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Der Film in der Mediathek (ab Montag, 18. März, 6.00 Uhr)Der Film in der Mediathek (ab Montag, 18. März, 6.00 Uhr)
Pawlenski mit seiner Tochter in der Wohnung in St. Petersburg.
Pawlenski
Der Mensch und die Macht
Pjotr Pawlenski macht Kunst, extreme Kunst. So kämpft er in Russland gegen den Machtapparat und für Meinungsfreiheit. 2016 bekam er dafür den Václav-Havel-Menschenrechtspreis.
Vor ein paar Jahren beschließt das russische Parlament ein Gesetz gegen die "Propaganda von nichttraditionellen sexuellen Beziehungen" - also gegen alle Schwulen, Lesben und LGBTs. Ein anderes Gesetz soll die "Reinheit der russischen Sprache" bewahren. Schimpfwörter sind seitdem verboten.

Der studierte Wandmaler beschließt, gegen den immer autoritäreren Staatsapparat zu kämpfen:
2012 näht sich Pjotr Pawlenski näht sich vor einer Kathedrale in St. Petersburg den Mund zu, um gegen die Inhaftierung einiger Mitglieder der Punkband Pussy Riot zu protestieren.


Nackt in Stacheldraht eingewickelt

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Pawlenski: Aktion "Fixierung" auf dem Roten Platz in Moskau
2013 protestiert Pjotr Pawlenski vor dem Parlamentsgebäude in St. Petersburg. Nackt und komplett in Stacheldraht eingewickelt.

Im gleichen Jahr nagelt Pawlenski seinen Hodensack mit einem etwa 10 cm langen Nagel auf dem Roten Platz in Moskau fest. Er nennt die Performance "Fixierung". Das Ganze passiert am "Tag der Polizei", einem Feiertag des russischen Machtapparats, gegen den Pawlenski ankämpft.

2014 setzt Pawlenski auf einer St. Peterbsurger Brücke Autoreifen in Brand – als Solidaritätsbekundung mit den Pro-EU-Demonstranten auf dem Maidan in Kiew. Ein Gerichtsprozess wegen Vandalismus wird gegen ihn eingeleitet.

Im gleichen Jahr folgt dann noch eine für Pawlenski typische Aktion: Er setzt sich nackt auf die Mauer einer psychiatrischen Klinik in Moskau, greift zu einem riesigen Fleischmesser und schneidet sich sein rechtes Ohrläppchen ab.

Die Aktion soll zeigen, dass der russische Staat alle Teile aus der Gesellschaft schneidet, die dabei stören, bestimmte Normen durchzusetzen.



Festnahmen in Russland

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Pawlenski: Schattenspiel sitzend.
Als er im November 2015 die Tür des gefürchteten russischen Inlandgeheimdienst FSB (früher: KGB) anzündet, wird er festgenommen. Ein zweiter Prozess wird in Moskau gegen ihn angestrengt.

Für seine Aktion saß Pawlenski lange in U-Haft und musste sich vor Gericht verantworten. Aber für ihn bedeutet das nicht, dass er verloren hat - ganz im Gegenteil: Er hat das Eingreifen der Behörden herausgefordert.

Seine damalige Lebensgefährtin Oksana Schalygina sagt über ihn: "Er macht Kunst mit den Händen der Macht." Dadurch, dass also auf ihn reagiert wird, entmachtet er die Behörden, sie werden sozusagen zu seinem Werkzeug. Und so macht er eben auch hinter Gittern weiter. Ihm gelingt es immer wieder, Verhörprotokolle, Fotos oder Videos von Überwachungskameras an die Öffentlichkeit zu bringen.

Im August 2016 ist Pjotr Pawlenski wieder frei. Ein Gericht in Moskau verpflichtete ihn aber zur Zahlung von 500.000 Rubel (rund 6.800 Euro). Dass Pawlenski einer Haftstrafe entging, wurde als ein seltenes Zeichen von Nachsicht seitens der russischen Justiz gewertet.


Verhaftung in Frankreich

Anfang 2017 flieht Pawlenski aus Angst vor weiterer Verfolgung durch die Moskauer Behörden aus Russland und erhält in Frankreich Asyl. Doch auch dort gibt er keine Ruhe.
Im Januar 2019 wird er in Paris zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil er bei einer Kunstaktion an einer Bankfiliale Feuer gelegt hat.

Auch seine ehemalige Lebensgefährtin wird verurteilt. Sie bekommt eine zweijährige Haftstrafe, 16 Monate davon werden zur Bewährung ausgesetzt.


Sendedaten
Montag, 18. März, 22.25 Uhr

Pawlenski

Dokumentarfilm von Irene Langemann
Deutschland 2016

Hintergrund
©  ZDFSWRLichtfilmAktionskunst hat in Russland eine lange Tradition. Nach Stalins Tod 1953 formierten sich die Künstler als Gegenbewegung zum staatlich verordneten sozialistischen Realismus. Sie nannten sich Nonkonformisten.
In den siebziger Jahren folgten die Moskauer Konzeptualisten.
In den neunziger Jahren, nach dem Zusammenbruch des Sozialismus, radikalisierte sich die Aktionskunst: Der Körper wurde zum Werkzeug einer neuen Generation von Künstlern. Zum bekanntesten Kollektiv gehören Anatoli Osmolowski, Alexander Brener und Oleg Kulik.
In der nächsten Generation steht Pussy Riot.

Die Aktionen

"Am schwierigsten sind die Vorbereitungen", beschreibt Pawlenski in einem Interview "Der Zeit". "Du lebst den Gedanken von früh bis spät".

"Die meiste Aufmerksamkeit widme ich dem Ort: Wie arbeiten die Sicherheitsleute, wo sind die Kameras?", schreibt Pawlenski weiter. "Alles ist durchdacht, bis auf die Sekunde geplant", sagt Olga Schalygina, seine ehemalige Lebensgefährtin. "Die letzten Stunden warte ich nur noch ab", schreibt Pawlenski. "Ich durchlebe mit ihm die Angst", sagt Schalygina.

Am Ende, wenn die Künstler von den Polizisten festgenommen werden, taucht im Internet der Name der Aktion auf, neben Bildern und einem erklärenden Text.

Für Pawlenski spielen in der Aktion alle eine Rolle: Die Medien, wie sie darüber berichten, Staatsanwälte, Richter und Polizisten.

Dokumentarfilmzeit
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