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Die Sendung in der Mediathek (Freitag, 8. Januar)Die Sendung in der Mediathek (Freitag, 8. Januar)
Berlinale 2019
Das letzte Mal mit Hut und Schal
Am 7. Februar startet am Potsdamer Platz in Berlin die Berlinale. Es sind die 69. Filmfestspiele und die 18. und letzten unter Berlinale Direktor Dieter Kosslick. Der Mann mit dem Schlapphut und dem roten Schal wird seinen Hut nehmen. Doch zuvor schickt er 17 Filme ins Rennen um den Goldenen und Silbernen Bären.
Von Sabine Herrmann

Zu sehen sind dieses Jahr 400 Filme. Darunter 109 deutsche Kinoproduktionen. Die französische Schauspielikone Juliette Binoche steht der Internationalen Jury vor. Mitjuroren sind die Schauspielerinnen Sandra Hüller und Trudie Styler, Filmkurator Rajendra Roy, Regisseur Sebastián Lelio und Kritiker Justin Chang.

Das Wettbewerbsprogramm wird mit dem schwedischen Wettbewerbsbeitrag "The Kindness of Strangers" der dänischen Regisseurin Lone Scherfig eröffnet wird. Das Drama um eine Flucht vor einem gewalttätigen Ehemann führt Mutter und Kinder ins winterliche New York, wo sich im russischen Restaurant Winter Palace, Wege kreuzen und ungeahnte Begegnungen stattfinden. Es spielen: Andrea Riseborough, Zoe Kazan, Tahar Rahim, der lieb gewordene Berlinale Gast Bill Nighy, Caleb Landry Jones und Jay Baruchel.


Ein schwieriger Job für die Jury

Ebenfalls mit Berlinale Erfahrung präsentieren François Ozon aus Frankreich wie auch die polnische Regisseurin Agnieszka Holland und die Spanierin Isabel Coixet ihre aktuellen Filme.

Und ganz am Schluss schickt der chinesische Regisseur Zhang Yimou seinen neuen Film "One Second" in die Konkurrenz. Auch kein Unbekannter in Berlin, denn schon mit seinem Debüt als Regisseur von "Rotes Kornfeld" bekam er vor 40 Jahren einen Goldenen Bären.


Juliette Binoche wird Präsidentin der Berlinale Jury.  © dpa Juliette Binoche wird Präsidentin der Berlinale Jury.
Charlotte Rampling wird mit einem Ehrenbären geehrt.  © dpa Charlotte Rampling wird mit einem Ehrenbären geehrt.

Streamingdienste auf der Berlinale

Gespannt darf das Publikum auch auf den neuen Film von Fatih Akin "Der Goldene Handschuh" sein und die immerhin für acht Oscars nominierte Politsatire "Vice" mit Christian Bale und auch auf Heinrich Breloers "Brecht"-Zweiteiler mit Tom Schilling als jungem und Burkhart Klaußner als altem Brecht.

Und dann werden auch noch die Toten Hosen erwartet, über die eine Konzertdokumentation von Cordula Kablitz-Post gezeigt wird, die während der Tour "Laune der Natour" gedreht wurde.

Im Vorfeld viel diskutiert der Film "Elisa und Marcela". Es handelt sich um einen Beitrag eines Streamingdienstes und was der auf einem Filmfestival zu suchen habe. Doch diese Netflixproduktion wird in Spanien von einem Verleih ins Kino gebracht und wird in mehreren Ländern in Kinos gezeigt. Neuen Medien müssen sich auch Filmfestivals stellen, wenn es um Film und Kino geht.


Ehrenbär für Charlotte Rampling

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Faith Akim wird seinen neuen Film vorstellen.
Einen Ehrenbären wird es für Charlotte Rampling geben und für weiteren Glamour werden Catherine Deneuve und Tilda Swinton sorgen. Stellan Skarsgård wird ebenfalls erwartet.

Das Publikum war immer ein Anliegen von Dieter Kosslick.

"Die Berlinale ist auch wegen der Stars das größte Publikumsfestival der Welt. Ohne Publikum gäbe es die Berlinale nicht."

Für ihn ist das sogar ein Alleinstellungsmerkmal der Berlinale, ein Publikumsfestival zu sein. Nach Zahlen heißt das: im vergangenen Jahr wurden 332.000 Tickets verkauft, bei 490.000 Kinobesuchen.


Kosslicks köstliche Anekdoten

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Für Dieter Kosslick ist 2019 das letzte Jahr als Berlinale-Chef.
Köstlich, wenn sich der Initiator des "Kulinarischen Kinos", Dieter Kosslick an Anekdoten erinnert. In einem Interview verriet er, dass es schon etwas Besonderes war, als 2008 die Rolling Stones ("Shine a Light" von Martin Scorsese) zu Gast waren und die Arbeiter an einer Großbaustelle nur arbeiten durften, wenn Mick Jagger &Co nicht im Hotel waren. Damit Ruhe herrschte, wurden die Bauarbeiter einfach mal mit Essen versorgt.

Präsent ist für Kosslick auch ein weiterer Film. Für "Esmas Geheimnis" nahm Jasmila ´banić 2006 den Goldenen Bär entgegen. Deren Film über systematischen sexuellen Missbrauch beziehungsweise Vergewaltigungen im Bosnienkrieg erhielt große Öffentlichkeit, die schließlich dafür sorgte, dass die Frauen in ihrer Heimat als Kriegsopfer anerkannt wurden.

Außerdem sei er stolz darauf, dem deutschen Film und den "Berlinale Talents" ein großes Forum geboten, den European Film Market zu einem der weltweit attraktivsten Branchenmarktplätze entwickelt, modernisiert, verjüngt und das Profil der Berlinale als anspruchsvolles, politisches Autorenfilmfest geschärft zu haben.


Nachfolgediskussion

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Die Kulturstaatssekretärin Monika Grütters (r) stellt die Nachfolger vor: Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian übernehmen ab 2020 das Zepter der Berlinale.
Der 70-jährige gebürtige Pforzheimer und Kommunikationswissenschaftler hatte sich in den letzten Jahren heftiger Kritik stellen müssen, in dem rund 80 Regisseure 2017 (darunter Fatih Akin, Helke Sander, Christian Petzold oder Maren Ade) in einem offenen Brief im Vorfeld einer "Nachfolgediskussion" eine andere Berlinale gefordert hatten, die auch bei Kulturstaatssekretärin Monika Grütters ankam.

Kritiker bemängelten, dass die Sektionen zu stark und der Wettbewerb zu schwach geworden sei und fürchteten, dass alles so weiter gehe. Letzten Endes lief es darauf hinaus, dass für den immer umtriebigen Kosslick, der aus der Filmförderung kam, nun 2019 Schluss ist.

Diese Berlinale ist nun nicht nur für Kosslick die letzte, auch einige Festivalsektionen werden neu besetzt. Es wird einiger Arbeit und Diskussionsbedarf des neuen Teams bedürfen. Denn, wenn die jährliche Oscar-Verleihung vorverlegt wird, stehen nicht nur eventuelle Terminverschiebungen ins Haus. Das wird in Punkto Programm, Filme und Stars noch einiges andere nach sich ziehen.

Doch bevor im nächsten Jahr die Doppelspitze aus Mariette Rissenbeek und dem Italiener und derzeitigen Leiter des Locarno Filmfestivals, Carlo Chatrian übernimmt und eigene Markenzeichen setzt, werden sich alle drei zum Abschluss der Berlinale auf dem roten Teppich zeigen, auch das verriet der amtierende Berlinale Direktor.

Und schließlich wartet das Publikum auch noch auf die letzte gemeinsame Eröffnungsgala mit dem kongenialen Gespann Anke Engelke und Dieter Kosslick, die sich immer amüsant die Bälle zugeworfen hatten. "Bis auf Kleinigkeiten hat es immer Spaß gemacht", lautete am Dienstag bei der obligatorischen Programmkonferenz sein Schlusswort an die Journalisten.


3sat zeigt weitere fünf Ausgaben vom "Berlinale-Studio" am Freitag, 8., Montag, 11., Dienstag, 12., Donnerstag, 14. und Freitag, 15. Februar, im Nachtprogramm.

Sendedaten
Donnerstag, 7. Februar, 00.15 Uhr
Freitag, 8. Februar, 00.30 Uhr
Montag, 11. Februar, 23.55 Uhr
Dienstag, 12. Februar, 23.55 Uhr
Donnerstag, 14. Februar, 00.00 Uhr
Freitag, 15. Februar, 01.05 Uhr

Berlinale-Studio

Moderation: Franziska Hessberger, Marwa Eldessouky

Info
Porträt
Kosslick-Nachfolger gefunden?
Von Locarno nach Berlin? Der Filmpublizist und Festivalleiter Carlo Chatrian soll mehreren Medienberichten zufolge neuer Berlinale-Chef werden. Der Sprecher von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) wollte den Bericht zunächst nicht kommentieren. Die Berufung werde am 22. Juni 2018 vom Aufsichtsrat bekanntgegeben, sagte er.