Was hält die Deutschen im Innersten zusammen? Ist es vielleicht die Liebe zum Wald? Ein alter Wagenpfad bei Kempershöhe, einem Ortsteil der Gemeinde Marienheide im Oberbergischen Kreis (NRW): Hündin Bella steht an einer moosbedeckten Lichtung.
Was hält die Deutschen im Innersten zusammen? Ist es vielleicht die Liebe zum Wald? Ein alter Wagenpfad bei Kempershöhe, einem Ortsteil der Gemeinde Marienheide im Oberbergischen Kreis (NRW): Hündin Bella steht an einer moosbedeckten Lichtung.
Quer durch Deutschland
Eine Wanderung von West nach Ost

"Denk' ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht", schrieb einst Heinrich Heine in seinen Nachtgedanken.

Und heute, knapp 250 Jahre später? Sind die Aussichten noch immer so düster? Wer sind wir Deutschen überhaupt und was treibt uns an? Der Fotojournalist Dirk Gebhardt hat sich aufgemacht, eine Antwort auf diese Fragen zu finden. Entstanden ist so das Buch "Quer durch" - Fotoband, Reiseführer und Roadmovie zugleich. Und nicht zuletzt eine Sozialstudie über die gegenwärtige Conditio Humana.

Dirk Gebhardt ist Fotograf und Professor an der Fachhochschule Dortmund. Am 3. Oktober 2014 hat er damit begonnnen, sein Land zu erkunden. Zu Fuß und in elf Etappen.

Seine Wanderungen führte ihn einmal quer durch Deutschland, von Isenbruch im äußersten Westen (Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen) bis nach Zentendorf (Kreis Görlitz in Sachsen), dem östlichsten Ort der Bundesrepublik.

25 Jahre nach dem Fall der Mauer ging Gebhardt die Richtung der Wiedervereinigung nach: von West nach Ost, wie der Umzug der Hauptstadt von Bonn nach Berlin. 800 Kilometer durch sechs Bundesländer, quer durch Städte, Dörfer und Wälder. Und immer im Gepäck hatte er die zwei Fragen: "Wer sind die Deutschen?" und "Was hält Deutschland zusammen?"


Idylle: Landstraße in der Nähe von Kassel (Hessen). © Dirk Gebhardt Idylle: Landstraße in der Nähe von Kassel (Hessen).
Ein Aussichtspunkt bei Niederorschel (Thüringen).  © Dirk Gebhardt Ein Aussichtspunkt bei Niederorschel (Thüringen).

Von Thomas Müllern und anderen Häufigkeiten

Was ist Deutschland? Dirk Gebhardt beantwortet diese Frage zum einen mit Grafiken und Durchschnittswerten, die - sehr anschaulich gestaltet - immer wieder seine Fotografien und Textpassagen unterbrechen. Statistisch betrachtet ist Deutschland demnach: ein Land mit rund 80 Millionen Einwohnern (weiß man ja) und 15.000 Schützenvereinen (was!?). 45 Prozent der Deutschen leben in einem Eigenheim, ganze 1,3 Millionen besitzen einen Wohnwagen.

Und wer sind die Deutschen? Was sind das für Menschen, die sich so gerne samstags im Schützenverein treffen? Nach Gebhardts Recherchen: Der durchschnittliche Deutsche ist 42 Jahre alt, leicht übergewichtig und lebt auf 90 Quadratmetern. Er (oder sie) putzt sich 2,4 Minuten lang die Zähne, ist verheiratet und hat 1,8 Kinder. Seine Lebenserwartung beträgt 77,6 und ihre 82,7 Jahre.

Außerdem kann es gut sein, dass der durchschnittliche deutsche Mann Thomas Müller heißt - das ist nämlich die Kombination aus Vor- und Nachnamen, die in Deutschland am häufigsten vorkommt. Soweit die Statistik.


Mehr als die Summe seiner Teile

Stadtzentrum Beucha (Sachsen): Supermärkte in der DDR wurden von den Konsumgenossenschaften betrieben, die Läden hießen "Konsum". Nach der Wende wurden viele dieser Geschäfte durch die Genossenschaften weitergeführt.  © Dirk Gebhardt Stadtzentrum Beucha (Sachsen): Supermärkte in der DDR wurden von den Konsumgenossenschaften betrieben, die Läden hießen "Konsum". Nach der Wende wurden viele dieser Geschäfte durch die Genossenschaften weitergeführt.
Feuerwehrmuseum Zeithain (Sachsen): Erich Honecker war Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und somit der mächtigste Politiker der DDR. Jede Behörde war verpflichtet, ein Bild von ihm aufzuhängen. © Dirk Gebhardt Feuerwehrmuseum Zeithain (Sachsen): Erich Honecker war Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und somit der mächtigste Politiker der DDR. Jede Behörde war verpflichtet, ein Bild von ihm aufzuhängen.
Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) <i>Freies Leben</i>: Seit DDR-Zeiten ist Manfred Engelmann der Leiter. Heute sind diese Betriebe als "juristische Personen", zumeist als Agrargenossenschaften, registriert. Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) Freies Leben: Seit DDR-Zeiten ist Manfred Engelmann der Leiter. Heute sind diese Betriebe als "juristische Personen", zumeist als Agrargenossenschaften, registriert.

Doch solche mathematischen Kategorien beantworten die Frage nach der Conditio Humana einer Gesellschaft nur unzureichend. Das Ganze ist ja bekanntlich mehr als die Summe seiner Teile. Deshalb erzählt Dirk Gebhardt auch eine Geschichte, um Antworten auf seine Fragen zu finden. Die Geschichte seiner Wanderung quer durch Deutschland. Die Protagonisten: Menschen, denen er zufällig begegnet. Die Schauplätze: Orte, die er durchkreuzt. Und immer mit dabei: seine Kamera - schließlich ist Dirk Gebhardt Fotojournalist.

Beim ersten Durchblättern des Bandes wirken die Bilder allerdings etwas ungewöhnlich. Vermutlich liegt es hauptsächlich daran, dass Gebhardt ausgerechnet im Oktober mit seiner Wanderung begonnen hat. Die meisten seiner fast 200 Fotografien erinnern an jenes Bild von Deutschland, wie wir unser Land manchmal von einem entfernten, warmen und herzlichen Land aus wahrnehmen: ewig grauer Himmel, überall trostlose Gewerbegebiete, hohe betonfarbene Wohnklötze in den Vorstädten. Hinzu kommen (warum sieht man das eigentlich nur in Deutschland?) ältere Männer in ockerfarbenen Westen über ockerfarbenen Hosen - bei Gebhardt sogar gleich auf den ersten Seiten.


Deutschland, Du Land der Videotheken und Gewerbegebiete

Ein anderer Fotograf hätte vielleicht schöne Landschaftsaufnahmen bei schrägem Sonnenlicht und Bilder von idyllischen historischen Dörfern abgegeben. Bilder wie für einen Wandkalender, um die Schönheit des eigenen Landes zu demonstrieren.

Nicht aber Dirk Gerhardt. Ihm gelingt es, durch die Kombination von Text und Fotografie die subjektiv wahrgenommenen Stimmungen und Beobachtungen präzise (und ohne zu werten) einzufangen. Die Bilder wirken oft kalt und abweisend, die gezeigten Orte dunkel und unwirtlich. Die vorangegangenen Textpassagen erzählen scheinbar ganz zufällig und vollkommen nüchtern von Alkoholkrankheit oder Arbeitslosigkeit - aber auch vom kleinen Glück im heimischen Schrebergarten.

Landschaftsaufnahmen - wenn es nicht gerade durch den Braunkohleabbau zerfurchte Landstriche sind - gibt es meist nur in Kombination mit Atomkraftwerken, Windrädern oder umgefallenen Ortsschildern. Eine der wenigen Ausnahmen: das Titelbild. Im Vergleich zu den meisten anderen Bildern wirkt es nahezu romantisch.

Zuweilen arbeitet der Fotograf mit bewusst unterbelichteten Bildern. An manchen Stellen beschleicht einem das Gefühl, dass es auf der Welt nichts Trostloseres gibt als das Leben in einer mitteldeutschen Kleinstadt.


Deutschland, Deine Vereine

© Dirk Gebhardt Festwiese in Berka (Thüringen): Verschiedene Chöre und Schützenvereine aus der Region sind zum Wettstreit angereist. 890 Menschen leben in der kleinen Gemeinde. Jedes Jahr sterben mehr Menschen als geboren werden und die jungen Leute gehen weg, weil sie keine Arbeit finden.
Festwiese in Berka (Thüringen): Verschiedene Chöre und Schützenvereine aus der Region sind zum Wettstreit angereist. 890 Menschen leben in der kleinen Gemeinde. Jedes Jahr sterben mehr Menschen als geboren werden und die jungen Leute gehen weg, weil sie keine Arbeit finden.
"Wer sind die Deutschen?", wollte Gebhardt wissen. Auf seiner Wanderung sind es vor allem die einfachen Menschen, diejenigen, die ihr überschaubares Glück in der Sicherheit der altbekannten Strukturen finden. Einmal trifft er auf den Chefredakteur einer Regionalzeitung, dieser erklärt ihm das Leben in der Kleinstadt: Ist Heimatgefühl der Ort, an dem man geboren wird, lebt und sterben wird? Der Mensch als soziales Wesen, so der Redakteur, findet seine Bedeutung vor allem in der heimatlichen Gruppe.

Dazu gehören hierzulande die Freiwillige Feuerwehr, der Schützen- oder, je nach Region, der Karnevalsverein. Ob im Westen oder im Osten: am Ende eines jeden Treffens, einer jeden Übung folgt der obligatorische Gang in die Vereinsstube, dem Gemeinschaftsraum mit Theke, Bierhahn und Musikanlage.

Auffallend ist, wie treffsicher Gebhardt die Bilder ausgewählt hat, wie präzise er die im Text aufgeworfene Stimmung in den Fotografien einfängt. Heimatverbundenheit als wesentliches Merkmal eines Landes, das "deutsche Vereinswesen". Wieder werden die Eindrücke durch objektive Fakten ergänzt: Nordrhein-Westfalen hat die meisten eingetragenen Vereine. 23,81 Millionen Menschen waren deutschlandweit im letzten Jahr in einem Sportverein Mitglied, also mehr als jeder vierte Deutsche.


Land der Dichter und Denker?

Passend ausgewählt auch diese Zahlen: In Deutschland gibt es 2.921 Volkskunde- oder Heimatmuseen, aber nur 706 Kunstmuseen. 2009 betrug das Durchschnittseinkommen der in der Künstlersozialkasse versicherten bildenden Künstler 1.061 Euro. Wer hat jemals ernsthaft behauptet, Deutschland sei das Land der Dichter und Denker?

Interessant auch das Foto des LPG-Leiters (oben), im Hintergrund eine Wand mit Frakturschrift und Hirschgeweih. Eine Kulisse wie in einem Film. Nicht weit von diesem Bild entfernt wieder eine eingeschobene Doppelseite mit Durchschnittswerten: 2014 waren vier Prozent aller Deutschen in einer Partei aktiv, in Sachsen haben sich nur 49,1 Prozent bei der letzten Landtagswahl beteiligt (im Vergleich: in Hessen lag die Wahlbeteiligung bei 73,2 Prozent).

Mittendrin, vollkommen nüchtern, ein paar Zahlen aus einem Ort in Sachsen, also dem Bundesland, in dem der LPG-Leiter vor der Wand mit Hirschgeweih und Frakturschrift sitzt: In Riesa lebten 2014 rund 33.000 Menschen, darunter 448 Ausländer, also 1,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Bei den Wahlen zum Stadtrat jedoch erhielt die NPD in jenem Jahr 6,3 Prozent der Stimmen.


In Deutschland leben ca. 60.000 Sorben. Seit etwa 1.400 Jahren siedeln sie in der Lausitz, zwischen den Städten Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda. Sie sind als nationale Minderheit geschützt.  © Dirk Gebhardt In Deutschland leben ca. 60.000 Sorben. Seit etwa 1.400 Jahren siedeln sie in der Lausitz, zwischen den Städten Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda. Sie sind als nationale Minderheit geschützt.
Die Bahnhofsmission von Görlitz (Sachsen), der östlichsten Stadt Deutschlands: Sie stellt Speisen und Getränke für Bedürftige zur Verfügung und kümmert sich um die soziale Betreuung von Obdachlosen. Die Bahnhofsmission von Görlitz (Sachsen), der östlichsten Stadt Deutschlands: Sie stellt Speisen und Getränke für Bedürftige zur Verfügung und kümmert sich um die soziale Betreuung von Obdachlosen.

Authentischer Einblick in die Gesellschaft

Dem Bildjournalisten Dirk Gebhardt gelingt in "Quer durch" ein ungewöhnlich authentischer Einblick in die gegenwärtige "Mitte der Gesellschaft". Aufmerksam hört er den kleinen und großen Geschichten zu, beobachtet das Alltagsleben der Menschen und hält diese Eindrücke in stimmungsvollen Aufnahmen fest.

Dabei ermöglicht er dem Leser an allen Stellen, das Gezeigte durch eigene Interpretation und Schlussfolgerung zu ergänzen. Letztendlich bleibt es jedem selbst überlassen, wie er sein Land und seine Mitmenschen sieht.

Dirk Gebhardt selbst fällt es übrigens auch nach der Wanderung schwer, Antworten auf seine Fragen zu finden: "Weiß ich nun, wie die Deutschen leben? Nein, aber ich habe mich zumindest auf den Weg gemacht, es zu erfahren."


Buchtipp
Quer durch

Deutschland von West nach Ost

Dirk Gebhardt

288 Seiten

191 Bilder und Illustrationen