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Mittwoch, 24. Juni
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Durch Düngemittel können Giftstoffe in das Grundwasser gelangen.
Gefährliches Trinkwasser
Im Zeitraum von 1951 bis 2005 wurden mit Billigung der zuständigen Behörden auf deutschen Äckern mindestens 13.000 Tonnen giftiges und radioaktives Uran ausgebracht. Dieses könnte zu einem gravierenden Umweltproblem werden, so Prof. Dr. Ewald Schnug vom Julius-Kühn-Institut.
Wie kommt giftiges Uran in den Dünger?
Mineralische Phosphatdünger sind mit Abstand der am häufigsten verwendeten Dünger in der Landwirtschaft. Der Dünger wird meist aus aufbereitetem Rohphosphat hergestellt, der bergmännisch abgebaut wird. Leider kommt Rohphosphat in der Natur häufig zusammen mit dem problematischen Schwermetall Uran im Gestein vor. Phosphatdünger sind, so Professor Schnug, mit durchschnittlich einem halben Pfund Uran pro Tonne verunreinigt. Zwar wird dieses Uran nur in sehr geringen Mengen von den gedüngten Pflanzen aufgenommen; ein wesentlich größeres Problem ist, dass das beigemischte Uran nach der "Veredelung" des Phosphats wasserlöslich wird. Der Regen kann es ausspülen und es gelangt so in das Grundwasser - wo es nichts zu suchen hat. Uran ist zum einen ein extrem starkes Gift, und auch die Radioaktivität kann dem menschlichen Organismus schaden, wenn die Konzentration zu hoch ist.

Zweidrittel aller Brunnen im Norden kontaminiert
Lupe
Der Zusammenhang zwischen der Düngung und der Uranverseuchung der Gewässer ist der Bundesregierung seit mindestens 1984 bekannt. Die Chemikerin Prof. Andrea Koschinsky von der Bremer Jacobs-University rechnet damit, dass es bis zu 50 Jahre dauern kann, bis das Uran in vollem Umfang in den Trinkwasserleitern ankommt. Damit schlummert in unseren Ackerböden eine Zeitbombe. Bis zu zwei Drittel aller Brunnen in Norddeutschland sind laut Prof. Ewald Schnug bereits mit Uran aus der Düngung kontaminiert. In einigen Fällen bis weit über den ab Juni 2011 geltenden Grenzwert für Trinkwasser hinaus. "Bei der Aufnahme von Uran über das Trinkwasser steht die chemische Toxizität gegenüber der Radioaktivität noch im Vordergrund", sagt der Kieler Toxikologe Hermann Kruse.

Experten fordern Höchstwerte für Uran
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Dünger wird analysiert.
In der Düngemittelverordnung ist weder eine Deklaration noch ein Grenzwert für Uran festgelegt. Für das zuständige Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz existiert das Problem der Kontamination der Äcker mit Uran offenbar nicht. Ohne dass die Bauern es wissen, werden sie zu Mittätern und verseuchen bei der Düngung mit mineralischen Phosphaten Böden und Gewässer mit dem hochgiftigen Schwermetall.

Das für die Düngemittelverordnung zuständige Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz von Ministerin Ilse Aigner schweigt auf Nachfragen beharrlich. Das Umweltbundesamt dagegen forderte 2011 erstmals einen Grenzwert und eine Deklarationspflicht. Ulrich Irmer, Abteilungsleiter "Wasser und Boden" im Umweltbundesamt: "Uran ist ein potentiell toxisches Schwermetall. Es hat eine chemische Toxizität. Es hat aber auch eine radioaktive Wirkung. Man kann Uran, wie auch andere Schwermetalle relativ einfach technisch aus den Düngemitteln entfernen. Wir fordern deshalb schon seit längerem einen Höchstwert für Düngemittel, ähnlich wie für Cadmium auch, in Höhe von 50 Milligramm pro Kilogramm und vor allem auch eine Deklarationsverpflichtung ab 20 Milligramm pro Kilogramm."


Jahrzehntelange Schlamperei und Desinformation
Der Industrieverband Agrar und der Bauernverband wiegeln ab. Die natürlichen Uranvorkommen in unseren Böden seien sehr viel höher als die zusätzliche Belastung durch die Düngung. Dabei verschweigen sie, dass das so genannte "natürliche Uran" bereits seit Jahrtausenden fest in den kristallinen Strukturen des Gesteins eingebunden ist, das Uran aus den Düngemitteln aber sehr leicht wasserlöslich und beweglich ist und sehr schnell in die Trinkwasserleiter gelangen kann.

Sehen Sie am Freitag, 16. November 2012, 20.15 Uhr eine spannende Spurensuche. Autor Dethlev Cordts spricht mit den Verantwortlichen, besucht das kleine Dorf Palmzin in Mecklenburg-Vorpommern und die Phosphatminen Marokkos. Ergebnis: Jahrzehntelange Schlamperei, Desinformation und Ignoranz von Seiten der Industrie, der Behörden und Ministerien haben zu einer nachhaltigen Verseuchung deutscher Böden und einer flächendeckenden Bedrohung der Trinkwasservorräte geführt.


Sendedaten
Freitag, 16. November 2012, 20.15 Uhr
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Gefährliches Trinkwasser
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