© Helena Schätzle
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein: Die Holocaust-Überlebenden Zwi und Regina Steinitz am Strand von Tel Aviv.
Leben nach dem Überleben
Überlebende des Holocaust und ihre Familien in Israel
Auch wenn Jahr für Jahr weniger Zeitzeugen zu den Holocaust-Gedenkveranstaltungen kommen, noch immer gibt es weltweit Tausende Überlebende - vor allem in Israel. Die renommierte Fotografin Helena Schätzle hat sie dort besucht und ihre Geschichten in einem ganz besonderen Buchprojekt festgehalten.
Die Überlebenden des Holocaust wurden mit der Befreiung 1945 zwar gerettet, schwere Traumata prägen ihren Alltag aber bis heute. Ein Leben nach dem Überleben - was bedeutet das für die Menschen und ihre Familien? Wie wirken diese unvorstellbaren Schrecken bis heute nach?

Das Projekt „Leben nach dem Überleben“ geht diesen Fragen nach. Viele Monate lang begleitete Helena Schätzle Überlebende und ihre Familien in Israel. In ihrem gleichnamigen Buch sind die Spuren, die diese grauenhaften Erlebnisse hinterlassen haben, festgehalten: Zeitzeugenberichte, Lebensläufe, Familiengeschichten und einprägsame Bilder von Menschen, die tiefe Einsamkeit, Angst und Trauer erfahren mussten. Die Fotografien zeigen aber auch: Menschen voll Hoffnung, Vitalität und Lebensfreude.


Richard Hirschhorn wurde 1931 in Köln geboren. Die Nationalsozialisten ermordeten seine Eltern und Geschwister, er selbst kam in die USA zu Verwandten. 1971 wanderte er mit seiner Frau Freda nach Israel aus.  © Helena Schätzle Richard Hirschhorn wurde 1931 in Köln geboren. Die Nationalsozialisten ermordeten seine Eltern und Geschwister, er selbst kam in die USA zu Verwandten. 1971 wanderte er mit seiner Frau Freda nach Israel aus.
Vor 14 Jahren kam Richard als Freiwilliger zu Amcha. Jahrelang wusste niemand in der Organisation, dass er selbst Überlebender ist. Heute sagt er, dass er ein glückliches Leben hat - dank seiner Frau, Kinder und Enkelkinder.  © Helena Schätzle Vor 14 Jahren kam Richard als Freiwilliger zu Amcha. Jahrelang wusste niemand in der Organisation, dass er selbst Überlebender ist. Heute sagt er, dass er ein glückliches Leben hat - dank seiner Frau, Kinder und Enkelkinder.

Niemals vergessen

1987 wurde in Jerusalem die jüdische Selbsthilfeorganisation "Amcha" (hebr. 'eine/r von uns') ins Leben gerufen. Amcha bietet Überlebenden des Holocaust und ihren Familien Hilfe an, mehr als 16.000 Menschen nehmen dieses Angebot jedes Jahr an.

Einer dieser Menschen ist Zwi (Bild ganz oben), der 1927 als Helmut Steinitz im polnischen Posen geboren wurde. An seinem 15. Geburtstag, am 1. Juni 1942, sind seine Eltern und der Bruder Rudolf ins Vernichtungslager Belzec deportiert und später dort ermordet worden. An diesem Tag hat er seine Familie zum letzten Mal in seinem Leben gesehen. Zwi kam später nach Ausschwitz, Buchenwald und Sachsenhausen, überlebte und wurde am 3. Mai 1945 von der amerikanischen Armee befreit. Im März 1946 erreichte er auf dem Seeweg Palästina, ein paar Jahre später lernte er in einem Kibbuz seine heutige Ehefrau Regina kennen.

Eine von zehntausenden jüdischen Familiengeschichten. Viele Zeitzeugen sind mittlerweile zu alt, um noch Vorträge zu halten oder auf Reisen zu gehen - viele andere sind bereits gestorben. Es wird nur noch ein paar Jahre dauern, bis auch der letzte Überlebende von uns gegangen ist. Gerade deshalb ist es wichtig, dass ihre Stimmen niemals verstummen.


Codename "Amcha"

© Helena Schätzle
Avraham Leibovitch und die Fotografin Helena Schätzle.
Die Geschichte eines anderen Überlebenden: Avraham Leibovitch entkam einer der Selektionen, weil er die Identität eines entfernten Verwandten annahm, der zuvor schon umgebracht worden war. Anfang 1943 wurden seine Mutter, jüngere Schwester und sein älterer Bruder sowie dessen Frau und ihr Neugeborenes bei einer weiteren Selektion ermordet. Die anderen drei Schwestern waren entkommen, indem sie sich unter dem Bodenbelag ihres Hauses versteckten. Die Deutschten vermuteten versteckte Juden, durchsiebten den Boden mit Schüssen und trafen eine der Schwestern tödlich.

Die beiden überlebenden Schwestern, sein Vater und er selbst konnten fliehen und lebten zusammen mit einer Gruppe von Partisanen fast ein Jahr lang in einem Wald. Nach Kriegsende wurde Avraham nach Lublin entsandt, dort bereitete er jüdische Jugendliche auf das Leben im Kibbuz vor. Jeden Tag ging er zum Bahnhof, um nach Überlebenden Ausschau zu halten. Das Kennwort, das dafür benutzt wurde, lautete: "Amcha".


Avraham Leibovitch wurde 1923 in der damals polnischen Stadt Lubcha geboren. Seine Mutter und drei seiner sechs Geschwister sind von den Nationalsozialisten ermordet worden. 1949 kam er mit dem Schiff nach Israel, später folgten die Überlebenden seiner Familie. Als seine Frau schwer krank wurde, zog er seine sieben Kinder alleine auf.  © Helena Schätzle Avraham Leibovitch wurde 1923 in der damals polnischen Stadt Lubcha geboren. Seine Mutter und drei seiner sechs Geschwister sind von den Nationalsozialisten ermordet worden. 1949 kam er mit dem Schiff nach Israel, später folgten die Überlebenden seiner Familie. Als seine Frau schwer krank wurde, zog er seine sieben Kinder alleine auf.
Elias Feinzilberg wurde 1917 in Lodz geboren.  Seine Eltern und Geschwister haben den Nationalsozialismus nicht überlebt, er selbst kam nach Auschwitz und Dachau. Im Sommer 1945 wurde er in ein Camp für "Displaced Persons" nach Feldafing bei München gebracht, dort lernte er seine mittlerweile verstorbene Frau Esther kennen. Heute lebt Elias in Jerusalem. © Helena Schätzle Elias Feinzilberg wurde 1917 in Lodz geboren. Seine Eltern und Geschwister haben den Nationalsozialismus nicht überlebt, er selbst kam nach Auschwitz und Dachau. Im Sommer 1945 wurde er in ein Camp für "Displaced Persons" nach Feldafing bei München gebracht, dort lernte er seine mittlerweile verstorbene Frau Esther kennen. Heute lebt Elias in Jerusalem.

"Ich konnte das nicht verstehen"


Keine Opfer, sondern Menschen

Neben den ergreifenden Zeitzeugenberichten und Lebensläufen liegt die Stärke des Buches vor allem in der Authentizität der Bilder. Bei jeder einzelnen Fotografie ist die Nähe und das Vertrauen, das die Fotografin aufgebaut hat, deutlich sichtbar. Die Bilder sind uninszenierte Dokumentationen von Situationen, intimen Momenten und Lebenswelten.

Helena Schätzle zeigt mit ihren Bildern keine Opfer, sondern Menschen. "Menschsein in all seiner Lebendigkeit, in all seinen Facetten, den freudvollen, wie den traurigen Momenten", so die Fotografin über ihre Arbeit.


Judith Neumark (r.) wurde 1924 in Budapest geboren. Nach einem Fluchtversuch ist sie in Rumänien zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt worden, ihr Bruder wurde erschossen. © Helena Schätzle Judith Neumark (r.) wurde 1924 in Budapest geboren. Nach einem Fluchtversuch ist sie in Rumänien zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt worden, ihr Bruder wurde erschossen.
Judith und ihre Tochter Yael (r.), die 1953 in Haifa geboren wurde. Heute wohnen beide in Ramat Gan. Zusammen mit ihrem Bruder Michael ist sie immer für die Mutter da. © Helena Schätzle Judith und ihre Tochter Yael (r.), die 1953 in Haifa geboren wurde. Heute wohnen beide in Ramat Gan. Zusammen mit ihrem Bruder Michael ist sie immer für die Mutter da.
Judith und die Fotografin Helena Schätzle (r.). Ihr bereits verstorbener Mann Josef-Seppl Neumark stammte aus München, mit 17 Jahren wanderte er 1939 nach Palästina aus. © Helena Schätzle Judith und die Fotografin Helena Schätzle (r.). Ihr bereits verstorbener Mann Josef-Seppl Neumark stammte aus München, mit 17 Jahren wanderte er 1939 nach Palästina aus.

Info
Samstag, 27. Januar 2018

Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust

Den Gedenktag am 27. Januar gibt es in Deutschland seit 1996. Er ist als Jahrestag bezogen auf den 27. Januar 1945, den Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau und der beiden anderen Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee. Zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust wurde er von den Vereinten Nationen im Jahr 2005 erklärt.

Informationen zum Buch
LupeHelena Schätzle: Leben nach dem Überleben. Überlebende des Holocaust und ihre Familien in Israel

Gebundene Ausgabe: 398 Seiten,Verlag: NIMBUS

Erscheinungsdatum: 1. November 2016

Sprache: Deutsch, Hebräisch, Englisch

Das Buch erschien anlässlich der gleichnamigen Wanderausstellung von Amcha-Deutschland, die im Januar 2016 im Auswärtigen Amt Berlin veröffentlicht wurde.

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