© dpa/Stefan Sauer
Der Film in der Mediathek (ab Freitag, 10. August, 6 Uhr)Der Film in der Mediathek (ab Freitag, 10. August, 6 Uhr)
Wahlplakat der AfD für die Bundestagswahl 2017: Mit solchen Parolen wurde die Partei allein in Wolgast mit 31,3 Prozent stärkste Kraft.
Rechtsruck im Ferienparadies
Beispiel Usedom
Auf der Ferieninsel Usedom hat bei der Landtagswahl 2016 jeder dritte Wähler sein Kreuzchen bei der AfD gesetzt. Warum ausgerechnet an der Ostsee, wo ein Großteil der Bewohner vom Tourismus lebt? Sind die Menschen dort ausländerfeindlicher als anderswo? Viele Usedomer sagen, das Wahlergebnis habe ganz andere Gründe. Aber welche?
Von Alexia Späth

Überrascht war man auf der Insel nicht von dem Ergebnis. Trotzdem bleiben die meisten Insulaner dabei: Die Wahl war eine Protestwahl. Man fühle sich vergessen und wolle auf sich aufmerksam machen.


Wirtschaftliche Situation

Die wirtschaftliche Situation auf der Insel ist auf den ersten Blick gar nicht so schlecht: Die Bevölkerungszahl ist stabil, der Tourismus wächst, im Wahljahr 2016 um etwa acht Prozent. Fast jeder Zweite lebt direkt oder indirekt davon.

Doch die Löhne in der Tourismusbranche sind niedrig, oft nur der Mindestlohn und im Winter bricht der Verdienst ganz weg. Große Industrie gibt es keine.

In Mecklenburg-Vorpommern liegt die Arbeitslosigkeitsquote mit 8,6 Prozent höher als im Bundesdurchschnitt. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt weit unter dem aller anderen Bundesländern. Dazu kommt die Abwanderung von jungen, gut ausgebildeten Arbeitskräften und die deutschlandweit höchste Jugendarbeitslosenquote (12,1 Prozent).


Auf Usedom hat bei der Landtagswahl fast jeder dritte Wähler für die AfD gestimmt. © dpa Auf Usedom hat bei der Landtagswahl fast jeder dritte Wähler für die AfD gestimmt.
Auf Usedom leben etwa 700 Asylbewerber. Das ist ein Bevölkerungsanteil von etwa fünf Prozent.  © dpa Auf Usedom leben etwa 700 Asylbewerber. Das ist ein Bevölkerungsanteil von etwa fünf Prozent.

Abbau der Infrastruktur

2011 wurde als Reaktion auf den Bevölkerungsschwund im Rahmen einer Polizei-, Kreisgebiets- und Amtsgerichtsreform die Zahl der Landkreise und kreisfreien Städte reduziert.
Ämter, Bankfilialen, Schulen und Gerichte wurden geschlossen und zusammengelegt

Durch diese Reform wurden auf Usedom das Amtsgericht, Finanzamt und die einzige Geburten- und Kinderstation, trotz heftigster Proteste, geschlossen. Viele Insulaner fühlen sich seitdem von den Politikern nicht mehr ernst genommen.


Ausländerfeindlichkeit

© dpa/AfD Mecklenburg Vorpommern
Der AfD-Landtagskandidat Ralph Weber erzielte im Wahlkreis Wolgast 35,3 Prozent bei der Landtagswahl 2016.
Die Zahl der Ausländer erhöhte sich im Zeitraum von 2000 bis 2016 insgesamt um 527 auf 709 Personen. Das entspricht einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von 5,7 Prozent.

Trotzdem konnte es sich die AfD mit Parolen, wie dass für Flüchtlinge "viel mehr getan werde als für Einheimische" zunutze machen.


Bundestagswahl 2017

Wenig Arbeitsplätze außerhalb der Touristenzeit, eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und der Abbau der Infrastruktur bleiben eine gefährliche Mischung mit viel Frustpotenzial.

Auch nach der Landtagswahl 2016 hat sich die Stimmung auf Usedom nicht viel verändert: Bei der Bundestagswahl 2017 wählten in Garz 44,1 Prozent der Einwohner die AfD. In Peenemünde, im Norden der Insel, liegt der Stimmenanteil genauso hoch. In Wolgast bleibt die Partei mit 31,3 Prozent stärkste Kraft.


Ergebnis der AfD bei der Landtagswahl 2016 auf Usedom
Peenemünde 46,8 Prozent
Ückeritz 31,9 Prozent
Usedom-Stadt 28,3 Prozent
Wolgast-Stadt 35,7 Prozent
Zinnowitz 31,4 Prozent
Heringsdorf 32,8 Prozent
Koserow 30,9 Prozent
Garz 42,3 Prozent

Ergebnis der AfD bei der Landtagswahl 2016 auf Rügen
Bergen auf Rügen, Stadt 26,7 Prozent             
Sassnitz-Stadt 25,5 Prozent
Garz-Stadt 26,1 Prozent
Putbus-Stadt 21,4 Prozent

Sendehinweis
Freitag, 10. August 2018, 20.15 Uhr

Kritisch Reisen:
Von Rügen bis Usedom
Rechtsruck im Ferienparadies

Ein Film von Johannes Höflich und Jo Angerer

Usedom: Daten und Fakten
© swrUsedom ist nach Rügen Deutschlands zweitgrößte Insel, davon sind 373 Quadratkilometer deutsch, 72 Quadratkilometer liegen auf der polnischen Seite.

Der größte Teil der Insel gehört zum deutschen Land Mecklenburg-Vorpommern und ist Teil des Landkreises Vorpommern-Greifswald.
Im polnischen östlichen Teil liegt die Hafenstadt Świnoujście (Swinemünde). Dort lebt über die Hälfte der 76.500 Einwohner.
Die größten Orte auf deutscher Seite sind Heringsdorf im Osten und Zinnowitz im Westen der Insel.

Etwa eine Million Übernachtungsgäste besuchen Usedom im Jahr.

Fünf historische Seebrücken ragen in die Ostsee, darunter auch Deutschlands längste in Heringsdorf (508 Meter) und Deutschlands älteste in Ahlbeck (1898 erbaut).
Ein beeindruckendes Ensemble historischer Bäderarchitekturvillen säumen die längste Strandpromenade Europas.

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