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Viele obdachlose Jugendliche stammen aus schwierigen Familienverhältnissen.
Jung und obdachlos
Notschlafstelle für Straßenkinder
Jugendliche, die komplett aus dem System gefallen sind, bezeichnen sich selbst als "Straßenkinder". Auch wenn man sie auf der Straße nicht sieht, gibt es in Deutschland deutlich mehr von ihnen als man denkt.
Es liegen keine empirischen Studien vor, aus denen eindeutig hervorgeht, wie viele Straßenjugendliche es tatsächlich in Deutschland gibt. Alle zugänglichen Angaben sind bloße Schätzungen. Das Deutsche Jugendinstitut geht aktuell davon aus, dass 37.000 Menschen unter 26 Jahren davon betroffen sind.

Wie in anderen Ländern, so ist auch in Deutschland die Bezeichnung "Straßenkinder" umstritten, die vorgeschlagenen Definitionen sind uneinheitlich und nicht befriedigend. Was das Alter der Betroffenen angeht, so stößt man auf deutschen Straßen auf Jugendliche, kaum aber auf Kinder unter 14 Jahren.


Ursachen für das Verlassen des Elternhauses

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Manuela leitet die Notschlafstelle Raum 58 in Essen seit 14 Jahren.
Laut dem aktuellen Bericht des Deutschen Jugendinstituts verlassen Jugendliche ihre Familie aus besonders belasteten Situationen. Ihre Familien verfügen meist nur über ein niedriges Einkommen. Die Beziehungen der Kinder und Jugendlichen zu ihren Eltern sind sehr angespannt.

Vielen ist es nicht gelungen, eine gute Beziehung zu Vater, Mutter oder Verwandten zu entwickeln. Stattdessen mussten sie Vernachlässigung, Missachtung, Misshandlungen oder gar Missbrauch erfahren.

Institutionen wie Schule oder Einrichtungen der Jugendhilfe, von denen Hilfe zu erwarten wäre, können aus den verschiedensten Gründen keine Hilfestellung zu geben.


Die Herkunftsfamilien

Die meisten deutschen Straßenjugendlichen und deren Eltern haben einen niedrigen Bildungsstand. Für die Ausübung eines Berufes sind sie häufig schlecht qualifiziert. So gut wie nie können sie einen höheren Bildungsabschluss vorweisen. Die meisten von ihnen haben lediglich eine Hauptschule oder Sonderschule besucht.

Solange deutsche Straßenjugendliche noch zu Hause lebten, waren ihre Wohnverhältnisse meist beengt. Bisweilen hatten sie nicht einmal ein eigenes Bett.


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Steven ist gerade auf Wohnungssuche und will die Notschlafstelle verlassen.
Unter deutschen Obdachlosen sind Drogen- und Alkoholkonsum weit verbreitet. Oft beginnt der Missbrauch bereits im Kindesalter, zumal wenn die eigenen Eltern alkohol- oder drogenabhängig sind.

In Deutschland soll es drei bis vier Millionen Kinder und Jugendliche geben, die mit Drogen konsumierenden Erwachsenen aufwachsen.


Armut und die Folgen

Laut dem letzten Armutsbericht der Bundesregierung von 2017 sind fast ein Fünftel der Kinder in Deutschland von einem Armutsrisiko betroffen.

Armut ist nicht nur Mangel an materiellen Gütern. Sie beeinträchtigt die Lebensqualität und wirkt sich auch sozial und psychisch aus. Kinder aus armen Familien haben meist geringere Chancen auf ein normales Leben und sind kaum fähig, ihre Lage zu verbessern.

Viele deutsche Straßenjugendliche stammen von Eltern ab, deren Ehen gescheitert sind. Arbeitslosigkeit, Mangel am überlebensnotwendigen und Verschuldung führen leicht zu innerfamiliären Spannungen und Gewalttätigkeiten.


Überlebensstrategien

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Pinky lebte bereits mit 14 Jahren auf der Straße.
Wenn Jugendliche die Straße als Lebensmittelpunkt gewählt haben, bleibt ihnen selten eine realistische Chance, ihre materielle Situation zu verbessern. Sie kommen nur schwer an Geld, haben kaum eine Möglichkeit, sich weiter zu bilden und sind gesundheitlich ständigen Gefahren ausgesetzt.

Wohn- und Übernachtungsmöglichkeiten sind äußerst prekär. Die Grenzen zwischen legaler und illegaler Tätigkeit auf der Straße sind fließend.


Sendedaten
Mittwoch, 25. April 2018, 23.55 Uhr

Jung und obdachlos

Ein Film von Patrick Stijfhals

Info
© wdrStraßenkinder dürfte es in Deutschland eigentlich gar nicht geben. Denn Kinder und Jugendliche gelten offiziell bis zum 18. Lebensjahr als "obhutlos". Werden sie von der Polizei aufgegriffen, bringt diese sie zu den Eltern zurück.

Von dort reißen sie meist aber wieder sofort aus, zurück auf die Straße. Häufig weigern sich auch die Eltern, einen neuen Versuch des Zusammenlebens zu starten. Sie fühlen sich überfordert, leben oft in einer von Gewalt geprägten Beziehung, sind nicht selten alkoholabhängig und haben keinerlei emotionale Bindung zu ihrem Kind. Oder möchten, was häufig der Fall ist, einfach ihre Ruhe.

In solchen Härtefällen ist das Jugendamt gefordert, eine andere Lösung zu finden. Diese heißt in den meisten Fällen, dass das Kind in einem Heim untergebracht wird.

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