© BR/DENKmal-Film/Marcus Gruber
Postkartenmotiv: Die Lüftungsventilatoren des ehemaligen Thyssenwerks in Duisburg mit kühnen Freizeit-Akrobaten
Die Arbeit in Zeiten der Postindustrialisierung
Wachsender Wohlstand durch immer weniger Arbeit: Ein alter Menschheitstraum scheint schon bald Wirklichkeit zu werden. Doch was wird aus einer Arbeitergesellschaft, der die Arbeit auszugehen droht?
Von Sandra Demmelhuber

Ein verlassenes Fabrikgelände, auf dem sich Menschen wie auf einem Spielplatz tummeln. Ein Jogger trainiert auf einem alten Industrie-Förderband. Ein Mann fotografiert eine Frau vor der Kulisse alter Werksgebäude. In der überdimensionalen Betonkuppel eines ehemaligen Atomkraftwerkes ein Kettenkarussell.
Die Fahrenden kreischen und lachen, der Blick geht entlang der grauen Mauern hinauf in den strahlend blauen Himmel.
Freizeit - und überall Industrieruinen.

Nach diesen surreal anmutenden Bildern folgt eine Nachrichtensendung. "Der Menschheitstraum eines von Arbeit und Mühsal befreiten Lebens rückt in den kommenden Jahren für weite Teile der Bevölkerung in greifbare Nähe. Die schwierigen Jahre, in denen das Gespenst der Vollbeschäftigung ein letztes Mal zurückzukehren drohte, ist nun überwunden", verkündet die computeranimierte Sprecherin.

So führt Filmemacher Claus Strigel in seine Dokumentation "FREIgestellt. Die Zukunft der Arbeit in Zeiten des Überflusses" ein. Er wirft darin hauptsächlich die Frage auf, was eigentlich aus uns wird, wenn unser Alltag nicht mehr maßgeblich von der Arbeit bestimmt wird.


Bis 1985 wurde im Duisburger Thyssen Hüttenwerk Roheisen produziert. Heute dient das Industriedenkmal als Freizeitpark für Vergnügungen, die von Klettern über Kunstevents bis hin zum Tauchsport reichen.  © BR/DENKmal-Film/Marcus Gruber Bis 1985 wurde im Duisburger Thyssen Hüttenwerk Roheisen produziert. Heute dient das Industriedenkmal als Freizeitpark für Vergnügungen, die von Klettern über Kunstevents bis hin zum Tauchsport reichen.
Die lustigen Seiten des Atomausstiegs: Einst als Kühlturm für den schnellen Brüter erbaut, dient die Betonhülle außen für Kletterkurse und innen als Karussell.  © BR/DENKmal-Film/Marcus Gruber Die lustigen Seiten des Atomausstiegs: Einst als Kühlturm für den schnellen Brüter erbaut, dient die Betonhülle außen für Kletterkurse und innen als Karussell.

Kurz vor dem Paradies?

"Wenn die Webschiffe der Weber von selbst webten, so bräuchten die Werkmeister keine Gehilfen und die Herren keine Sklaven", prophezeite einst Aristoteles.

Die Maschinen der "Weber" arbeiten schon lange von selbst. Aber in diesen Zeiten des Übergangs gibt es zumindest noch die Arbeiter, die die Maschinen steuern. Panta rhei, alles fließt - bald werden wir auch diese Menschen nicht mehr brauchen.

Wachsender Wohlstand durch immer weniger Arbeit: Ein uralter Menschheitstraum droht schon bald Wirklichkeit zu werden.
Stehen wir kurz vor dem Paradies?


Arbeiten ohne Arbeit?

© BR/DENKmal-Film/Marcus Gruber
"Real Life Training": Im Auftrag der Arbeitsagentur betreibt der TÜV Nord einen Fake-Supermarkt, in dem Erwerbslose das Arbeiten ohne Arbeit trainieren.
Doch eine Arbeitergesellschaft, der die Arbeit auszugehen droht, treibt seltsame Blüten. Die einen verbringen in den Ruinen der vergangenen Industrialisierung ihre Freizeit: nehmen darin Kletter- oder Tauchkurse, geben sich der Faszination dieser "Lost Places" hin.
Andere hingegen müssen das Arbeiten ohne Arbeit trainieren: Langzeitarbeitslose etwa betreiben im Rahmen einer skurrilen Maßnahme der Arbeitsagentur einen leeren Supermarkt. "Real Life Training" heißt das dann, wenn Menschen lernen, den ganzen Tag über eine nicht befriedigende Arbeit zu erledigen.

Oder die von der Arbeitsagentur angebotenen Bewerbungskurse: Darin sollen Arbeitssuchende zu Selbstpräsentations-Profils hochpoliert werden - gleichzeitig lehren dieselben Trainer den Personalbetreuern, die aufpolierte Oberfläche der Bewerber zu durchschauen.


"Es wird ein Verteilungsproblem geben"

Was machen wir, wenn alles automatisiert ist? Wenn es nur noch die gibt, die die Programme schreiben und entwickeln? "Es wird ein Verteilungsproblem geben", sagt dazu der Volkswirtschaftsprofessor Niko Paech. Sein Modell sieht vor, dass die Menschen in der Zukunft nur noch 20 Stunden pro Woche arbeiten werden. Die industrielle Produktion müsse um die Hälfte zurückgefahren werden, sonst sei die Katastrophe unausweichlich.

In der Reichtumsfalle

© BR/DENKmal-Film/Marcus Gruber
Vollautomatisierte Mülltrennung: Noch hat dieser Arbeiter einen Platz. Doch die Roboter stehen schon bereit. Wer verdient dann seinen Lebensunterhalt?
Neben der Automatisierung gibt es ein weiteres Problem: die Krise des Wachstums. Wir stellen mittlerweile weitaus mehr her als wir brauchen. Auto, Fahrrad, Bücher, Handy, Kühlschrank - der Mensch von heute besitzt im Durchschnitt etwa 10.000 Dinge. In den 1970er-Jahren waren es noch etwa 3.500 Gegenstände weniger.

Und obwohl wir längst auch die "neuen Märkte" erschlossen und dafür gesorgt haben, dass sich der Kapitalismus bis ans Ende der Welt ausbreiten konnte, produzieren wir munter weiter, jedes Jahr mehr.
Nur damit die Wirtschaft nicht stagniert.

Volkswirtschaftler warnen schon seit Jahren vor diesen Auswirkungen und sprechen von der sogenannten "Reichtumsfalle".

Eine der größten Herausforderungen dieser Zeit wird also auch die Antwort darauf sein, wie wir das Wirtschaftswachstum begrenzen, gleichzeitig aber unsere immer höher ansteigenden Schulden begleichen können.
Und: Wie verteilen wir die noch vorhandene Arbeit um?


Bedingungsloses Grundeinkommen für alle?

© BR/DENKmal-Film/Marcus Gruber
Prof. Götz Werner ist Gründer des dm-Drogeriemarkt-Imperiums. Er ist einer der prominentesten Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens.
Einer, der schon seit Jahren ein bedingungsloses Grundeinkommen fordert, ist Professor Götz Werner, Gründer der Drogeriekette dm. 1.000 Euro für alle, fordert er.
1.000 Euro als Existenzgrundlage. Mit dieser Basis soll allen Menschen sinnvolle Arbeit aus freien Stücken ermöglicht werden.

Ein Grundeinkommen würde zur Entkoppelung von Arbeit und Einkommen führen, Kreativität und Wachstum fördern. Angst, dass ihm damit seine Kassiererinnen, die für ihre Arbeit als Vollzeitkräfte nur wenige hundert Euro mehr bekommen, abhanden kommen, hat er nicht.
Im Gegenteil: "Ich hätte dann an meinem Kassen nur diejenigen sitzen, die tatsächlich gerne bei dm arbeiten".


Der Film "FREIgestellt" lässt Visionäre und Betroffene gleichermaßen zu Wort kommen und gibt einen ganz eigenen Ausblick auf eine noch ungewisse Zukunft.

Am Ende wird deutlich, dass jedes Ende auch Ausgangspunkt für einen Neuanfang ist. Das postindustrielle Zeitalter lässt sich nicht mehr aufhalten - was wir damit machen, liegt in unserer Hand.
Zukunft beginnt ja bekanntlich immer mit dem nächsten Schritt.


Sendungsbezug
Montag, 31. Oktober 2016, 22.25 Uhr

"FREIgestellt. Die Zukunft der Arbeit in Zeiten des Überflusses".

Ein Film von Claus Strigel.

ARD-Themenwoche
© HRDegetoDW Studios L.L.C"Die Zukunft der Arbeit"
Links