© dpa/Peter Förster
Ein Langschwanzmakake im Magdeburger Leibniz-Institut, der für Hirnforschung eingesetzt wird.
Tierversuche: "veraltet, zu teuer, unzuverlässig"
Dr. Gaby Neumann von "Ärzte gegen Tierversuche" im Interview
Laut der letzten Statistik gab es in Deutschland 2016 mehr als 2.800 000 Tiere, die für Tierversuche verwendet wurden. Tierschützer wie Gaby Neumann von "Ärzte gegen Tierversuche" halten Forschung an Tieren im Namen der Wissenschaft, abgesehen von den ethischen Problemen, für veraltet, zu teuer und nicht zuverlässig. Mit einem Satz: Tierversuche sind im 21. Jahrhundert überflüssig. Ein Interview.
Von Alexia Späth

Warum halten Sie Tierversuche für überflüssig?

In Zeiten von hochsensiblen Analyse- und bildgebenden Verfahren, Computern oder anderen innovativen Methoden, ist es fahrlässig, an einer Methode festzuhalten, die dem vorletzten Jahrhundert entspringt.

Hinzu kommt, dass die Übertragbarkeit auf den Menschen laut verschiedener Studien bei unter einem Prozent liegt.

Tiere bekommen viele Krankheiten des Menschen gar nicht. Deswegen werden sie in der Forschung beispielsweise durch Genmanipulation, Vergiftung, Operation künstlich krankgemacht. Dann bilden sie Symptome aus, die der menschlichen Krankheit ähneln. Anschließend werden Medikamente gesucht, die diese Symptome wieder verschwinden lassen. Versucht man dasselbe beim Menschen, funktioniert es nicht.

Mittlerweile gibt es Firmen, die Biobanken für menschliches Krebsmaterial besitzen. Von Patienten werden Tumorzellen gewonnen. Daraus werden kleine Miniorgane hergestellt. Dieser Minikrebs entspricht dann dem Krebs des Patienten. Daran kann man am besten testen, ob ein Chemotherapeutikum bei diesem Patienten für diesen Krebs wirkt. Das nennt man personalisierte Medizin.


Kosten

© Ärzte gegen Tierversuche
Gaby Neumann ist Tierärztin und seit 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin bei "Ärzte gegen Tierversuche".
Ist personalisierte Medizin nicht kostspieliger als allgemeine Tierversuche?

Nein, eben nicht. Tierversuche sind viel teurer als tierversuchsfreie Methoden.

Die Kosten für eine genmanipulierte Maus liegen im Durchschnitt bei 2.000 Euro, teilweise sogar bis zu 75.000 Euro. Neubauten für Tierversuchslabore kosten dem Steuerzahler zweistellige Millionenbeträge. Im Gegensatz dazu kosten Miniorgane, wie zum Beispiel ein Minigehirn, weit unter hundert Euro.

Tierversuchsfreie Methoden liefern auch viel schneller ein Ergebnis. Wenn man beispielsweise die akute Giftigkeit von Substanzen mit Tieren testet, kann es Stunden bis Tage dauern, bis die Tiere Vergiftungssymptome ausbilden.

Zellkulturen oder Computersoftware, die mit großen Datenmengen gefüttert werden und mit Algorithmen arbeiten, liefern diese Ergebnisse innerhalb von Minuten.

Außerdem kann man im Gegensatz zum Tierversuch mehrere Substanzen gleichzeitig testen, was die Zeit noch mal reduziert.


Gesetzliche Auflagen

Gibt es Medikamente, die ohne Tierversuche auf den Markt kommen können?

Laut Gesetz sind in Deutschland momentan in der Medikamentenentwicklung Tierversuche vorgeschrieben. Das heißt, kein Medikament kommt auf den Markt, das nicht vorher an Tieren getestet wurde. Das soll die Probanden in den klinischen Test, die im Anschluss an die Tierversuche gemacht werden, schützen.

Allerdings fallen 95 Prozent aller Medikamente, die sich im Tierversuch als wirksam und unbedenklich erwiesen haben, in diesen Studien an Menschen durch. Und dass, weil sie entweder keine Wirksamkeit gezeigt haben oder hochgradige Nebenwirkungen aufgetreten sind.

Und selbst von den fünf Prozent der Medikamente, die schließlich zugelassen werden, müssen ein Drittel vom Markt genommen oder mit Warnhinweisen versehen werden, weil sie hochgradige Nebenwirkungen zeigen.


Alternativen

© Victor O. Leshyk, modifiziert nach Edington et al. Sci. Rep. 2018 Mit einem Mulit-Organ Chip kann man Reaktionen auf Substanzen an mehreren Organen gleichzeitig testen.
Mit einem Mulit-Organ Chip kann man Reaktionen auf Substanzen an mehreren Organen gleichzeitig testen.
Welche Alternativen würde es geben?

Es gibt es heute etliche moderne, menschenbasierte Methoden, die im Gegensatz zu Tierversuchen valide Ergebnisse und eine gute Übertragbarkeit auf den Menschen liefern. Zu den bereits genannten Verfahren möchte ich Multi-Organ-Chips erwähnen. Hier lassen sich die Reaktionen auf Substanzen an mehreren Organen gleichzeitig testen. Der Chip ist mit menschlichen Zellen beschichtet und die einzelnen Miniorgane sind durch einen Flüssigkeitskreislauf verbunden. Auf dem Chip existiert dann quasi ein künstlicher Mini-Mensch.

Hautzellen von beispielsweise einem Demenzkranken können auf Stammzellniveau zurückprogrammiert werden. Und die werden anschließend dazu gebracht, sich in verschiedene Körperzellen zu entwickeln.

Im Falle von einem Minigehirn in Nervenzellen. Diese entwickeln sich weiter zu einem dreidimensionalen Minigehirn. Und daran kann man dann Demenzforschung betreiben.


"Karrieresystem Tierversuch"

Warum bestehen trotzdem so viele Wissenschaftler auf Tierversuche?

Tierversuche haben eine über 150-jährige Tradition. Viele Wissenschaftler wachsen mit dieser Methode auf und stellen sie meist gar nicht in Frage. Das Befahren alter Gleise ist bequemer als das Beschreiten neuer Wege.

Außerdem gibt es das "Karrieresystem Tierversuch": Wenn man als Wissenschaftler Karriere machen will, muss man sehr viele Impactfaktoren sammeln. Das sind Punkte, die man von Magazinen und Journalen für Veröffentlichungen bekommt. Und Journale, die viele Impactfaktoren vergeben, nehmen fast überwiegend Tierversuchsstudien an.

Veröffentlichungen braucht man wiederum, um Forschungsgelder zu generieren. Und an den Stellen, die Gelder vergeben, sitzen häufig wieder Leute, die Tierversuche befürworten.

Falls Medikamente beim Menschen zu Nebenwirkungen führen sind Pharmakonzerne durch die gesetzlich vorgeschriebene tierexperimentelle Forschung vor Regressansprüche geschützt.

Und nicht zuletzt profitiert eine ganze Industrie von Tierversuchen: Züchter, Händler, Futterlieferanten, Käfighersteller, Wissenschaftler usw.

Es ist schwierig, da rauszukommen.


Sendedaten
Dienstag, 31. Juli, 10.15 Uhr

Laboraffe 30.003 - Müssen Tierversuche sein?

Ein Film von Manuel Gerber

Dokumentation
Laboraffe 30.003
Nummer 30.003 ist ein Javaner-Affe. Er hat keinen Namen und lebt seit über 16 Jahren in einem Laborkäfig der Uni Münster. Er dient als Versuchstier zur Grundlagenforschung über Unfruchtbarkeit. Ist dies grausam oder notwendig? Welche Alternativen gibt es. Der Film geht all diesen Fragen nach.
Das Thema auf 3sat.de
Tierversuche in der Forschung
Immer noch gibt es in Deutschland um die 3 Millionen Tierversuche im Jahr - aber das Bewusstsein um das Wohl der Tiere wächst.
Massive Kritik an Abgas-Versuchen
Nach Bekanntwerden von Diesel-Abgastests an Affen gibt sich VW reumütig. Künftig will der Konzern auf Tierversuche verzichten. Die scharfe Kritik an den Tests reißt aber noch lange nicht ab.