst stritt bis zu ihrem Tod jegliche Verantwortung ab und sprach immer von einer Verleumdungskampagne gehen sie.

Dokumentarfilmzeit
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