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Die Premiere in voller Länge Die Premiere in voller Länge
Die Figur des Beckmesser: eine eindeutige Karikatur des "typischen Juden" - so wie er zu Wagners Zeit gesehen (und gefürchtet) wurde.
Frischer Wind in Bayreuth
Barrie Kosky inszeniert die "Meistersinger von Nürnberg"
Mit viel Prunk und Prominenz sind am Dienstag (25. Juli 2017) wieder einmal die Bayreuther Festspiele eröffnet wurden. Für eine Neuinterpretation der "Meistersinger" sorgte dieses Jahr der jüdische Regisseur Barrie Kosky. 3sat zeigt die Premiere in voller Länge.
"Was deutsch und echt, wüßt keiner mehr, lebt's nicht in deutscher Meister Ehr!"; Dieser und weitere Sätze waren einst Nährboden für nationalistische Demonstrationen auf dem Grünen Hügel zur Zeit der Weimarer Republik. Auch wenn sich Siegfried Wagner, der damalige Leiter der Festspiele, mit dem Aushang "Das Publikum wird herzlich gebeten, nach Schluss der Meistersinger nicht zu singen. Hier gilt's der Kunst!" solche Äußerungen verbat, wehte damals auf dem Festspielhaus doch demonstrativ die schwarz-weiß-rote Flagge.

Die Musik wurde bei NS-Parteitagen gespielt, die "Meistersinger" gehörten im sogenannten "Dritten Reich" zu den beliebtesten Aufführungen. Kein Wunder, versammelt doch die Figur des Stadtschreibers Beckmesser, dieser "jüdische Sonderling", der scheinbar nur danach trachtet, die "deutsche Kultur" zu zerstören, alle negativen Merkmale eines Menschen.

Dass die "Meistersinger" politisch erheblich belastet sind, ist gemeinhin bekannt - allerdings ist das nicht ausschließlich auf die Nationalsozialisten zurückzuführen, die - wie es so oft heißt - Wagners Werk "für ihre Zwecke interpretiert" hätten. Nein, Wagner selbst war ein bekennender Antisemit, die Figur des Beckmesser spiegelt genau das wider, was er am meisten hasste: den assimilierten Juden.


Ein Werk über die Kunst

© dpa/Nicolas Armer Am Tag der Eröffnung immer mit dabei: Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Ehemann Joachim Sauer.
Am Tag der Eröffnung immer mit dabei: Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Ehemann Joachim Sauer.
Kein Wunder, dass sich die "Meistersinger" so ausführlich wie wohl kein anderes Werk der Musikgeschichte mit der - deutschen - Kunst an sich beschäftigen: Der richtigen Singweise, den erlaubten musikalischen wie dichterischen Mitteln, aber auch mit dem philosophischen und gesellschaftlichen Wert der Kunst allgemein.

Nürnbergs reichster Mann, Veit Pogner, geht in seiner Hochachtung vor der Kunst sogar so weit, dass er seine Tochter Eva als Preis für den besten Sänger auslobt. Doch die Liebe macht diesen Plan zunichte. Diese Liebe macht den Ritter Walther von Stolzing zum Künstler, da er Eva durch ein Lied gewinnen muss.

Dabei stößt er durch seinen freien, intuitiven Umgang mit der Kunst auf gewaltigen Widerstand bei den Meistern, die mit dogmatischer Strenge über ihre "heiligen" Regeln wachen und sich allem Modernen verschließen. Einzig Hans Sachs ist auf der Seite des jungen Ritters - und der Kunst.


Impressionen: Premiere am 25. Juli 2017 in Bayreuth

1. Aufzug: Rollenverteilung in der Villa Wahnfried. Auch Wagner liebte Privataufführungen.  © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath 1. Aufzug: Rollenverteilung in der Villa Wahnfried. Auch Wagner liebte Privataufführungen.
Anne Schwanewilms als Eva, Klaus Florian Vogt als Ritter Walther von Stolzing.  © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath Anne Schwanewilms als Eva, Klaus Florian Vogt als Ritter Walther von Stolzing.
3. Aufzug: Michael Volle als Hans Sachs im Schwurgerichtssaal des Nürnberger Justizpalastes © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath 3. Aufzug: Michael Volle als Hans Sachs im Schwurgerichtssaal des Nürnberger Justizpalastes

 Kosky zeigt in seiner Inszenierung, wie eine Gemeinschaft Außenseitern eine Rolle aufzwingt. © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath Kosky zeigt in seiner Inszenierung, wie eine Gemeinschaft Außenseitern eine Rolle aufzwingt.
Wagner lässt in den "Meistersingern" reale  Personen aus dem 16. Jahrhundert auftreten, darunter den Dichter Hans Sachs. © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath Wagner lässt in den "Meistersingern" reale Personen aus dem 16. Jahrhundert auftreten, darunter den Dichter Hans Sachs.

"Wie schade, dass du nicht freundlicher warst"

© dpa/Daniel Karmann Barrie Kosky ist Intendant der Komischen Oper Berlin und der erste jüdische Regisseur bei den Bayreuther Festspielen.
Barrie Kosky ist Intendant der Komischen Oper Berlin und der erste jüdische Regisseur bei den Bayreuther Festspielen.
Obwohl er zu den Werken Richard Wagners lange ein ambivalentes Verhältnis hatte und früher sogar sagte, dass er die "Meistersinger" hasse, ist der Australier Barrie Kosky (Intendant der Komischen Oper Berlin) der erste jüdische Regisseur in der Geschichte der Bayreuther Festspiele. Katharina Wagner hatte ihm - ausgerechnet! - die "Meistersinger" vorgeschlagen. Und Kosky? Der überlegte... sagte dann aber doch zu.

In seiner Inszenierung zeigt er, wie eine Gesellschaft Minderheiten Rollen aufzwingt. Im Vordergrund steht dabei nicht Richard Wagners Antisemitismus, sondern allgemeine Judenfeindlichkeit. Deswegen ist seine Inszenierung auch als Zeitreise angelegt - von Hans Sachs über Wagner zu Hitler - und endet in den Nürnberger Prozessen.

Vor ein paar Wochen erzählte er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung von seiner Annäherung mit den "Meistersängern": "Ich liebe viele Stellen darin, die einfach atemberaubend sind. Wenn ich mir das Quintett im dritten Akt anhöre, das ist fantastisch, da fängt alles an zu schweben, es klingt fast wie Schumann."



Weltstadt für ein paar Wochen

Ohne Wagner geht fast nichts: Das oberfränkische Bayreuth wird jedes Jahr - sobald die Generalproben beginnen - zur Weltstadt auf Zeit. Spätestens am Tag der Premiere versammelt sich dort alles, was in Deutschland Rang und Namen hat.

In dieser Zeit herrscht Hochkonjunktur in den Hotels, Wirtschaften und Geschäften. Wagner ist überall: in den Schaufenstern, auf Tassen und T-Shirts, auf Pralinen.


Ein Kiosk vor dem Festspielhaus auf dem Grünen Hügel: Wagner, Wagner und noch einmal Wagner. © dpa/David Ebener Ein Kiosk vor dem Festspielhaus auf dem Grünen Hügel: Wagner, Wagner und noch einmal Wagner.
Auf einem Briefkasten hängt ein Hinweis, dass dieser nur an Tagen mit Festspielbetrieb geleert wird.  © dpa/David Ebener Auf einem Briefkasten hängt ein Hinweis, dass dieser nur an Tagen mit Festspielbetrieb geleert wird.
Wagner macht selbst vor Baustellen nicht halt - obwohl es zur Festspielzeit nicht viele gibt.  © dpa/David Ebener Wagner macht selbst vor Baustellen nicht halt - obwohl es zur Festspielzeit nicht viele gibt.
Der Schriftzug "Richard Wagner - Bayreuther Festspiele" auf einer Glastür im Festspielhaus.  © dpa/Daniel Karmann Der Schriftzug "Richard Wagner - Bayreuther Festspiele" auf einer Glastür im Festspielhaus.

Sogar die Straßen sind in Bayreuth zur Festspielzeit gut in Schuss: Alle Löcher im Belag verschwinden wie von Geisterhand. Überall stehen Blumen, die Büste Richard Wagners im Festspielpark wird von den Stadtgärtnern gewaschen und geschrubbt.

Richard Wagner hat vermutlich genau gewusst, warum er gerade in Bayreuth sein Festspielhaus errichten ließ. Eines muss man der Stadt allemal lassen: Nirgendwo sonst auf der Welt kann man seine Musik so erleben wie in Bayreuth.


Sendedaten
Die Meistersinger von Nürnberg

Freitag, 28. Juli 2017, 20.15 bis 1.05 Uhr.

Info
LupeDie Meistersinger von Nürnberg 2017

Bayreuther Festspiele

Musikalische Leitung: Philippe Jordan

Inszenierung: Barrie Kosky

Bühne: Rebecca Ringst

Kostüme: Klaus Bruns

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