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Die Großnichten von Albert Einstein: Lori und Paola Mazzetti auf dem Landgut in Rignano sull'Arno in der Toskana, wo sich am 3. August 1944 die Tragödie abgespielt hat. Nach über 70 Jahren kehren die Zwillingsschwestern erstmals wieder an diesen Ort zurück.
"Einsteins Nichten" ist ein berührender Dokumentarfilm über die tragische Geschichte der Familie Einstein in Italien. Er erzählt die außergewöhnliche Lebensgeschichte von zwei starken Schwestern.

Einsteins Nichten

Eine Geschichte von Verlust und Überleben
1944 sucht die Wehrmacht in der Toskana nach Robert Einstein, dem Cousin von Albert Einstein. Die Deutschen ermorden Roberts Frau Nina und seine beiden Töchter Luce und Cici. Albert Einsteins Großnichten, die Zwillingsschwestern Lorenza und Paola, sind die einzigen überlebenden Zeugen dieses schrecklichen Verbrechens. Nach über 70 Jahren kehren sie zum ersten Mal an den Ort des Geschehens zurück und erzählen ihre bewegende Geschichte.

Von Sandra Demmelhuber

Von September 1943 bis Mai 1945 begehen deutsche Truppen verheerende Massaker an der italienischen Zivilbevölkerung. 16.600 Männer, Frauen und Kinder werden ermordet, darunter 7.400 Juden.

Im August 1944 wird die Familie von Robert Einstein von einem deutschen Sonderkommando der angeblichen "Spionage und Kollaboration mit dem Feind" beschuldigt. Als die Soldaten anrücken, kann Robert gerade noch rechtzeitig flüchten und versteckt sich in einem Wald. Seine Frau und Kinder lässt er in der Villa zurück. Er glaubt sie in Sicherheit, da sie nicht jüdisch sind. Ein fataler Trugschluss.

Die Soldaten dringen in ihr Landgut in der Toskana ein, erschießen Nina Einstein und die beiden Töchter Luce und Cici. Robert finden sie nicht, er entkommt dem Massaker, ebenso wie seine beiden Nichten Lorenza und Paola Mazetti.

Die Zwillingsschwestern überleben nur deshalb, weil sie nicht den jüdischen Namen "Einstein" tragen.


Für den Dokumentarfilm "Einsteins Nichten" kehren die Zwillingsschwestern noch einmal in das Haus ihrer Kindheit zurück.  © BR Für den Dokumentarfilm "Einsteins Nichten" kehren die Zwillingsschwestern noch einmal in das Haus ihrer Kindheit zurück.
Paola und Lori vor der "Villa Focardo" in der Toskana. Hier wurden am 3. August 1944 ihre Tante und Cousinen ermordet.  © BR Paola und Lori vor der "Villa Focardo" in der Toskana. Hier wurden am 3. August 1944 ihre Tante und Cousinen ermordet.

Wer ist für den Mord an der Familie Einstein verantwortlich?

Ein einziges Blatt Papier, unterschrieben mit dem Namen "Der Kommandant", bedeutet das Todesurteil und damit das Ende für die Familie Einstein in Italien. Die Nazis hinterlassen das Schreiben an einem Holzpfosten an der Villa.

Ein Jahr später, an seinem Hochzeitstag, nimmt sich Robert Einstein das Leben.

Wer ist der "Kommandant", der die Ermordung angeordnet hat? Wer hat Nina Einstein und ihre beiden Töchter erschossen?

Bis heute ist das Verbrechen unaufgeklärt.


"Das Gute siegt"

Lori und Paola leben mittlerweile in Rom. Heute sagen sie, dass dieser 3. August 1944 das Ende ihrer Kindheit markierte. Da ihre Mutter bei der Geburt verstorben ist, verbrachten die Schwestern eine unbeschwerte Kindheit im Landhaus von Onkel "Roberto" und Tante Nina. Vor allem die Tante liebten sie sehr, sie sei ihnen wie eine Mutter gewesen.

"Ein Tag genügt nicht, um alles Schöne, all die Fröhlichkeit und Großzügigkeit auszulöschen. Das alles überdeckt die schlechten Erinnerungen. Das Gute siegt", sagt eine der Schwestern in der Doku. Wichtig ist ihnen, dass die Erinnerung bewahrt wird: an die Cousinen Cici und Luce, an Tante Nina und an Onkel Robert. An all die Menschen, die so grausam und sinnlos sterben mussten.


"Wir waren wirklich glücklich hier, sehr glücklich", sagen die Schwestern im Film. "Auf diesem Foto sieht und spürt man das".  © privat "Wir waren wirklich glücklich hier, sehr glücklich", sagen die Schwestern im Film. "Auf diesem Foto sieht und spürt man das".
Lori und Paola Mazzetti an gleicher Stelle - über 70 Jahre später. Sie verbinden das Landhaus ihrer Kindheit auch mit vielen schönen Erinnerungen.  © BR Lori und Paola Mazzetti an gleicher Stelle - über 70 Jahre später. Sie verbinden das Landhaus ihrer Kindheit auch mit vielen schönen Erinnerungen.

Statement des Regisseurs

© dpa / picture-alliance
Friedemann Fromm ist Autor von "Einsteins Nichten".
Friedemann Fromm:

"Zwei Schwestern, deren Schicksal es ist, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, Zeuginnen eines ungeheuren Verbrechens an ihrer Familie zu werden und nur durch Zufall und Glück zu überleben. Und weil sie nicht den Namen ihrer berühmten Familie tragen: Einstein.

Sommer 1944: Nazideutschland hat den Krieg längst verloren, zieht sich aus Norditalien zurück. Aber eine kleine SS-Einheit kehrt - wider aller militärischer Logik, um und verübt einen Racheakt an der Familie von Albert Einstein, der die Italiener aus dem Exil in den USA zum Widerstand gegen die Nazis aufgerufen hat. Was folgt, ist ein brutales, sinnloses Verbrechen, das nie gesühnt wird und dessen Folgen die beiden Schwestern ihr Leben lang begleiten werden.

Wir tragen als Gesellschaft Verantwortung für die individuellen Schrecken kollektiver Verbrechen. Davon handelt dieser Film: dass wir nicht vergessen dürfen und dass Verdrängung nicht gleichbedeutend ist mit Aufarbeitung. Vor allem aber handelt dieser Film von der ungeheuren Kraft zweier Frauen aus der Familie Einstein, deren Leben von Verlust und Tod geprägt wurde, die sich aber nie aufgegeben haben, die sich mit Mut und Kraft ihrem Schicksal gestellt haben.

Der Film ist auch ein Appell an das Leben: Wir können unserem Schicksal nicht entrinnen, aber wir können es meistern."


Statement der verantwortlichen Redakteurin

Barbara Schepanek (BR):

"Die Damen gehören zu den letzten Zeitzeugen. Für uns war ganz klar, dass wir den Film unterstützen werden. Die Geschichte der Gräueltaten der Nazis in Italien wurde bis dahin filmisch kaum aufgearbeitet. Wir haben erste Aufnahmen gesehen, wie die beiden Schwestern erstmals an den Ort des Geschehens zurückgegangen sind, das war sehr berührend. Uns hat auch bewegt, wie die beiden Schwestern dieses tragische Ereignis verarbeitet haben - wie sie für sich einen Weg gefunden haben, damit zu leben.

Es ist wichtig, diese Zeitzeugen festzuhalten und für die Nachwelt zu dokumentieren. Wir wollten zeigen, was diese Menschen erleben mussten und wie das, was passiert ist, nachhaltig ihre Leben verändert hat. Das darf niemals in Vergessenheit geraten.


Sendedaten
Montag, 3. September 2018

22.25 Uhr: Einsteins Nichten

Ein Dokumentarfilm von Friedemann Fromm

- Erstausstrahlung -

23.55 Uhr: Die Story - Einsteins Nichten

Ein Film von Barbara Schepanek

Weiter im Programm...
© dpaHitlers Mordgehilfen
Die späte Suche nach NS-Tätern.
Hintergrund
© dpa AP PhotoAlbert Einstein in der NS-Zeit
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gibt Albert Einstein seinen deutschen Pass zurück. 1934 emigriert er - als überzeugter Pazifist - in die USA. In zahlreichen Briefen warnt er immer wieder vor der Herrschaft des Nazi-Regimes, ermutigt Freunde und Verwandte, Europa zu verlassen oder sich aktiv dem Widerstand anzuschließen.
Nach dem Mord an der Familie von Robert Einstein bringt er sich von den USA aus in die Ermittlungen ein und versucht, diese durch seine Beziehungen voranzutreiben - erfolglos.Albert Einstein kehrte nie wieder nach Deutschland zurück.
Rezensionen zum Film
© BRDas Drama ihres Lebens
Ein Interview von Julius Müller-Meiningen.
[Süddeutsche Zeitung, 24. August 2017]
© BRDie tragische Geschichte von zwei Schwestern
Paola und Lorenza Mazzetti sind 17, als die Nazis ihre Familie in Italien auslöschen. Nun kehren sie an den Ort des Grauens zurück. Sie glauben, dass der Täter lebt - im Allgäu.
[Augsburger Allgemeine Zeitung, 23. August 2017]
Zwei starke Frauen
Friedemann Fromm hat eine Dokumentation über das Leben von Lorenza und Paola Mazetti gedreht.
[Jüdische Allgemeine, 24. August 2017]
© BR"Sie haben mich auf Anhieb beeindruckt"
Der Regisseur Friedemann Fromm über seine Dokumentation, eine Begegnung in Rom und schwieriges Erinnern.
[Jüdische Allgemeine, 22. August 2017]
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