© dpa/Sebastian Gollnow
Die Sprache unserer TräumeDie Sprache unserer Träume
Currentzis internationaler Durchbruch begann in der russischen Provinz.
Teodor Currentzis
Der unorthodoxe Klassiker
Der Dirigent Teodor Currentzis polarisiert die Musikwelt derzeit wie kein Zweiter. Mit Beginn der Spielzeit 2018/19 wird Teodor Currentzis der erste Chefdirigent des neuen SWR Symphonieorchesters. 3sat zeigt sein Antrittskonzert. Danach folgt ein Porträt über den Ausnahmemusiker.
Er liebt die Provokation. Die einen sehen ihn als Messias der Klassikszene, die andern als enfant terrible. Er steckt sein Orchester in Mönchskutten, was seine Springerstiefel mit roten Schnürsenkeln umso cooler wirken lässt. Und er sagt Sätze wie diesen: "Ich dirigiere Tschaikowsky nicht anders, ich dirigiere ihn richtig." So viel Sendungsbewusstsein stößt teils auf unterwürfige Verehrung, teils auf Spott. Vielleicht, meint Currentzis, sei er einfach zu romantisch für den westlichen Lebensstil.

Deshalb habe es ihn schon zum Studium aus seiner Heimat Griechenland nach Russland gezogen: "Nach Russland bin ich gegangen, weil ich auf der Suche nach einer alternativen Form der Arbeit war", erzählt der Dirigent. "Wenn Sie beispielsweise vor einem Orchester stehen, und über Ihre Liebe zu jemanden sprechen, werden Sie allgemeines Gelächter ernten. Ich habe also eine ideale Welt gesucht. Mein Ziel war es, eine Art musikalisches Kloster zu gründen, ein spirituelles Leben zu schaffen. Ich glaube, dass das die Menschen frei macht."


Proben, tanzen, feiern

© br
Currentzis ist berühmt für seine extreme Ausgestaltung klassischer Werke, sein exzentrisches Verhalten und seinen Musikgeschmack.
Perm, die östlichste Millionenstadt Europas, liegt im Uralgebirge. Wegen der Rüstungsbetriebe war es zu Sowjetzeiten eine verbotene Stadt. Noch immer dominiert sozialistisches Grau. Gerade deshalb gebe es hier ideale Bedingungen für sein "musikalisches Kloster", erzählt Currentzis. Keine Ablenkung - nur Musik. "In Perm ist ungefähr ein Viertel der Musiker ausländischer Herkunft.

Sie leben dort und wollen als Künstler ihre Persönlichkeit entfalten. Wir können zum Beispiel acht Stunden am Tag proben. Danach führen spezielle Pädagogen den Musikern barocke Tänze vor. Wir tanzen also bis 12 Uhr nachts. Denn es ist sehr wichtig, die Schritte der Allemande zu kennen, bevor man sie spielt. Danach feiern wir bis um vier Uhr morgens. Spielen Kammermusik, trinken Wein zusammen, lesen Gedichte. Das ist wahres Glück!"


Starke Deutungen

© swr
Teodor Currentzis als Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters in der Stuttgarter Liederhalle.
In Perm hat Currentzis auch seinen umstrittenen Zyklus der drei Da Ponte-Opern von Mozart eingespielt. Nicht alle werden dabei glücklich. Von Sängern hört man, dass der Meister selbstherrlich wie ein Guru tief in der Nacht eine anstrengende Phrase nochmal und nochmal und nochmal hören wolle – ohne Rücksicht darauf, dass das der Stimme schaden könnte.

Ja, man kann sich über Currentzis' Ego-Show ärgern. Über seine rudernden Bewegungen beim Dirigieren, sein demonstratives Meditieren, bevor es losgeht. Dass es, anders als er großspurig behauptet, keine definitiv "richtige" Interpretation geben kann, ist ohnehin klar. Aber Currentzis‘ Deutungen sind stark. Etwa seine Einspielung von Tschaikowskys "Pathétique".


Risiko des Scheiterns

Wer Einzelmomente so grell beleuchtet, bringt Unerhörtes ans Licht, riskiert aber auch Verständlichkeit und Zusammenhang. Man kann das mögen, aber auch mit guten Gründen ablehnen. Nur eines kann man sicher nicht: Currentzis als Scharlatan abtun. Nicht immer gehen seine Konzepte auf. Aber er hat substantielle Dinge zu sagen.

Seine Spleens sind verzeihlich, sein Guru-Gehabe weckt Misstrauen. Aber seine Interpretationen haben die Aufmerksamkeit, auf die sie derzeit treffen, allemal verdient.


Sendedaten
Samstag, 19. Januar 2019

20.15 Uhr
Teodor Currentzis dirigiert:
Gustav Mahler,Symphonie Nr. 3

22.00 Uhr
Die Sprache unserer Träume

Info
© brTeodor Currentzis wird am 24. Februar 1972 in Athen geboren. Im Alter von 12 Jahren besucht er als Violinschüler die Nationale Musikhochschule in Athen.

1994 geht er nach Russland und studiert bis 1999 an der Staatlichen Musikhochschule in St. Petersburg Dirigieren.

Von St. Petersburg nach Nowosibirsk

Currentzis erste Stelle ist als Assistent bei Juri Temikarnov, Musin-Schüler und Leiter der St. Petersburger Philharmoniker. Seit seinem Studium in St. Petersburg sieht er Russland als seine zweite Heimat. Bald erhält er die russische Staatsbürgerschaft.

2004 bis 2011 entscheidet er sich für ein Leben in der Provinz und geht als Chefdirigent an das Opern- und Balletttheater von Novosibirsk. Innerhalb dieser Jahre gründet er seinen Ruf als großartigen Musiker.
15-mal bekommt das Opernhaus die höchste Theaterauszeichnung in Russland, die "Goldene Maske". Aufgrund seiner großen Erfolge wird sein Orchester zu Gastspielen ins Ausland eingeladen.

Wechsel nach Perm

2011 wechselt er an das Opern- und Balletttheater in Perm. Er besteht darauf, sein in Novosibirsk gegründetes Orchester mitzunehmen. Das Orchester wird so erfolgreich, dass Currentzis 2017 erstmals bei den Salzburger Festspielen dirigiert.

Seit Beginn der Spielzeit 2018/19 ist er Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters.