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Mittwoch, 24. Juni
Knochen im Sand © aghet_ZDF und NDR Lepsius Archiv Lupe
Aghet - ein Völkermord
Wer vor einigen Jahren in der Türkei die Wahrheit sagte, dem drohten bis zu zwei Jahre Gefängnis. Die Wahrheit ist, dass zwischen 1915 und 1917 die Armenier opfer eines Völkermordes wurden. Schätzungsweise bis zu 1,5 Million Armenier kamen damals ums Leben. Die Türkei leugnet bis heute den Genozid an den Armeniern.
"Aghet" bedeutet im Armenischen "Katastrophe". Das Wort steht stellvertretend für den Völkermord an den Armeniern. Bis zu 1,5 Millionen Menschen - die genauen Zahlen sind vielleicht nie zu ermitteln - wurden im Osmanischen Reich, der heutigen Türkei, umgebracht

"Das ganze Land war ein Schlachthaus"
© NDR/Lepsius Archiv" Lupe
Eine Gruppe armenischer Waisenkinder sitzt an einer Mauer.
. Ein Zeitzeuge schrieb: "Das ganze Land war ein Schlachthaus". Sterbende Kinder, Frauen und Männer säumten die Wege rund um die Stadt Aleppo. Raphael Lemkin, der Schöpfer der 1948 von der UN verabschiedeten Anti-Genozid-Konvention, bezeichnete den Völkermord an den Armeniern als den ersten systematisch ausgeführten Genozid des 20. Jahrhunderts.

Weltweit ist das Verbrechen am armenischen Volk bei der überwiegenden Zahl der Historiker anerkannt. Doch die Türkei will von dieser Schmach nichts wissen. Man bestreitet vehement die systematische Verfolgung der Armenier und relativiert die Gräuel als "militärisch notwendig" oder als "vereinzelte Übergriffe" infolge von Kriegshandlungen. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan forderte, man möge ihm Beweise für den Völkermord vorlegen. Doch selbst wenn man die Tonnen von Belegen aus dem "Politischen Archiv" des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik, dem Johannes Lepsius-Archiv in Halle und den "National Archives" der USA in die Türkei schaffen würde, türkische Nationalisten wären sicherlich wenig beeindruckt.


Die Türkei leugnet die Dimension des Verbrechens
© NDR/Lepsius Archiv" Lupe
Kleiner Zug von Armeniern entlang einer Mauer, Mädchen reiten auf Lasttieren.
In jeder Erwähnung des Themas sehen sie einen Angriff auf ihr Land, als ob man dem Staat schaden wolle oder die Türken beleidigen möchte. Die Liste der Türken, die im Gefängnis saßen, weil sie es wagten, das Thema anzusprechen, ist lang. Wie konfliktgeladen das Thema des armenischen Völkermords in der Türkei ist, zeigt sich auch an der Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink im Januar 2007.

Nach der offiziellen türkischen Version sind in den Jahren 1915 – 1916 nur rund 300.000 Armenier umgekommen. Das mutet seltsam an, denn schon 1919 nannte das osmanische Innenministerium eine Zahl von 800.000 bis 900.000 getöteten Armeniern. Verdeutlicht man sich, dass vor dem Ersten Weltkrieg zwei Millionen Armenier in Anatolien gelebt hatten, also jeder fünfte bis sechste Bewohner ein christlicher Armenier war, und dass heute nur noch 60.000 Armenier in der Türkei leben, so ist die heutige Schätzung der türkischen Seite sicherlich unzureichend.


Jungtürken machten die Armenier zum Sündenbock
© NDR/Lepsius Archiv" Lupe
Ein großer Zug von armenischen Kindern und Erwachsenen
Im April und im Juni 1915 kam es zur Verhaftung der armenischen Elite in Konstantinopel. Zunächst wurden 235 Personen verhaftet, später schließlich 2.345 - die meisten der Verhafteten wurden später umgebracht. Die an die Macht gekommenen nationalistisch eingestellten "Jungtürken" reagierten damit auf die Unruhen in der armenischen Stadt Van. Das Osmanische Reich befand sich zu diesem Zeitpunkt im Krieg mit Russland. Anfang des Jahres 1915 mussten die türkischen Streitkräfte eine schwere Niederlage im nordöstlichen Grenzgebiet einstecken, und die russischen Truppen befanden sich auf dem Vormarsch. Ein Teil der dort ansässigen Armenier unterstützte die Russen, da sie sich von den Osmanen unterdrückt sahen.

Die Vernichtung der Armenier war das Ziel
© dpa Lupe
Eine armenische Frau trauert über der Leiche eines getöteten Kindes.
Am 27. Mai 1915 kam es in Istanbul zur Unterzeichnung des "Gesetzes über die Umsiedlung der Armenier". Damit begann die "Vertreibung", die vor allem zwischen Juni und Oktober stattfand. Die Menschen aus Ostanatolien wurden zunächst in Richtung der Stadt Urfa verschleppt. Deportiert wurden jedoch nicht nur die Armenier aus den Gebieten an der Ostfront, sondern auch jene aus andern Teilen der Türkei. Die Armenier aus der Nähe von Konstantinopel und den Orten der Westtürkei wurden in Richtung Aleppo "vertrieben". Gleichzeitig begann die Neuverteilung des Besitzes der Armenier an Muslime. Ein Hinweis, dass nicht eine vorübergehende Umsiedlung der Armenier das Ziel des Handelns der Regierung war, sondern die dauerhafte Entfernung der Armenier aus Anatolien anstrebte wurde.

Von Aleppo mussten die Menschen vor allem über Deir Sor in die syrische Wüste oder in die mesopotamische Steppe ziehen. Es war eine Deportation ins "Nichts" - in die Wüste. Dort gab es keine Nahrung, keine ausreichenden Behausungen und kaum Landwirtschaft. Viele Männer, Frauen und Kinder, welche die Todesmärsche überlebt hatten, starben 1916 in den Lagern in der syrischen Wüste an Hunger, Erschöpfung und Krankheit. Andere wurden dort umgebracht, was angesichts ihres Leids in den Lagern von Zeitzeugen als weniger grausam angesehen wurde. Türken, die Kindern und Frauen helfen wollten, wurden bestraft; Ausländern war das Fotografieren der Armenier streng verboten - trotzdem wagten es einige.

Dass nicht eine Umsiedlung, sondern die Vernichtung das Ziel war, ist durch Äußerungen der Täter sowie Augenzeugenberichte gut belegt. Neben vielen offiziellen Papieren, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den siegreichen Alliierten angefertigt wurden, existieren Unmengen von verschriftlichten Augenzeugenberichten in den Archiven. In Briefen an Regierungsstellen oder Informationen an die Vorgesetzten berichten diese Zeugen von der Gräuel an dem armenischen Volk. Der damalige Innenminister Talät Pascha äußerte gegenüber Graf Metternich, dem deutschen Generalkonsul in Konstantinopel: Das Resultat der Umsiedlungen müsse "die Ausrottung der armenischen Rasse sein". Die Diplomaten des kaiserlichen Deutschland, des damaligen Verbündeten des Osmanischen Reiches, bewerteten die jungtürkische Armenierpolitik als "absolute Ausrottung der Armenier", als "Vernichtung der armenischen Rasse" und "systematische Niedermetzelung".

So finden sich in den Archiven auch Berichte des deutschen Generals Kreß von Kressenstein, der Schweizer Krankenschwester Beatrice Rohner, des amerikanischen Konsuls Leslie A. Davis, des Konsulatsmitarbeiter in Täbris Wilhelm Litten, der schwedischen Krankenschwester Alma Johannson und vieler anderer. Die Dokumente hielt man längere Zeit unter Verschluss, um der Türkei, dem Bündnispartner, nicht zu schaden. Die heutigen türkischen Nationalisten leugnen all diese gewichtigen Argumente und beharren auf ihrer Sicht.

Noch 2010 wurde der türkische Literaturnobellpreisträger Orhan Pamuk wegen seiner Äußerungen zum Völkermord an den Armeniern zu einer geringen Schadenersatzzahlungen verurteilt. Pamuk hatten von 30.000 getöteten Kurden und 1 Million Armenier im Ersten Weltkrieg gesprochen. Mittlerweile scheint in der heutigen Türkei im Umgang mit der Geschichte ein Umdenken einzusetzen. 200.000 Türken gingen nach der Ermordung von Hrant Dink in einer der größten Demonstrationen des Landes auf die Straße. Im vergangenen Jahr (2014) gedachte der türkische Regierungschefs, erstmals öffentlich des Leids der Armenier. 2012 veröffentlichte der türkische Journalist Hasan Cemal ein Buch, das zum Bestseller wurde. Darin beschreibt der Autor, wie er, der Enkel eines Verantwortlichen für die Armenier-Massaker, in einem schmerzhaften Prozess dazu durchrang, den Völkermord anzuerkennen.


"Aghet": Warum der Genozid verschwiegen wird
© ndr Lupe
Schauspieler verleihen verstorbenen Zeitzeugen eine Stimme.
Der Dokumentarfilm "Aghet - ein Völkermord", den Sie am Dienstag, 9. Juni 2015, 22.25 Uhr sehen können, geht der Frage nach, welche Motive hinter der Ablehnung vieler Regierungen stehen, sich klar und deutlich zum Genozid an den Armeniern zu äußern. Und warum sie eine Regierung, die sich ganz offiziell der Leugnung eines schrecklichen Weltverbrechens schuldig gemacht hat, nicht energisch in ihre Schranken weisen.

Seit Jahren beschäftigt sich Filmemacher Eric Friedler ("Das Schweigen der Quandts", 2007) mit den politischen Motiven, die noch heute stark genug sind, um die historische Tatsache des Genozids an den Armeniern zu unterdrücken. Er sprach mit internationalen Regierungschefs und der intellektuellen Elite der Türkei, befragte Historiker, Zeitzeugen und Wissenschaftler in der Türkei, in Deutschland, Frankreich, Syrien, Armenien und den USA.

In einer minimalistischen Inszenierung verleiht ein hochkarätiges Schauspielerensemble, unter anderem Hanns Zischler, Martina Gedeck, Burghart Klaußner und Friedrich von Thun, diesen vor langer Zeit verstorbenen Zeitzeugen wieder eine Stimme. Fast ein Jahrhundert nach dem Völkermord sind ihre Aussagen von beklemmender Authentizität noch einmal zu hören und offenbaren tragische Schicksale und die strikte Systematik eines unfassbaren Verbrechens.


Sendedaten
Dienstag, 9. Juni 2015, 22.25 Uhr
Themenwoche
Im Fokus: Türkei
7. - 12. Juni 2015
Kulturzeit
Ein klares Wort
Der Papst, die Türkei und der Völkermord
Kulturzeit
Geschichtsklitterung, hier und dort
Geschichtsklitterung, hier und dort: Kommentar zum Völkermord an den Armeniern
Geschichte
Das böse V-Wort
Wer spricht von "Völkermord" und wer nicht?
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