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Der Film in der Mediathek (ab Freitag, 1. Februar, 6 Uhr)Der Film in der Mediathek (ab Freitag, 1. Februar, 6 Uhr)
Kundgebung der deutschrussischen Bürgerinitiative "Sichere Heimat" in Nürnberg 2016.
Deutschland – Heimat – Fremdes Land
Russlanddeutsche zwischen Politik und Populismus
Hunderttausende Spätaussiedler sind aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert, viele von ihnen nach Bayern. Die deutsche Staatsbürgerschaft bekamen sie schnell, doch längst nicht alle fühlen sich akzeptiert. Die AfD macht sich die Unzufriedenheit dieser Volksgruppe zu Nutze.
Eleonore Birkenstock und Susanne Betz

Die Russlanddeutschen bilden mit 2,4 Millionen Menschen die größte Einwanderergruppe, die die deutsche Gesellschaft seit der Zuwanderung der "Gastarbeiter“ aufgenommen hat. Ihre Interessensvertretung ist die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V. (LmDR).

Sie versteht sich unter anderem als Hilfsorganisation und Kulturverein der Russlanddeutschen, zu deren Aufgaben die Integration, die Familienzusammenführung sowie die Öffentlichkeitsarbeit für die Geschichte der Russlanddeutschen gehören. Gegründet wurde die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland im Jahr 1950. Der bayerische Verband feierte 2018 sein 60-jähriges Bestehen.


Konservative Wähler

Die Russlanddeutschen galten lange Zeit als vornehmlich konservative Wähler, die bei Wahlen hauptsächlich bei der CDU/CSU ihr Kreuz machen, mit sinkender Tendenz. 2014 gaben noch 45 Prozent der Gruppe an, die Unionsparteien zu unterstützen. Zwei Jahre später waren es nicht mehr ganz 35 Prozent. Die traditionelle Zustimmung der Russlanddeutschen zu den konservativen Parteien nimmt ab.

Besonders bei jungen Russlanddeutschen sind die Parteipräferenzen breiter gestreut als bei deren Eltern. Viele fühlen sich keiner Partei mehr zugehörig.


Der deutschrussische AfD-Politiker Vadim Derksen (blaues Hemd) beim Familienbesuch in Sibirien. © MDR/Rainer Fromm Der deutschrussische AfD-Politiker Vadim Derksen (blaues Hemd) beim Familienbesuch in Sibirien.
Gebet in der mennonitischen Gemeinde Bielefeld. © MDR/Rainer Fromm Gebet in der mennonitischen Gemeinde Bielefeld.


Demonstrationen nach dem "Fall Lisa"

© .dpa
Der Fall Lisa: Hunderte von Russlanddeutschen demonstrieren im Januar 2016 in Villingen-Schwenningen gegen Gewalt und für mehr Sicherheit in Deutschland.
Russlanddeutsche und russischsprachige Zuwanderer gerieten in den Fokus der Öffentlichkeit, als Demonstrationen unter dem Motto "Sichere Heimat" in mehreren deutschen Städten stattfanden. Dabei demonstrierten unter anderen auch Russlanddeutsche gegen die deutsche Flüchtlingspolitik.

Auslöser war der sogenannte "Fall Lisa". Russische Medien hatten 2016 über eine 13-jähriges Mädchen aus Berlin berichtet, das angeblich von südländisch aussehenden Männern vergewaltigt worden war. Diese Geschichte, die sich nach polizeilichen Ermittlungen als anders herausstellte, schlachteten russische Medien als Beweis dafür aus, dass Deutschland wegen der Flüchtlingszuwanderung unsicher geworden sei.


Umworbene Wähler

Forschern zufolge gibt es 1,9 Millionen wahlberechtigte Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, darunter schätzungsweise 1,5 Millionen Russlanddeutsche. Die AfD umwirbt die russischsprachigen Wähler massiv, etwa indem sie russlanddeutsche Mitglieder besonders hervorhebt oder den "Russland-Kongress" veranstaltet.

Dagegen regt sich aber auch Widerstand: Junge, russischsprachige Wähler starteten vor der Bundestagswahl Aufrufe gegen die AfD, unter anderem über Facebook.


Sendedaten
Freitag, 1. Februar 2019,
20.15 Uhr

Deutschland – Heimat – Fremdes Land

Ein Film von Rainer Fromm und Galina Dick

Hintergrund
© .ardDie Russlanddeutschen kamen aus den Staaten der früheren Sowjetunion nach Deutschland. Für sie war das eine Rückkehr in die Heimat ihrer Vorfahren: Im 18. Und 19. Jahrhundert haben die russischen Monarchen um Siedler aus Deutschland geworben: Sie sollten nicht besiedeltes Land bewohnbar machen und bekamen dafür Privilegien wie Steuerfreiheit sowie die Zusage zur regionalen Selbstverwaltung.
Die Einwanderer konservierten die Traditionen und Bräuche, die sie aus Deutschland kannten: die Sprache, den Dialekt und die religiöse Rituale.

Aussiedler und Heimkehrer

Anfang der 1990er-Jahre brach die Sowjetunion auseinander. Tausende Deutschstämmige kamen über Aufnahmelager wie Friedland in die Bundesrepublik.

Die Politik unter Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) erlaubte die Einreise. Die Aussiedler und Spätaussiedler bekamen gleich die deutsche Staatsangehörigkeit, aus der historischen Verpflichtung heraus. Und zumindest die Älteren unter den "Heimkehrern" waren konservativ, familienverbunden und sehr religiös, standen also den Unionsparteien nahe.

Dokumentation am Freitag
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Müll, Mafia und das große Schweigen
Anfang Oktober 2017 sorgten die Ermittler in der italienischen Region Kalabrien mit ihrer Aktion "Metauros" für Furore. Im Visier: Mitglieder mächtiger `Ndrangheta-Clans, hohe Beamte und wichtige Unternehmen. Diesmal ging es nicht um Drogen, sondern um unlauteren Wettbewerb, Erpressung und Korruption im Bereich der Müll- und Abwasserentsorgung.
Kritisch Reisen: Die Kanaren
Massentourismus auf den Kanaren: Viele Millionen Deutsche besuchen vor allem im Winter die Inseln mit dem sommerlichen Klima. Doch den Einheimischen bringt der Tourismus nur wenig.