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Mittwoch, 24. Juni
© WDR/Wolfram Seeger Lupe
Im Haus der Autisten lebt der einfühlsame Christian. Er ist gerne unter Menschen und dass er sich mehrmals am Tag umzieht und Hemd, Hose und Krawatte wechselt ist für alle normal.
Autisten
Manchmal wirken sie wie Schauspieler eines absurden Theaterstücks, das von keinem Regisseur geleitet wird und das niemand nachvollziehen kann. Manchmal sind sie aber liebenswürdig und charmant. Die Rede ist von Autisten im Haus Bucken in der Nähe von Wuppertal - einer Selbsthilfeinitiative von Eltern.
Das Butterbrot muss um den Kopf herum zum Mund
Oft verharrt Lars wie festgefroren in absurden Posen. Immer und überall bewegt er sich auf den gleichen Pfaden, das Übersteigen von Türschwellen artet zu einer umständlichen Prozedur aus und auch das Butterbrot, das er zum Mund führt, muss auf einer festgelegten Bahn durch die Luft um den Kopf herum bewegt werden.

Christian ist wegen seines Charmes überall beliebt
© WDR/Wolfram Seeger Lupe
Christian ist beunruhigt, wenn etwas nicht "wie immer" ist
Lars wohnt schon seit 20 Jahren im Haus Bucken in der Nähe von Wuppertal, im Alter von 19 Jahren ist er hierher gekommen. Seine Eltern haben zusammen mit anderen Betroffenen dieses Heim speziell für Autisten gegründet und betreiben es bis heute in eigener Regie. Nachdem sie Lars viele Jahre lang bei sich zu Hause betreuten und auf jedes Privatleben verzichten mussten, sind sie heilfroh, einen Platz für ihn gefunden zu haben, an dem er sich wohlfühlt und mit seinen Eigenarten akzeptiert wird.

Christian, 29 Jahre, Liebhaber von bayerischen Trachtenkapellen, ist erst seit zwei Jahren im Haus Bucken. Er ist gerne unter Menschen und hat Fremden gegenüber keine Scheu. Mehrmals am Tag zieht er sich um, wechselt seine gebügelte Hose und die Krawatte und bezieht das Bett frisch. Als Beifahrer im Auto bedient er mit der größten Selbstverständlichkeit Schalthebel und Blinker. Christian liebt die - bevorzugt schlanke, blonde - Weiblichkeit und ist wegen seines jungenhaften Charmes überall beliebt.

Aber man kann auch ganz schnell die andere Seite von Christian kennen lernen. Wenn er etwas machen soll gegen seinen Willen, wenn seine eingefahrenen Abläufe und Rituale durcheinander geraten, verharrt er mitten in der Bewegung, regungslos, eine Hand auf dem Kopf. So stand Christian einmal zwei Stunden neben seiner Mutter unbeweglich in einem Schwimmbecken, weil er seinen Willen durchsetzen wollte.


Carsten darf man nicht zu nahe kommen
Und dann gibt es noch Carsten, dem es meistens schlecht geht, der selten lächelt, der unvorhergesehen gewalttätig werden und sich oder andere verletzen kann. Carsten zieht sich am liebsten in sein Zimmer zurück, dann kann man ihm nicht zu nahe kommen, ohne eine Attacke zu riskieren. Er kann klar artikulieren, dass er am liebsten aus dem Haus Bucken ausziehen und bei "wildfremden Menschen Cappuccino trinken" würde. Kurz darauf fordert er vehement genau das Gegenteil und löst damit bei seiner Umgebung Verwirrung aus.

Zahl der Autisten steigt von Jahr zu Jahr
Der Autismus ist erst relativ spät als meist angeborene Behinderung anerkannt und diagnostiziert worden. Den Begriff "Autismus" (von griechisch "selbst") prägte der Schizophrenie-Forscher Eugen Bleuler (1857-1939), der die Bezeichnung für Patienten gebrauchte, die sich in ihre innere Welt zurückzogen und den Kontakt zur Außenwelt vermieden. Heute klassifizieren Mediziner Autismus als tiefgreifende, unheilbare Entwicklungsstörung. Man kann davon ausgehen, dass Menschen mit autistischem Syndrom Reize aus der Umwelt zwar aufnehmen, aber nicht adäquat verarbeiten können. Sie können die Wirklichkeit, in die sie hineingeboren werden, nicht richtig verstehen, so dass sie ihnen als Chaos erscheint. Bis heute ist die Krankheit noch nicht in ihrer Gesamtheit erforscht. Geniale Begabungen unter Autisten sind also eher selten. Häufig dagegen sind autistische Menschen geistig behindert. Studien schätzen, dass etwa 25 bis 50 Prozent der Autisten auch als geistig behindert einzustufen sind.


Suheijib weiß alle Busverbindungen auswendig
Auch wenn Suheijib alle Busverbindungen in der Umgebung kennt und Christian alle Strecken, die er schon einmal gefahren ist, auswendig kennt - keiner der zwölf Bewohner im Haus Bucken hat etwas gemein mit Hollywoods Rain Man oder den anderen Savants, von denen es gerade mal eine Handvoll auf der Welt gibt. Der Alltag in einer Einrichtung wie dieser kommt ohne Gloriolen aus. Es ist ein zäher, anstrengender, liebevoller Kampf mit kleinen Fortschritten und vielen Rückschlägen - und er dauert ein Leben lang. Mit seiner Langzeitbeobachtung gewährt Wolfram Seeger Einblick in die rätselhafte Welt dieser Kranken.

Sehen Sie am Sonntag, 30. Oktober 2011, 21.45 Uhr einen Film von Wolfram Seeger, der im vergangenen Jahr auf der Duisburger Filmwoche (2010) uraufgeführt wurde. Über den Zeitraum eines Jahres hat sich der Dokumentarist Wolfram Seeger im Haus Bucken aufgehalten, behutsam und mit viel Geduld nähert er sich den Bewohnern und nimmt an ihrem Alltag teil. Es ist ein Eintauchen in eine für Normalsterbliche unzugängliche, manchmal schwer erträgliche Welt.

Seeger, der selbst die Kamera führt, sind Bilder gelungen, die spürbar machen, wie schwer die Behinderung der Bewohner ist und wie anstrengend es sein kann, das Leben mit einem Autisten zu teilen. Die Kamera beobachtet zurückhaltend, manchmal ist sie auch Ansprechpartner für die Bewohner.


Sendedaten
Sonntag, 30. Oktober 2011, 21.45 Uhr
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