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Mittwoch, 24. Juni
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Besteigung Eiger-Nordwand im legendären Hinterstoisser Quergang
Der Eiger und die Mordwand
Ein historischer Rückblick
Der Eiger und vor allem seine Nordwand, die "Mordwand", sind weltweit bekannt. Seit den ersten Tagen des Alpinismus lockt der Gipfel die Bergsteiger. Die Nordwand galt in den 1930er Jahren als eine der letzten bergsteigerischen Herausforderungen in den Alpen. Die düstere und unheimliche Riesenwand beeindruckt auch heute noch hartgesottene Alpinisten. Mehr als 50 Bergsteiger bezahlten den Versuch sie zu durchsteigen mit ihrem Leben.
Wissbegierige Forscher, Hirten und Gentlemen
Doch der Reihe nach: Die Engländer waren die ersten, die bemerkten, dass die Berge nur aus dem Grund existierten, um bestiegen zu werden. Die einheimischen Bauern und Hirten im Berner Oberland, die schon immer ehrfurchtsvoll im Schatten der 4.000er lebten, wären alleine nie auf die verrückte Idee gekommen, ihr Leben bei der Besteigung aufs Spiel zu setzen. Im 17. und 18. Jahrhundert schwärmten die aufklärerischen Forscher in die Alpen, um Gletscher zu erkunden, Luftdruck zu messen und Gestein zu analysieren - Humboldt ist der Berühmteste von ihnen. Auch die europäischen Dichter und Denker zog es raus in die Natur und ihre Werke kündeten von der "Ästhetik des Erhabenen" von "Eroberung" und "Bergkameradschaft". 1779 wurde das Tal von Lauterbrunnen unterhalb der Eiger-Nordwand von Johann Wolfgang von Goethe bereist und beschrieben. Lord Byron und Felix Mendelssohn Bartholdy residierten um 1800 in Interlaken und trugen auch zur Bekanntheit des Berner Oberlandes bei.

"Eine Kuh kann man auf den Montblanc hochtreiben"
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Nordwand des Eigers (3970m)
Angelockt von den literarischen Beschreibungen eroberten englische Bergsteiger, zunächst in den Westalpen, einen Gipfel nach dem anderen. Im "Goldenen Zeitalter des Alpinismus" (ca. 1857 - 1885) betrieb die Kolonialmacht England das "Berge steigen" als Gentleman's Sport. Sie sahen damals aus, als wollten sie mit Krawatte zu einem Sonntagsspaziergang und nicht auf einen hohen Berg. Die Alpen hatten ihrem Ansturm erstaunlich wenig entgegenzusetzen. Schon seit Ende des 17. Jahrhunderts wurden die höchsten Gipfel erklommen. "Auf den Montblanc", so heißt es plötzlich abschätzig, "könne man eine Kuh hochtreiben".

Filzhut gegen Steinschlag - Hanfseil als Plazebo
Doch alleine hätten sich die Engländer in den Bergen verlaufen und Gepäcktragen war auch nicht gerade ihre Stärke. So engagierten sie um 1830 einheimische Hirten oder Jäger, die das Gebiet kannten, das Wetter vor Ort kannten und konditionell gut beisammen waren. Auch wenn es die diplomierten Bergführer von heute nicht gerne hören, ihre Vorfahren waren die "Sherpas der Alpen".

Im August 1858 brachten der irische Gelegenheitsbergsteiger Charles Barrington mit den bezahlten Führern Christian Almer und Peter Bohren auf, um einen Berg zu erklimmen, der ebenso wie das Matterhorn als nicht besteigbar galt: der Eiger. Die Route führte durch die Westflanke und die drei erreichten den Gipfel ohne größere Probleme. Bedenkt man die rudimentäre Ausrüstung, welche die Gipfelstürmer zur Verfügung hatten, war die Aktion mehr als gewagt: Filzhut gegen Steinschlag, einen Stock mit Eisenspitze als Pickelersatz und Hanfseile, die nur psychologisch Halt boten. In den folgenden 70 Jahren wurden am Eiger alle Grate begangen. Nur eine Wand galt weiterhin als nicht passierbar: die Nordwand.


Einst war der Gipfel das Ziel, nun ist es der Weg
So wie dem Eiger erging es im "Goldenen Zeitalter" allen Gipfeln der Alpen. Mit der legendären Besteigung des Matterhorns 1865 durch Edward Whymper waren alle hohen und markanten Alpengipfel bestiegen, also alle "Probleme" gelöst. Die Ära der englischen Gentlemen ging ihrem Ende entgegen, zu lächerlich und unpraktisch war ihre Verkleidung, zu unambitioniert ihr Verhalten. Das Bergsteigen hätte nun wieder ad acta gelegt werden können, doch es wurde später zu einem Breitensport. Die Engländer brachten der Menschheit das Klettern zum Selbstzweck, die exzentrische Nutzlosigkeit dieses Zeitvertreibs, näher. Die ehemaligen Berner und Walliser Ziegenhirten hatten sich zu respektablen, sehr erfahrenen Bergführern gemausert. Nicht mehr der Gipfel stand im Vordergrund, sondern der Weg dorthin wurde das Ziel. Doch dieses geflügelte Wort galt nur für die Wände und Flanken selbst - die Anreise zum Wandfuß veränderte sich um 1900 gewaltig.

Der Eiger wird durchbohrt: Japaner in Sandalen
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Wengneralpbahn an der Kleinen Scheidegg
Interlaken, am Fuße des Eigers, entwickelte sich in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts zum Tummelplatz der europäischen Boheme, die mit Eseln und Pferden in die Berge gekarrt wurden. Um den Transfer der Gäste effizienter zu machen, wurde die Gegend zum Mönch hin mit einer Vielzahl von Bergbahnen erschlossen. Im Jahr 1896 erfolgte der erste Spatenstich zum Bau der Jungfraubahn. Das ehrgeizige Projekt durchbohrte den Eiger mit einem gewaltigen, sieben Kilometer langen Tunnel und führte eine Zahnradbahn bis auf das Jungfraujoch. Am 1. August 1912 wurde dort mit 3.454 Metern der bis heute höchstgelegene Bahnhof in Europa eröffnet. Heute steht dort ein kühnes Glasgebäude mit einer Aussichtsterrasse, das wie ein Stützpunkt des Schurken aus einem James-Bond-Film wirkt. Mitten im Tunnel durch den Eiger gibt es die "Station Eigerwand". Dort können die Heerscharen von Touristen durch dickes Sicherheitsglas einen Blick in die Nordwand werfen. Oben auf dem Joch kann man auf einem Gletschergolfplatz einlochen. Sogar Konzerte wurden hier schon veranstaltet, unter anderem vom italienischen Superstar Zucchero.

Die Jungfraubahn erspart den Touristen einen Anstieg von 2.500 Höhenmetern, umgerechnet ein bis zwei Tage wenig erquickliche Schinderei. 111 Euro kostet die Fahrt und macht einen perversen Formel-1-Alpinismus möglich: Wer früh in Karlsruhe aufsteht, der schafft eine Eigerbesteigung in einem Tag: vier Stunden im Auto bis Grindelwald, zwei Stunden mit den Bergbahnen aufs Jungfraujoch, vier Stunden vom Jungfraujoch auf den Gipfel und zurück. Verdichteter kann Erleben nicht mehr sein. Einsamkeit ist in diesen Bergen allerdings nicht zu haben, denn meistens sind die Züge voller zierlicher Japaner in Riemchensandalen und Engländern, ganz und gar nicht Gentlemen, in kurzen Hosen.


Nordwand - wer sie kennt, fürchtet sie
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Anderl Heckmair, Wiggerl Vörg, Fritz Kasparek und Heinrich Harrer
Auch wenn der Mensch die Eiger Nordwand schon mit Dynamit und Pressluftbohrern durchbohrt hatte, außen an ihr hochgestiegen war bis 1938 noch niemand. Das "letzte Problem der Alpen" zog die Kletterer - und mit ihnen auch die Presse und den Rundfunk - magisch an. 1936, zwei Jahre vor der Erstbegehung der Wand, ereignete sich eine der schlimmsten Tragödien am Eiger. Vier junge Bergsteiger, zwischen 21 und 27 Jahren, wollten die Wand durchqueren und kamen anfangs rasch voran. Doch dann machten sie einen tödlichen Fehler: Nachdem die Vier einen Quergang an einem Seil passiert hatten, zogen sie das Seil ab, was ihnen später den sicheren Rückweg versperren sollte.

Sie kamen nur bis zum "Todesbiwak", dann zwang sie Steinschlag zur Umkehr. Doch die Katastrophe nahm ihren Lauf. Drei Bergsteiger kamen beim Rückzug ums Leben. Das Drama in der Wand blieb nicht unentdeckt. Eine Rettungsaktion hatte bereits begonnen. Toni Kurz, der vierte Bergsteiger, konnte den Abstieg - mehr tot als lebendig - bis kurz vor ein Stollenloch der Jungfraubahn fortsetzen. In letzter Verzweiflung band er zwei Seile aneinander und versuchte, sich zu den Rettern abzuseilen. Doch der Knoten zwischen den Seilen verklemmte sich im Abseil-Karabiner. Er verstarb mit den Worten: "Ich kann nicht mehr" wenige Meter über den Rettern im Seil hängend. Nach dieser Tragödie verboten die schweizer Behörden für einige Zeit die Besteigung der Nordwand. 1938 hatten es Anderl Heckmair, Wiggerl Vörg, Fritz Kasparek und Heinrich Harrer dann endlich vollbracht und durchstiegen in vier Tagen die Wand (2008 brauchte Ueli Steck im Alleingang für die Route 2 Stunden 47 Minuten!!!!!).


Die Medien und der Berg: Die Bekanntheit des Eigers
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24 Stunden Eiger live
Nicht nur wegen der bergsteigerischen Leistung sind diese beiden Ereignisse epochal. Schon das Drama des Toni Kurz und seiner Kameraden war das erste, europaweite mediale Ereignis: Die Zeitungen berichteten in Sonderausgaben über den Fortgang der Besteigung und den Rückzugsversuch. Zwar ist die "Vermarktung" der Heldengeschichten in den Bergen fast so alt wie der Alpinismus. Schon Edward Whymper tingelte mit seinen Fotografien seit der Matterhornbesteigung durch England. Doch der Tod der vier Bergsteiger in der Nordwand im Jahr 1936 war das erste Ereignis, das mit einem halben Tag Verzögerung in ganz Europa verfolgt wurde. Die Weltpresse war auch 1938 auf ein Drama eingestellt und hatte die nachrichtentechnische "Infrastruktur" am Fuße der Eiger Nordwand, auf der "Kleinen Scheidegg", noch verbessert. Sonderberichterstatter brachten die ersten Live-Reportagen über das Radio oder versorgten ihre Redakteure mit dem Neuesten per Telefon. In den folgenden Jahren lieferte die Nordwand spektakuläre Meldungen über erfolgreiche, aber auch missglückte Besteigungen, vom Kampf des Menschen mit den Elementen und ums nackte Überleben.

Das vermutlich letzte Kapitel der alpinen Berichterstattung wurde im September 1999 aufgeschlagen. Vier Bergsteiger durchstiegen begleitet von unzähligen Fernsehteams die "Wand der Wände". Mit in die Helme der Bergsteiger integrierten Minikameras und Mikrofonen konnte man jeden Schnaufer und jeden Handgriff der Kletterer verfolgen. Der SWR und das Schweizer Fernsehen DRS sowie der WDR übertrugen dieses Ereignis 24 Stunden live in ihren Programmen. Mehr Berichterstattung ist wohl nicht möglich.



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Donnerstag, 31. Januar 2013, 20.15 Uhr
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