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Regisseur Milo Rau bei Proben in Berlin Reinickendorf.
Regisseur Milo Rau bei Proben in Berlin Reinickendorf.
Die Magie des Theaters
Gespräch mit dem 3sat-Preisträger des Berliner Theatertreffens 2017 Milo Rau
Der Schweizer Regisseur und Theaterautor Milo Rau erhält den mit 10.000 Euro dotierten Preis für seine Inszenierung "Five Easy Pieces". Ein Stück über das Leben und die Verbrechen des Belgiers Marc Dutroux. 3sat-Online hat mit dem Theatermacher gesprochen.
© 2015 Fruitmarket, Langfilm & IIPM / Eva-Maria Bertschy Milo Rau bei einem Recherche-Dreh in einer Goldmine im Ostkongo
Milo Rau bei einem Recherche-Dreh in einer Goldmine im Ostkongo
Frage: Milo Rau, Sie sind 1977 in Bern geboren. Schon als junger Mann haben Sie viel gelesen. Als Kind nahmen sie an Demonstrationen teil, auf den Schultern Ihres Vaters sitzend. Sie durften an Universitäten in Berlin, Zürich und Paris studieren, unter anderem auch bei Pierre Bourdieu. Ein privilegiertes Leben, so scheint es. Sie haben einmal gesagt, wer das Glück hat, in Europa in privilegierten Verhältnissen aufzuwachsen, sollte dies nicht als sein Verdienst betrachten. Es bringe Verpflichtungen mit sich, sich selbst und anderen gegenüber.

Milo Rau: Es gibt den Zufall der Geburt, aber daraus lassen sich keine Rechte ableiten. Ich bin als Schweizer geboren, Angehöriger des europäischen Mittelstands, doch das ist so wenig etwas Verdientes wie meine Haarfarbe. Die ganzen Privilegien, die ich als Schweizer besitze, dazu das hohe Lebensalter, das man erreichen kann in der westlichen Welt, die gute Ausbildung - das sehe ich als Verpflichtung. Im globalen Vergleich, etwa zu Zentralafrika, gehören wir Mitteleuropäer ja alle zum ersten Stand, sind gewissermaßen Adlige. Gerade deshalb ist es unsere Pflicht, diese neoliberale Ständegesellschaft demokratisch zu transformieren, unsere Privilegien als Auftrag zu sehen, als Wetteinsatz für die Verbesserung der Welt.


© 2015 Fruitmarket, Langfilm & IIPM / Mirjam Knapp und  Danie Seiffert Die Jury der "Berliner Hearings" von links nach rechts: Wolfgang Kaleck, Saran Kaba Jones, Harald Welzer, Marc-Antoine Vumilia,  Colette Braeckman, Saskia Sassen.
Die Jury der "Berliner Hearings" von links nach rechts: Wolfgang Kaleck, Saran Kaba Jones, Harald Welzer, Marc-Antoine Vumilia, Colette Braeckman, Saskia Sassen.
Frage: Sie sind nicht nur Theaterregisseur, Sie verfilmen Ihre Arbeit und publizieren Essays. Warum?

Milo Rau: Manchmal benutze ich nicht oder nicht nur das Theater und produziere zum Beispiel einen Film, ein Buch, eine politische Aktion. Oder einen Zeitungsessay, der eine größere Reichweite hat, auch eingängiger ist. Es war nicht mein Kindheitstraum, Theaterregisseur zu werden. Das erschien mir eher zwingend, nachdem ich vorher alle möglichen Dinge gemacht habe: Soziologie, literarisches Schreiben, Fernsehen, Aktivismus, das Übersetzen von Klassikern. Im Theater kreuzt sich all das: Das Recherchieren und Schreiben von Texten, die Arbeit mit Schauspielern, mit Licht, dem Raum, mein Hang zum Tragischen und zum Pathos, das Reagieren auf ein Gegenüber, diese Idee einer kollektiven Arbeit am Denken, am Text. Wir bauen deshalb oft um meine Stücke einen medialen Echoraum, sprechen Themen an, die die Leute nochmal anders interessieren.

Frage: Man hat bei der Lektüre gelegentlich den Eindruck, einen fast wissenschaftlich anmutenden Deutungsanspruch herauslesen zu können.

Milo Rau: Für mich zentral ist die Idee des öffentlichen Intellektuellen. Diese Figur, die ihre gedankliche oder künstlerische Arbeit als vorläufig, verhandelbar versteht, allen Formen von Rückkopplung unterworfen. Ein Theaterstück, ein Film allein bleibt immer hermetisch und widersprüchlich. Und diese Widersprüchlichkeit ist wichtig, sonst hat ein Werk keinen Bestand. Wir könnten unsere Stücke nicht 200 oder 300 Mal zeigen in der ganzen Welt, wenn sie nicht irgendwo einen enigmatischen Kern hätten, der universal ist, mit einer bestimmten Thematik oder einem bestimmten Zeitpunkt nichts zu tun hat. Aber als Intellektueller oder Aktivist versuche ich, über diesen hermetischen Raum hinaus zu reflektieren. Und zu einer kollektiven Sinngebung zu finden, die die Stücke selbst verweigern.


© dpa/Ulf Mauder Ein Mitarbeiter der russischen Ausländerbehörde (r.) überprüft im März 2013 den Pass des Schweizer Regisseurs Milo Rau (l).
Ein Mitarbeiter der russischen Ausländerbehörde (r.) überprüft im März 2013 den Pass des Schweizer Regisseurs Milo Rau (l).
Frage: Die Bühne ist bisher der bevorzugte Ort gewesen, an dem Sie die Fragen, die sich Ihnen stellen, verhandeln. Sie drehen aber auch Filme. Was macht in Ihren Augen den besonderen Wert des Films aus, gerade im Vergleich zum Theater?

Ich habe einige Bühnenstücke gemacht, die nur einmal stattfanden. Da ist natürlich die Frage der Vergänglichkeit gegeben. Das Format der "Prozesse" zum Beispiel. Ich habe drei davon inszeniert - die "Zürcher Prozesse", die "Moskauer Prozesse" und das "Kongo Tribunal". So etwas wird einmal aufgeführt, durchlebt, und dann ist es weg - für einen absurden Aufwand von teilweise jahrelanger Recherchearbeit in Teams und mit sorgfältigstem Casting, und das alles unter großen Gefahren. Das muss einfach im Film festgehalten werden. Das ist der erste Grund: die Archivierung. Zweitens ist Film ein technisches Medium, es multipliziert sich viel leichter als ein Theaterstück. "Die Moskauer Prozesse" zum Beispiel liefen Tausende Male auf der ganzen Welt, aktuell touren sie gerade durch Lateinamerika - als Film. Und der dritte Punkt ist, dass ich eigentlich immer schon ein filmisches Auge hatte, ich habe Film gemacht, bevor ich zum Theater kam. Ich schaue gern auf Gesichter, in Großaufnahme. Die Kamera kann das. Theater ist, was Gesichter angeht, ein Distanzmedium, zumindest in klassischen Sälen.

Frage: Beim Publikum stellt sich auf diese Weise Betroffenheit ein, um das Mindeste zu sagen.

Milo Rau: Das hängt mit dieser, nun ja, unironischen, vielleicht auch voyeuristischen Nähe zu meinen Figuren und Akteuren zusammen. Das Leben ist intensiv und es ist langweilig, es geht zu schnell und zu langsam – dieses doppelte Tempo muss auch das Theater haben. Schaue ich auf ein Stück, dann vergesse ich zu atmen, weil es ja das Stück für mich tut, dann langweile ich mich und leide mit den Akteuren. Das ist, wenn man so will, anti-theatral. Theatral ist die Brechung, die Distanz, das Zugleich des Spiel- und Livecharakters - was mir genauso wichtig ist, gerade in einem Stück wie "Five Easy Pieces". Um diese Dialektik zu erreichen, versuche ich in vielen meiner Arbeiten, die Stärken von Film und Theater zusammenzudenken. Das Publikum im Saal sieht die Verfertigung, diese Echtheit, auch diese Umständlichkeit des Theaters. Und zugleich sieht es die hergestellte Filmwirklichkeit, wo man näher dran ist, die auf ihre Weise intimer und doch kälter, künstlicher ist.

Frage: Im ersten Akt von Anton Tschechows Komödie "Die Möwe" sagt der alte Staatsrat Sorin: "Ohne Theater geht es nicht". Ist dem wirklich so?

Milo Rau: Die Geschichte der Kunst im Zeitalter des Kapitals ist gnadenlos: Würde es ohne Theater gehen, dann würde es das Theater nicht mehr geben. Die Leute würden nicht mehr hingehen, und die Gesellschaft würde es nicht mehr subventionieren. Mich erstaunt das auch immer wieder, wie voll die Säle sind, dass zu einem Festival wie zum Beispiel das Zürcher Theaterspektakel einfach mal so in ein paar Wochen 100.000 Menschen hingehen. Das Theater ist schlicht eine humane Notwendigkeit.


Milo Rau im März 2013 im Sacharow-Zentrum in Moskau. Hier inszenierte er die Gerichtsshow "Die Moskauer Prozesse".
Milo Rau im März 2013 im Sacharow-Zentrum in Moskau. Hier inszenierte er die Gerichtsshow "Die Moskauer Prozesse".
Frage: Braucht die Demokratie denn ein aus öffentlichen Mitteln subventioniertes Theater?

Milo Rau: In Deutschland gibt es nicht nur einige wenige Theater, sondern wir haben in jeder größeren Stadt zwei, drei, vier Theater, die gut ausgestattet sind, die jeden Abend spielen, manchmal in zwei oder drei Sälen parallel. Und das unter schwierigsten Bedingungen, denn immer weniger Leute müssen immer mehr Stücke aufführen. Dann gibt es die sogenannte Freie Szene, die internationale Festival- und Tourszene, und auch dahinter steht ein riesiger Apparat. Kurzum: Es gehen Millionen und Millionen von Menschen Abend für Abend ins Theater. Wenn dann aber die Auslastung einmal unter siebzig Prozent fällt, in einem der riesigen Säle aus dem 19. Jahrhundert, dann wird Skandal gerufen. Dann herrscht Aufruhr: Das Theater stirbt! Aber eigentlich ist die Unsterblichkeit des Theaters ein Wunder. Seit hundert Jahren gibt es Medien, die schneller, bequemer und schon in der einfachsten Informationslogik interessanter sind - und dennoch lebt und lebt das Theater.

Frage: Was genau ist Ihrer Meinung nach der Grund?

Milo Rau: Das Theater ist sehr direkt und deshalb eine entscheidende Macht. Ich erlebe das immer wieder: Diese kleinen Kellertheater in Nordafrika, in Russland, im Iran, in Lateinamerika, die über Jahrzehnte hinweg arbeiten und niemand bekommt Geld dafür. Dass dort ein Austausch über wichtige Themen stattfinden kann, scheint so fundamental für den Menschen zu sein, dass er daran einfach festhält - auch auf die Gefahr des Gefängnisses hin, manchmal des Todes, und der Armut sowieso. Fragen Sie Kinder, was das Geheimnis am Theater ist. Beobachten Sie sie, wenn Sie mit ihnen ins Theater gehen. Film finden Sie auch interessant, aber ganz anders überwältigt sind sie, wenn sie auf einer Bühne etwas Gespieltes live miterleben können. Sie reagieren wie auf einen Zaubertrick: Wie hat der das gemacht? Und sie verstehen: Der macht das in diesem Moment, nur für mich! Diese einfache Verwandlungsgeste, diese Großzügigkeit des "Nur für euch", dieses gemeinsame So-tun-als-ob: Das ist die Magie des Theaters, das macht Theater machtvoll, und deshalb brauchen wir es - jenseits aller Politik. In "Five Easy Pieces" zum Beispiel: Eben noch war dieser Schauspieler ein Kind, schon ist er ein alter Mann. Wie wunderbar, wie unendlich wunderbar!

Frage: Sie kennen das Gefühl, erfolgreich zu sein. Sind Ihnen auch Momente der Demut vertraut, zum Beispiel wenn Sie auf der Bühne mit behinderten Menschen und mit Kindern arbeiten?

Milo Rau: Die Zusammenarbeit mit Kindern oder Behinderten ist sehr anspruchsvoll. Sie zwingt dazu, rücksichtsvoller, behutsamer zu inszenieren als gewöhnlich. Es gibt Dinge, die funktionieren einfach nicht, es gibt ständig anarchische Überraschungen. Die Persönlichkeit der Performer ist hier noch zentraler als gewöhnlich, und das, was ich mit dem Stück aussagen will als Autor-Regisseur, wird sekundär, muss sich an den Performer anschmiegen. Diese Erfahrung war für mich unendlich wichtig - auch wenn sie manchmal unendlich anstrengend war. Den Kindern zum Beispiel musste ich über sechs Monate hinweg die Grundlagen der Schauspielkunst beibringen. Wie man mit Sprache und Raum umgeht, wie man zuhört, wer man "ist" auf der Bühne, wie man zugleich ehrlich und unehrlich ist, wie man "eine Figur" darstellt, was "Spiel" und was "Wirklichkeit" ist. Für mich war das eine zweite Regieschule.

Frage: Ihr Landsmann, der Schweizer Schriftsteller Max Frisch, möchte in seinem berühmten Fragebogen wissen: Wofür sind Sie dankbar? Was antworten Sie?

Milo Rau: Wenn meine Schauspieler aufblühen, wenn es "Klick" macht und plötzlich alles zusammenpasst, dann bin ich dankbar. Oft passiert das lange nach der Premiere, zum Beispiel bei meiner Arbeit mit geistig behinderten Schauspielern für "Die 120 Tage von Sodom": Da waren wir nach neun, zehn Vorstellungen an jenem Punkt, da das Stück zu fliegen begann. Und natürlich bin ich auch dankbar, wenn das Publikum applaudiert und begeistert ist. Es gibt viele Momente der Dankbarkeit. Ich bin eigentlich ständig am Reisen, Casten, Proben, Diskutieren. Ich kenne Tausende, vielleicht Zehntausende von Schauspielern, Aktivisten, Bauern, Politikern, Soldaten, Arbeitern auf der ganzen Welt, und ich bin unendlich dankbar für all diese Begegnungen. Pierre Bourdieu hat mir gezeigt, wie man recherchiert, wie man in eine Sache eintaucht - wie man ein Teil von ihr wird. Aufmerksamkeit ist alles, Neugier. Und ich bin deshalb dankbar für Begegnungen mit Menschen, die wirklich wach und aufmerksam sind, so wie Alexander Kluge oder Jean Ziegler. Beide sind schon über achtzig, aber sie haben diese intellektuelle Euphorie, diese völlig uneitle Zugewandtheit eines noch ganz jungen Menschen. Ich selbst komme mir manchmal, wenn ich Jean treffe, fast älter vor, und ich denke mir: So möchte ich auch sein, falls ich einmal 80 werde. Ich bewundere es, wenn jemand jeden neuen Menschen, jeden Moment wertschätzt und sich wie Hamlet denkt: Was für ein Wunder ist doch der Mensch! Eigentlich ist das, was ich bei meiner Arbeit als Künstler seit nun 20 Jahren erlebe, eine Art unablässige Universität des Lebens. Dafür bin ich dankbar.


Theatertreffen 2017
"Nach Berlin, nach Berlin!" - Sehnsuchtsort Theatertreffen
Das 54. Berliner Theatertreffen zeigt sich so vielseitig wie selten zuvor. Formexperimente, installative Versuchsanordnungen, große Klassiker, viel Musik und atemberaubende Bühnenbilder. Jede der zehn geladenen Inszenierungen steht für eine eigene theatrale Welt.
Theatertreffen 2017
3sat-Preis für Milo Rau
Video
© Phile DeprezVideoFive Easy Pieces
Eva Behrendt - Jury des Theatertreffens über "Five Easy Pieces"