© WDR
Ganze Sendung ansehen (ab Freitag, 2. März, 6 Uhr) Ganze Sendung ansehen (ab Freitag, 2. März, 6 Uhr)
Ein Jahr lang hat Christoph Goldbeck für die Dokumentation recherchiert und Zeugen ausfindig gemacht, um ihr Leben in der Schattenwelt festzuhalten. Nur wenige waren bereit, über das Zeugenschutzprogramm zu sprechen. "Der Staat hat mich in die Gosse fallen lassen", sagt "Doris Glück", die eigentlich ganz anders heißt.
Leben unter der Tarnkappe
Wenn der Zeugenschutz die Existenz zerstört
Um organisierte Kriminalität und Terrorismus effektiv zu bekämpfen, gibt es in Deutschland ein Zeugenschutzprogramm. Die aussagewilligen Kronzeugen sollen dann geschützt werden vor Racheakten derer, die sie verraten: Sie bekommen einen neuen Namen, eine neue Identität. Doch welche Folgen das für ihr Leben hat, begreifen viele Betroffene erst, wenn sie nicht mehr zurückkönnen.

© WDR
Der gefährlichste Zeitpunkt für die Kronzeugen: die Aussage vor Gericht.
Wer bereit ist, Kriminelle durch seine Zeugenaussage der Justiz auszuliefern, gefährdet sich oft selbst – vor allem, wenn er der einzige Zeuge ist.

Das sogenannte "Zeugenschutzprogramm" soll diesen Menschen die Angst davor nehmen. Auf Kosten des Staates bekommen die Zeugen nach der Aussage neue Dokumente: Führerschein, Pass, Kreditkarten – und sollen, so die Vorstellung, unter einem anderen Namen an einem anderen Wohnort mit einer anderen Biografie weiterhin ein ganz normales Leben führen können.


Lückenhafte neue Identität

© WDR
Eine richtige Biografie ist oft das Problem für Zeugen im Zeugenschutz-Programm.
Doch der Preis für eine Zeugenaussage ist hoch: Die Kronzeugen verlieren ihre Heimat, müssen Bindungen zu Freunden und zur Familie kappen, häufig umziehen, ein neues, fremdes Leben erfinden.

Hinzu kommt. dass die zugewiesene Tarn-Identität oft lückenhaft ist, denn eine Geburtsurkunde darf beispielsweise nach deutschem Recht nicht geändert werden. So scheinen Lebensläufe, zum Beispiel für Bewerbungsgespräche, bei genauerer Durchsicht nicht mehr schlüssig, wichtige Unterlagen fehlen.


Ohne politische Kontrolle

© WDR
Auch dieser Kleinkriminelle – nennen wir ihn "Jerome B." - war vier Jahre im Zeugenschutz.
Der Zeugenschutz ist zudem auf Zeit gedacht, am Ende muss der Betroffene seinen alten Namen und seine Identität wieder zurücknehmen. Doch das ist in Zeiten von Facebook & Co. schwierig. Arbeitgeber, Banken oder Vermieter glauben dann an Betrug.

Mit den Scherben ihres Lebens werden Kronzeugen häufig allein gelassen. Vor dem Zeugenschutzprogramm werden nicht selten Versprechen gemacht und Hoffnungen geweckt, die nicht erfüllbar sind. Politisch kontrolliert wird es nicht.


"Wie ein nasser Sack"

Auch der Kleinkriminelle "Jerome B." (siehe Foto oben) war vier Jahre lang im Zeugenschutz. Seine Aussage half, die Strukturen der "Hells Angels" aufzudecken und eine albanische Einbrecherbande auffliegen zu lassen.

Wenn er gewusst hätte, welche Folgen das Zeugenschutzprogramm für sein Leben hat, hätte er sich anders entschieden. „Wie ein nasser Sack wird man vor die Tür gestellt, nachdem man seine Aussage gemacht hat“, sagt Jerome enttäuscht.


Sendedaten
Freitag, 2. März 2018, 20.15 Uhr

Leben unter der Tarnkappe - Wie der Zeugenschutz die Existenz zerstört

Ein Film von Christoph Goldbeck

Hintergrund
© dpa Jens KalaeneEin Jahr lang hat Christoph Goldbeck für diese erste Dokumentation über den Zeugenschutz recherchiert, Zeugen ausfindig gemacht, um ihr Leben in der Schattenwelt festzuhalten. Nur wenige waren allerdings bereit, über das Zeugenschutzprogramm zu sprechen – Geheimhaltung ist Teil des Vertrages, den sie eingehen.
Klicktipp
© WDRErklärstück
Warum gibt es das Zeugenschutzprogramm - und wie funktioniert es? [WDR]
Klicktipp: 3sat-Doku am Freitag
Ab ins Steuerparadies! (23.2.2018)
Amazon, Starbucks, Ikea und Co. – zahlreiche große internationale Konzerne nutzen legale Steuerschlupflöcher, die von vielen Staaten geradezu bereitwillig zur Verfügung gestellt werden. Am meisten leiden darunter die kleinen Einzelhändler, die ganz normal ihre Steuern zahlen. Sie sind dadurch einem gnadenlosen Wettbewerb ausgesetzt.
Nervenkrieg um Nordkorea (16.2.2018)
Nordkoreas Machthaber provoziert die Welt. Ungeachtet aller UN-Resolutionen zündet er Bomben und Raketen, posiert vor immer neuen, angeblich selbst gebauten Waffen. Was motiviert diesen Despoten der letzten stalinistischen Familien-Dynastie der Welt, was ist sein Ziel, was seine Strategie?
Exil Deutschland (9.2.2018)
Seit September 2016 lebt der türkische Autor und Journalist Can Dündar im Exil. In seinem Film erzählt er zusammen mit der deutschen Journalistin Katja Deiß exklusiv und persönlich, was es bedeutet, allein in einem fremden Land zu leben, fern von der Heimat, getrennt von der Familie.