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Der Film in der Mediathek (ab Montag, 7. Mai, 6 Uhr)Der Film in der Mediathek (ab Montag, 7. Mai, 6 Uhr)
Das Leben der 15-jährigen Chen Xi ist von Disziplin und hartem Training bestimmt.
Drachenmädchen
Chinas größte Kung-Fu-Schule
Ein besseres Leben erhoffen sich die Schülerinnen von Chinas größter Kung-Fu-Schule in der Provinz Henan. Eiserne Disziplin bestimmt ihren Alltag. Inigo Westmeiers Dokumentarfilm stellt drei dieser "Drachenmädchen" vor – ihre Ziele, ihre Träumen, ihr hartes Training.
Von Margret Köhler

Aufstehen um 5.40 Uhr, Training bis 7.30 Uhr, anschließend Frühstück, Training von 8.50 Uhr bis 11.50 Uhr. Zwanzig Minuten Mittagessen, dann wird in der Schule Allgemeinwissen gebüffelt, um 18.20 Uhr geht's in den Schlafsaal, um 20.30 Uhr heißt es Bettruhe.

Kein Tagesplan für amerikanische Marines, sondern für die 26.000 Schüler der größten Kung-Fu-Schule Chinas in der Provinz Henan.


Rund 1.000 Kilometer ist Chen Xi (15) von ihren Eltern entfernt. © BR/GAP films GmbH/Open Window Film GmbH Rund 1.000 Kilometer ist Chen Xi (15) von ihren Eltern entfernt.
Xin Chenxi ist neun Jahre alt. Sie will einmal Soldatin werden.  © BR/GAP films GmbH/Open Window Film GmbH Xin Chenxi ist neun Jahre alt. Sie will einmal Soldatin werden.

Weit weg von zuhause

Tausende Kilometer von den Eltern entfernt lernen Jungen und Mädchen eiserne Disziplin und hoffen auf die Chance, irgendwann zur Kung-Fu-Elite zu zählen. Die meisten kommen aus ärmlichen Verhältnissen.

Inigo Westmeier wählte drei Protagonistinnen aus: die 9-jährige Xin Chenxi, die 15-jährige Chen Xi und die 17-jährige Huang Luolan. Letztere entfloh dem Drill, kehrte nach Shanghai zurück und hängt nur noch vor dem Computer.

In intensiven Beobachtungen und Gesprächen mit den Mädchen, ihren Trainern, Eltern und Verwandten, dem Schulleiter und dem Abt des nahen Shaolin-Tempels, der Wiege des Kung Fu, entsteht das Bild einer Gesellschaftsschicht, die sich nicht um ihre Kinder kümmern kann.

Und von Heranwachsenden, die nie die Chance erhielten, Kind zu sein, die alles tun, um aus der Misere herauszukommen.


Kein Platz für Privatsphäre

Für Individualität und Privatsphäre bleibt da kein Platz. Gleichzeitig verschweigt Westmeier nicht die Faszination dieses einzigartigen Kampfsports. Härte gegen sich selbst ist bei den Drachenmädchen das oberste Gebot.

"Ein Meister zeigt nicht sein wahres Gesicht, denn sonst ist er kein Meister", so der Trainer. Und während Chen Xi zugibt, nachts oft zu weinen und sich nach ihren Eltern sehnt, gibt sich die Jüngere, die mal Soldatin werden möchte, stark: "Weinen bringt nichts, man muss sich mutig der Situation stellen."


Kurze Trainingspause in der Kampfschule Shaolin Tagou, die in der zentralchinesischen Provinz Henan liegt.  © BR/GAP films GmbH/Open Window Film GmbH Kurze Trainingspause in der Kampfschule Shaolin Tagou, die in der zentralchinesischen Provinz Henan liegt.
Als Chen Xi (15) bei dem Wettbewerb den zweiten Platz erkämpft, ist ihr Vater darüber sehr enttäuscht. Zur Strafe kommt er sie nicht besuchen.  © BR/GAP films GmbH/Open Window Film GmbH Als Chen Xi (15) bei dem Wettbewerb den zweiten Platz erkämpft, ist ihr Vater darüber sehr enttäuscht. Zur Strafe kommt er sie nicht besuchen.

Schwierige Dreharbeiten

Es dauerte lange, die Drehgenehmigung zu erhalten, und es gestaltete sich kompliziert, mal ohne Aufpasser mit den Menschen zu reden, aber es gelang in wenigen unbeobachteten Momenten.

Westmeier begeistert nicht nur durch sensible Herangehensweise, sondern auch durch fantastische Aufnahmen, darunter eine Massen-Choreografie beim Training, die "Reichsparteitags-Erinnerungen" wachruft.

"Drachenmädchen" verzichtet auf pädagogischen Impetus und gehört zu den außergewöhnlichen und unbedingt sehenswerten Dokumentarfilmen, die den Zuschauer in eine Geschichte und eine fremde Kultur hineinziehen, Fragen nach den Zwängen und Widersprüchlichkeiten des Systems aufwerfen, nach dem Stellenwert des Einzelnen in einer durch und durch reglementierten Gesellschaft.


Doch Kung-Fu ist für die Mädchen nicht nur eine Qual, sondern auch eine Chance. Sie wissen, wofür sie so hart trainieren: Eines Tages wollen sie zu Chinas Kampfsport-Elite gehören.  © BR/GAP films GmbH/Open Window Film GmbH Doch Kung-Fu ist für die Mädchen nicht nur eine Qual, sondern auch eine Chance. Sie wissen, wofür sie so hart trainieren: Eines Tages wollen sie zu Chinas Kampfsport-Elite gehören.
Je besser sie die Kampftechniken beherrschen, desto größer ist die Chance, aus ihrer meist ärmlichen Herkunft in ein besseres Leben zu wechseln.  © BR/GAP films GmbH/Open Window Film GmbH Je besser sie die Kampftechniken beherrschen, desto größer ist die Chance, aus ihrer meist ärmlichen Herkunft in ein besseres Leben zu wechseln.

Sendedaten
Montag, 7. Mai 2018, 22.25 Uhr

Drachenmädchen

Ein Film von Inigo Westmeier

Info
© brRegisseur Inigo Westmeier

"Der Film war Kung-Fu", sagt Regisseur Inigo Westmeier über "Drachenmädchen". Zehn Jahre dauerte es von der Idee bis zum fertigen Film. Doch die Mühe lohnte sich: Westmeier erhielt 2013 auf dem kanadischen Filmfestival "Hot Docs" in Toronto den Hauptpreis als "bester internationaler Dokumentarfilm". Die Auszeichnung ist mit 10.000 Dollar dotiert.

Zu den weiteren Auszeichnungen, die er erhielt, zählen der erste Preis der Kinderjury beim Kinderfilm Festival Chicago, der Hessische Filmpreis und der Deutsche Kamerapreis, jeweils für den besten Dokumentarfilm des Jahres 2013.

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