© dpa Ulrich Baumgarten
Uwe Barschel am 14. September 1987 bei einer Pressekonferenz im Konrad-Adenauer-Haus in Bonn. Nur wenige Wochen später stirbt der ehemalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein unter mysteriösen Umständen.
Uwe Barschel am 14. September 1987 bei einer Pressekonferenz im Konrad-Adenauer-Haus in Bonn. Nur wenige Wochen später stirbt der ehemalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein unter mysteriösen Umständen.
Tod eines Politikers
Genf, 11. Oktober 1987: Ein Journalist entdeckt die Leiche von Uwe Barschel in der Badewanne eines Hotelzimmers. Was in der Nacht zuvor im Zimmer 317 passiert ist, gibt bis heute Rätsel auf. Wie und warum ist der ehemalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein gestorben?
Am 12. September 1987, einen Tag vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein, kommt einer der größten Politikskandale in der Geschichte der Bundesrepublik an die Öffentlichkeit: Der Kandidat der SPD, Barschels Konkurrent Björn Engholm, wurde im Wahlkampf Opfer einer Schmutzkampagne.

Der amtierende Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel (CDU), tritt daraufhin - im Zuge der sogenannten "Waterkantgate-Affäre" - am 2. Oktober zurück. Neun Tage später stirbt er in der Schweiz unter mysteriösen und bis heute ungeklärten Umständen.


Juli 1986: Uwe Barschel bei einer Fahrradtour mit seiner Familie. © dpa / Wulf Pfeiffer Juli 1986: Uwe Barschel bei einer Fahrradtour mit seiner Familie.
Juli 1987: Der Ministerpräsident im Lübecker Universitätsklinikum.  © dpa / Carsten Rehder Juli 1987: Der Ministerpräsident im Lübecker Universitätsklinikum.
Juli 1986: Familie Barschel vor ihrem Haus am Schmalsee bei Mölln.  © dpa / Wulf Pfeiffer Juli 1986: Familie Barschel vor ihrem Haus am Schmalsee bei Mölln.

Von ganz unten nach ganz oben

Uwe Barschel hat kein einfaches Leben. Aufgewachsen in sehr armen Verhältnissen, schafft er einen rasanten Aufstieg: Jurastudium, Vorsitzender der JU in Schleswig-Holstein, dann jüngster Fraktionsvorsitzender im Landtag. Nicht nur beruflich, auch privat geht es rasant nach oben. Seine Frau Freya ist eine geborene "von Bismarck", eine entfernte Verwandte von Otto von Bismarck.

1982, mit nur 38 Jahren, wird er Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. "Er stand im Büro und sagte, dass er davon ausgehe, dass er der nächste Bundeskanzler sein wird", erinnert sich später Helmut Kohl.


Geheime Waffendeals

© dpa / Werner Baum 31. Mai 1987: Ein Flugzeug mit Uwe Barschel an Bord prallt  beim Landeanflug an einen Mast. Der Ministerpräsident überlebt den Absturz schwer verletzt, sein Sicherheitsbeamter und die beiden Piloten sterben.
31. Mai 1987: Ein Flugzeug mit Uwe Barschel an Bord prallt beim Landeanflug an einen Mast. Der Ministerpräsident überlebt den Absturz schwer verletzt, sein Sicherheitsbeamter und die beiden Piloten sterben.
Zu diesem Zeitpunkt stehen Uwe Barschel alle Tore offen, er ist in den höheren Gesellschaftskreisen angekommen und die Karriere verläuft vielversprechend. Doch irgendwann beginnt der Politiker und Jurist, ein Doppelleben zu führen.

Seit er in den 1970er-Jahren in ein Kieler Notariat eingestiegen ist, hat er mit Waffengeschäften zu tun. Diese Deals führen ihn auch in die DDR, nach Südafrika und in den Nahen Osten.

So spielt der CDU-Politiker wohl eine entscheidende Rolle im Waffenhandel mit dem Iran. Dass es eine Verbindung zwischen ihm und dem Mullah-Regime gab, bestätigte später auch der damalige iranische Präsident Abū l-Hasan Banīsadr. Sein Kontaktmann soll dabei nicht irgendwer gewesen sein, sondern Ahmad Chomeini, der jüngere Sohn von Ajatollah Ruhollah Chomeini. Barschel habe demnach Waffenverkäufe nach Teheran organisiert und regelmäßig an Treffen in der Schweiz teilgenommen.

Gibt es Hinweise in diesem "Doppelleben", die seinen Tod in Genf mit nur 43 Jahren erklären? Ist es Zufall, dass Uwe Barschel im selben Jahr, am 31. Mai 1987, als einziger einen Flugzeugabsturz überlebt - während sein Sicherheitsbeamter und beide Piloten sterben?


Verhängnisvolles Ehrenwort

© dpa / picture-alliance Uwe Barschel erholt sich im Juni 1987 in der Lübecker Universitätsklinik von seinen Verletzungen. Er war bei dem Flugzeugabsturz schwer verletzt worden.
Uwe Barschel erholt sich im Juni 1987 in der Lübecker Universitätsklinik von seinen Verletzungen. Er war bei dem Flugzeugabsturz schwer verletzt worden.
Sicher ist: Im Jahr 1987 hat Barschel viele Probleme. Er steht unter Medikamenteneinfluss, nimmt "Tavor", ein Beruhigungsmittel, das enthemmt und Angst mildert. Zuletzt sollen es 4mg täglich gewesen sein - eine hohe Dosis.

Am 18. September 1987, knapp eine Woche nachdem der Spiegel die Wahlkampf-Schmutzkampagne publik gemacht hat, kämpft Uwe Barschel, sichtlich angeschlagen, auf einer Pressekonferenz um seine Ehre:

Über diese Ihnen gleich vorzulegenden eidesstattlichen Versicherungen hinaus gebe ich Ihnen, gebe ich den Bürgerinnen und Bürgern des Landes Schleswig-Holsteins und der gesamten deutschen Öffentlichkeit mein Ehrenwort – ich wiederhole: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! – dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind.“

Doch der Auftritt wird ihm zum Verhängnis: Das "Ehrenwort" ist eine Falschaussage, denn er muss von der schmutzigen Kampagne gegen seinen Konkurrenten gewusst haben. Uwe Barschel tritt daraufhin von seinem Posten als Ministerpräsident zurück und plant eine Art Flucht, angeblich nach Sizilien.


Reise in die Schweiz

Tatsächlich geht er nach Gran Canaria, von der Ferienanlage aus tätigt er zahlreiche geschäftliche Telefonate.

Drei Tage vor seinem Tod will Barschel von der Insel aus einen Flug buchen. Eine Mitarbeiterin des Hotels hilft ihm dabei. "Eigentlich wollte er einen Flug nach Zürich, doch als das nicht ging, meinte er, es könne auch nach Genf oder Madrid gehen", gibt später die mittlerweile verstorbene Rezeptzionistin zu Protokoll. Er hätte einen Informanten gehabt, der überall hingekommen wäre.

Warum er ausgerechnet in die Schweiz geflogen ist, ist bis heute ungeklärt. Sollten die Informationen der Hotelangestellten stimmen, hat Barschel in Genf tatsächlich jemanden getroffen, den "Informanten" also kurzfristig in die Stadt gebeten.


Ein Polizeiauto am 11. Oktober 1987 vor dem Hotel Beau-Rivage in Genf. © dpa / picture-alliance Ein Polizeiauto am 11. Oktober 1987 vor dem Hotel Beau-Rivage in Genf.
In dem Hotel wurde der CDU-Politiker  in dem Uwe Barschel tot in der Badewanne aufgefunden.  © dpa / picture-alliance In dem Hotel wurde der CDU-Politiker in dem Uwe Barschel tot in der Badewanne aufgefunden.
Die Witwe Freya Barschel nach der Trauerfeier für Uwe Barschel.  © dpa / picture-alliance Die Witwe Freya Barschel nach der Trauerfeier für Uwe Barschel.

Selbstmord?

Über die Todesnacht vom 10. auf dem 11. Oktober 1987 ist wenig bekannt. Ist Uwe Barschel gestorben wegen der Kontakte zur Waffenindustrie, die ihm über den Kopf gewachsen sind oder wegen der Angst vor dem Machtverlust - oder vielleicht ist sein Tod Folge seines Medikamentenmissbrauchs?

In Betracht kommen drei Erklärungen: Zum einen seine schwere Krise in den Wochen zuvor. Für einen Selbstmord spricht die Tatsache, dass der ehrgeizige Aufsteiger politisch und gesellschaftlich am Ende war und wusste, dass er aus der Affäre nie mehr rauskommt. Er sollte ja zwei Tage später vor dem Untersuchungsausschuss in Kiel aussagen.

Kurz nach Barschels Tod gibt die Staatsanwaltschaft außerdem ein Gutachten des Medikamentenmissbrauchs in Auftrag. Heraus kommt, dass das Beruhigungsmittel "Tavor" Selbstmordabsichten verstärken kann.


Mord?

Barschel hatte andererseits viele Kontakte ins Milieu der Agenten und Waffenhändler. Vor diesem Hintergrund bietet sich eine zweite Erklärung für seinen Tod: er ist ermordet worden. Für diese Theorie sprechen zahlreiche Indizien am Tatort:

So findet die Polizei beispielsweise im Hotelzimmer einen Knopf, der möglicherweise mit Gewalt von seinem Hemd abgerissen wurde. Auf dem Badvorleger sind Spuren eines Lösungsmittels, das Gift schneller in den Körper eindringen lässt. Gibt es also einen Mörder, der eine tödliche Substanz verabreicht hat? Am Tatort ist auch eine kleine Whiskey-Flasche mit Reste eines Medikamentes gegen Erbrechen. Die Flasche wurde mit Wasser ausgespült. Eine Weinflasche, die ein Kellner - mit zwei Gläsern - am Vorabend aufs Zimmer gebracht hat, ist spurlos verschwunden.

Vieles spricht also dafür, dass Barschel an den Folgen eines Mordes gestorben ist.

"Ich bin davon überzeugt, dass es ein Fremdverschulden gab", sagte später Freya Barschel. Es seien einfach zu viele Ungereimtheiten aufgetreten. Auch Helmut Kohl glaubte, dass ein Mord wahrscheinlicher sei als ein Selbstmord.


Aktive Sterbehilfe?

Aber die Ungereimheiten in Zimmer 317 lassen auch eine dritte Deutung zu:

Toxikologen stellen fest, dass das tödliche Präparat in Abständen eingenommen wurde. Besonders auffällig: Die Packungen der Medikamente sind ebenfalls aus dem Zimmer verschwunden. Es ist somit auch möglich, dass Barschel - in seiner Verzweiflung - jemanden beauftragt hat, aktive Sterbehilfe zu leisten.

Der ehemalige Meidenreferent von Uwe Barschel, Reiner Pfeiffer, berichtete, dass Barschel ihn sowohl nach aktiver als auch nach passiver Sterbehilfe gefragt habe. Pfeiffer soll für ihn deshalb Adressen von Sterbehilfe-Organisationen herausgesucht haben.


Mysteriöse Todesumstände

© dpa Der Grabstein von Uwe Barschel (1944-1987) auf dem Friedhof von Mölln.
Der Grabstein von Uwe Barschel (1944-1987) auf dem Friedhof von Mölln.
Mord, Selbstmord oder Sterbehilfe? Vieles deutet auf eine Fremdbeteiligung am Tod von Uwe Barschel. Möglicherweise hat auch jemand Interesse daran gehabt, Uwe Barschel zum Schweigen zu bringen. Doch wer?

Vielleicht war es auch so, dass Barschel sich im Geschäft mit der Macht verstrickt hatte und einfach keinen ehrenhaften Ausweg mehr fand. Er wollte möglicherweise deshalb auch nicht als Selbstmörder, sondern als Opfer gefunden werden.

An einem Tod, der alle Erklärungen offen lässt, hatte vielleicht vor allem einer Interesse: Uwe Barschel selbst.


Sendedaten
Dienstag, 10. Oktober 2017:

20.15 Uhr: Der Fall Barschel (1/2)Spielfilm, Deutschland 2015

22.25 Uhr: Der Fall Barschel (2/2)Spielfilm, Deutschland 2015

23.55 Uhr: Uwe Barschel - Das RätselDokumentarfilm von Stephan Lamby und Patrik Baab

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