© WDR
Javaner-Affe 30.003 lebt seit über 16 Jahren in einem Laborkäfig und dient als Versuchstier der Forschung.
Laboraffe 30.003
Müssen Tierversuche sein?
Nummer 30.003 ist ein Javaner-Affe. Er hat keinen Namen und lebt seit über 16 Jahren in einem Laborkäfig der Uni Münster. Er dient als Versuchstier zur Grundlagenforschung über Unfruchtbarkeit. Ist dies grausam oder notwendig? Welche Alternativen gibt es? Der Film geht all diesen Fragen nach.
Für Kosmetika sind seit 2013 in der Europäischen Union Tierversuche verboten. Gemäß dem Tierschutzgesetz werden in Deutschland von den zuständigen Behörden nur Tierversuche in folgenden Fällen gestattet:

- Grundlagenforschung
- Forschung zur "Vorbeugung, Erkennung oder Behandlung von Krankheiten“- Umweltschutz
- Aus- und Fortbildung, zum Beispiel von Medizinern

Bei all dem muss das Leiden der Tiere "im Hinblick auf den Versuchszweck ethisch vertretbar sein". Alternative Methoden sind allerdings zu bevorzugen.


2016: 2 854 586 Versuchstiere

© WDR
Haltungseinrichtung für Javaner-Affen an der Uni Münster.
Anfang Januar gab das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft die Tierversuchszahlen für 2016 bekannt:
2 854 586 Versuchstiere in Deutschland listet die offizielle Statistik auf. Damit stieg die Zahl um 1,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr an.

Dazu zählen 1,9 Millionen Mäuse, die 2016 für Forschungszwecke verwendet wurden. Hinzu kommen jeweils etwa 300.000 Fische und Ratten, 485 Katzen, 2.008 Hunde, sowie weiter: Hamster, Kaninchen, Reptilien, Schweine, Schafe und Ziegen, fast 1.800 Affen und Halbaffen.

Seit 1991 sind Tierversuche an Menschenaffen in Deutschland verboten. Nur noch ihr Verhalten darf untersucht werden.

Etwas mehr als die Hälfte der Tiere starb für Experimente der biomedizinischen Grundlagenforschung.


Kritiker stellen Nutzen und Kosten infrage

© Ärzte gegen Tierversuche".
Gaby Neumann ist Tierärztin und seit 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin bei "Ärzte gegen Tierversuche".
Wenn es nach Tierschützern wie "Ärzte gegen Tierversuche" gehen würde, könnten Tierversuche sofort eingestellt werden, wenn der politische Wille wäre.

Doch werden tierversuchsfreie Forschungsmethoden kaum finanziell gefördert. Laut den Quellen der Tierversuchsgegner geht hervor, dass dieser Forschungsbereich gerade einmal mit etwa 6 Millionen Euro pro Jahr unterstützt wird.

Alleine das Jahresbudget der beiden größten deutschen Forschungsgesellschaften, der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), beträgt 4,8 Milliarden Euro.

Ein großer Teil werde in Tierversuche investiert, so in einem Infoblatt der "Ärzte gegen Tierversuche".
Interview mit "Ärzte gegen Tierversuche"


Alternative Methoden

© WDR
Demenzforschung im Tierversuch mit Javaner-Affendame Leni am Deutschen Primatenzentrum GmbH, Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen.
Laut aktuellen US-Studien könnten Tierversuche zum Beispiel durch Software ersetzt werden. Toxikologen der Johns Hopkins University in Baltimore wollten mit einer Computersimulation die Giftigkeit von Chemikalien berechnen. Dafür fütterten sie den Computer mit Daten der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) zu etwa 10.000 chemischen Stoffen und 800.000 Tierversuchen. Auf dieser Basis berechnete dann ihre Software die Wahrscheinlichkeit einer giftigen Wirkung für unbekannte Substanzen.

Während Tierversuche teilweise bei mehreren Testdurchgängen unterschiedliche Ergebnisse liefern, führte der Algorithmus zu eindeutigeren Befunden: Die Computersimulation konnte eine gesundheitsschädigende Wirkung zu 85 - 95 Prozent richtig vorhersagen.


Vorbild Niederlande?

Schon 2016 hat der damalige Landwirtschaftsminister Marijn van Dam das niederländische nationale Tierversuchskomitee gebeten, einen Fahrplan zum Ausstieg aus der tierexperimentellen Forschung zu erarbeiten. Sein Ziel war es, bis 2025 die weltweit führende Rolle im Bereich der Innovationen ohne Tierversuche zu werden.

Die niederländische Vorgehensweise ist noch immer einzigartig. Zwar hält die EU-Richtlinie von 2010 fest, dass Tierversuche abgeschafft werden sollen. Ein konkretes Datum gibt es bisher nicht.

Doch auch in den Niederlanden wird die Umsetzbarkeit weiterhin heftig diskutiert.


Sendedaten
Dienstag, 31. Juli, 10.15 Uhr

Laboraffe 30.003 - Müssen Tierversuche sein?

Ein Film von Manuel Gerber

Info
© wdrTierversuche in Deutschland

Große Zentren mit Versuchstierlabors gibt es neben München auch in Berlin, Düsseldorf, Hannover, Heidelberg, Tübingen und Freiburg – überall, wo biomedizinische Forschung stattfindet. Dabei werden an Tieren nicht nur Medikamente ausprobiert, sondern auch Dialysetechniken, Impfungen, Bypass-Operationen und neue Gelenke oder Zahnimplantate.

Zudem werden Tieren artfremde Organe eingepflanzt, zum Beispiel einem Affen ein Schweineherz, um zu testen, ob tierische Organe auch für den Menschen tauglich wären.

Das Thema auf 3sat.de
Tierversuche in der Forschung
Immer noch gibt es in Deutschland um die 3 Millionen Tierversuche im Jahr - aber das Bewusstsein um das Wohl der Tiere wächst.
Massive Kritik an Abgas-Versuchen
Nach Bekanntwerden von Diesel-Abgastests an Affen gibt sich VW reumütig. Künftig will der Konzern auf Tierversuche verzichten. Die scharfe Kritik an den Tests reißt aber noch lange nicht ab.
Ein Herz aus Bytes
Im "Living Heart Project" lässt der Hohenheimer Mathematiker Prof. Philipp Kügler ein Modell des menschlichen Herzens und seiner Funktionen entstehen.