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Mittwoch, 24. Juni
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Heinrich Böll (l), Autor des Romans "Ansichten eines Clowns", und der Schauspieler Helmut Griem (r) als Clown am 15. Mai 1975.
Böll und die Schuld, die nicht verteilt wurde
Erinnerungen zum 30. Todestag von Heinrich Böll
Die Konservativen hassten ihn. Heinrich Böll, der erste deutsche Nobelpreisträger für Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg war ein extrem unbequemer Zeitgenosse. Sein Angriffe auf die moralische Verlogenheit und das Fortwirken der alten Nazis machten ihn zur beliebten Zielscheibe in der jungen Bundesrepublik. Böll starb heute vor 30 Jahren in seinem Haus in der Eifel.
Heinrich Böll gehört zu jenen Nachkriegsintellektuellen, welche die Entwicklung Deutschlands entscheidend geprägt haben. Sein literarisches Werk, 1976 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, gehört heute zum Kanon deutscher Nachkriegsliteratur.

Gegen die "Wir-sind-schon-wieder-wer-Mentalität"
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Heinrich Böll rauchend 1970 in seiner Bibliothek.
Heinrich Böll war zeitlebens ein Querulant, ein treffsicherer Kritiker der deutschen Wohlfühl-, Nachkriegs- und "Wir-sind-schon-wieder-wer-Mentalität". Der Zweite Weltkrieg, die deutschen Verbrechen, die deutschen Täter und ihre Integration in die junge Bundesrepublik, das waren Bölls Themen. Schon 1959 sprach er im Hinblick auf die Zeit von 1933 - 1945 das aus, was die Generation von 1968 aufarbeiten sollte: "Die Summe des Leidens war zu groß für die wenigen, die eindeutig als schuldig zu erkennen waren; es blieb ein Rest, der bis heute nicht verteilt ist." Sätze, die unvergessen bleiben.

Böll und Günther Grass (l.) © dpaLupeBöll und Günther Grass (l.)
Heinrich Böll und sein Sohn Vincent besichtigen während eines Privatbesuchs in Israel am 30.10.1972 die Altstadt von Jerusalem.  © dpaLupeBöll (M.) und sein Sohn (r.) in Israel
Böll unterstützte die gegen die NATO-Nachrüstung gerichtete Friedensbewegung und nahm 1983 an einer Blockade des Raketenstützpunktes auf der Mutlanger Heide teil. © dpaLupeBöll protestierte gegen Nachrüstung

Politischer Aktivist und moralisches Gewissen
Heinrich Böll schrieb auch über Menschlichkeit, Liebe und Treue, das Aufwachsen in einer vaterlosen Jugend, die "Ansichten eines Clowns" über das Obrigkeitsdenken und das Aufbegehren gegen Autoritäten sowie die angebliche Chancengleichheit, die keine war. Bölls herausragendes gesellschaftliches Engagement, das sich nicht nur in seinen Romanen und Erzählungen, sondern auch in zahlreichen Essays, Reden und Interviews niederschlug, machte ihn unverwechselbar.

Moralische Position als Bürger Deutschlands
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Sein Antimilitarismus wurde, wie seine Frömmigkeit und seine Ablehnung des Nationalsozialismus, stark von seiner kleinbürgerlichen Herkunft geprägt. Obwohl er 1938 zum Arbeitsdienst und schließlich zur Wehrmacht eingezogen wurde, zeugen seine Briefe von der Front von einer besonderen geistigen Reife des 22-jährigen. Heimgekehrt nach Köln, studierte er Germanistik und arbeitete gleichzeitig bei seinem Bruder in dessen Schreinerei. 1949 erschien die vom Kriegserleben geprägte Erzählung "Der Zug war pünktlich", 1951 erhielt Böll den Literaturpreis der "Gruppe 47".

Ein Radikaler, ein anderer Deutscher
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Der melancholische Gesichtsausdruck war sein Markenzeichen: Böll 1977 in Köln
Bölls Pazifismus, seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Katholizismus und mit dem Rheinland, seine unbedingte moralische Position als Bürger einer von ihm immer wieder radikal verteidigten Republik machten ihn zu einem "anderen Deutschen" und zu einem der wichtigen Zeugen der Adenauer- und der Brandt-Jahre. In seinem Werk setzte er sich auch mit den Schrecken des Krieges auseinander. Die aus dem bedingungslosen Pazifismus entstehende Forderung für einem menschlichen Umgang mit jedem, selbst mit den Terroristen der RAF, ließen ihn zur Zielscheibe der konservativen Politiker und Presse werden.

Springer: "gefährlicher als Baader-Meinhof"
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1970: Der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt (vorne rechts) mit Günter Grass (v.M.). Ganz links Heinrich Böll.
Die Konservativen hassten ihn: Franz Josef Strauß geißelte Böll als "geistigen Urheber" des Linksterrorismus und der CDU-Bundestagsabgeordnete Friedrich Vogel sprach damals von den "Bölls und Brückners" als intellektuellen "Helfershelfern des Terrors". Die konservative Presse schäumte ebenfalls: "Die Bölls sind gefährlicher als Baader-Meinhof". Die Vehemenz der Anschuldigungen der Presse, vor allem aus dem Hause Springer, gingen an Böll nicht spurlos vorbei. Einige Jahre floh er nach Irland oder verschanzte sich in einem Bauernhof in der Vordereifel.

Böll brachte Solschenizyns Werk in den Westen
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Der russische Literaturnobelpreisträger, Alexander Solschenizyn (l), und Heinrich Böll
Mit seinen Romanen "Billard um halbzehn" (1959) und "Ansichten eines Clowns" gelang Böll der endgültige Durchbruch zur intellektuellen Instanz. Neben vielen Romanen und Kurzgeschichten verfasste Böll auch zahlreiche Hörspiele und übersetzte Werke von White, Cicellis und Horgan.

Obwohl er oft linke Positionen einnahm, ließ er sich nicht politisch vereinnamen, auch von den Kommunisten nicht. Im Juli 1973 äußerte Böll öffentlich heftige Kritik an der Verfolgung von Schriftstellern in der Sowjetunion. Im März 1974 fand der geflohene Solschenizyn bei ihm erste Aufnahme. Böll hatte seine Manuskripte schon früher in den Westen geschafft und so erste Veröffentlichungen ermöglicht.


"Heinrich Böll wird nicht in Vergessenheit geraten"
Am 16. Juli 1985 starb Heinrich Böll in seinem Haus in Langenbroich/ Voreifel. Obwohl 1976 demonstrativ aus der katholischen Kirche austrat, wurde er unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, durch einen befreundeten Priester nach katholischem Ritus beerdigt. Doch seine Kritiker verfolgten Böll bis ins Grab und streuten das Gerücht, der sonst immer Aufrechte sei kurz vor seinem Tod wieder der Kirche beigetreten. "Heinrich Böll, der Schriftsteller, der in seinem Werk lediglich seine Zeit darstellen wollte und damit für alle Zeiten schrieb, wird nicht in Vergessenheit geraten", schrieb Siegfried Lenz wenige Tage nach seinem Tod.

Am Sonntag den 12.07.2015 um 12.05 Uhr zeigten wir anlässlich seines 30. Todestages: Heinrich Böll - ein "anderer Deutscher" von Wilhelm von Sternburg.


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