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Im Internet verbreiten sich Verschwörungstheorien besonders schnell
Im Internet verbreiten sich Verschwörungstheorien besonders schnell
Mehr wissen und sich bestätigt fühlen
Verschwörungstheorien verändern die Einstellung
"Für Verschwörungstheorien sind wir empfänglich, weil sie uns das Gefühl geben, hinter die Kulissen schauen zu können und etwas zu sehen, was wirklich wichtig ist", sagt David Livingstone Smith.
Der Psychologe und Philosph untersucht menschliche Konflikte und Täuschungen. Seiner Meinung nach muss man menschliches Verhalten untersuchen, um zu verstehen, warum Verschwörungstheorien so auf dem Vormarsch sind. "Das Leben ist voller kleiner Verschwörungen", so Livingstone Smith. "Eine Mutter liest das Tagebuch der Tochter oder etwas auf Facebook und bespricht es mit ihrem Mann. Kinder sprechen ab, wie sie am besten gemeinsam ihre Eltern zu etwas bringen können. Das Prinzip kommt in allen Bereichen des sozialen Lebens vor. Sehen Sie sich Literatur und Filme an oder die Handlung von Soap Operas – alles dreht sich um Seilschaften, Täuschungen, Verschwörungen."

"Wenn wir glauben, eine geheime Struktur gefunden zu haben oder Informationen die niemand anders hat, fühlen wir uns mächtiger", sagt auch der Wissenschaftshistoriker und Gründer der "Skeptic Society" Michael Shermer. Man denke, "jetzt habe ich euch, ich weiß was wirklich los ist, mir könnt ihr nichts vormachen". Das fühle sich gut an. Studien zeigen, dass Menschen, die anderen misstrauen und selbst gegen Freunde und Mitarbeiter Komplotte schmieden, mit größerer Wahrscheinlichkeit Verschwörungstheoretiker sind. Je weniger man über Verschwörungstheorien weiß, umso skeptischer scheint man zu sein.

"Was mich wirklich überrascht hat ist, dass Leute zwar meinen, Verschwörungstheorien hätten keine Auswirkungen auf ihre Einstellungen, aber trotzdem sind sie ziemlich davon beeinflusst", sagt die Psychologin Karen Douglas von der britischen Universität Kent. Douglas' Forschung zeigt, dass jeder Kontakt mit solchen Theorien unbewusst unser Denken beeinflusst. Man merkt nicht, wie sich die eigene Meinung langsam ändert.

Verschwörungstheorien geben einen Dopaminschub
Shermer meint, Menschen akzeptieren Verschwörungstheorien, weil wir von Natur aus geneigt sind zu glauben, was man uns sagt. "Evolutionär gesehen sind wir eine soziale Spezies, deshalb hören wir auf das, was andere um uns herum sagen", sagt Michael Shermer. "Wir vertrauen den Mitgliedern unserer Gruppe und wenn sie uns etwas sagen, glauben wir das. Aber die Welt hat sich verändert. Heute liest man Geschichten im Internet und denkt 'das muss wahr sein'.

Unser Gehirn spielt uns da einen Streich. Man muss Leuten klar machen, dass es wie in der Wissenschaft ist. Glaube nichts, bis der Wahrheitsgehalt bewiesen ist." Verschwörungstheorien, so Shermer, sind attraktiv weil unser Gehirn darauf trainiert ist, Muster in den Informationen um uns herum zu suchen. Findet es welche, gibt es eine Belohnung. "Verschwörungstheorien geben uns einen Dopaminschub, weil das Gehirn denkt 'aha, ich habe das Muster, ich hab’s herausgefunden", so Shermer. "Das Problem ist, den Unterschied zwischen echten und falschen Mustern zu erkennen."

Menschen wollen Gewissheit haben, nicht zweifeln
Shermer und andere Forscher meinen, wir sind darauf programmiert Informationen zu suchen, die unsere schon existierende Meinung unterstützen. Die Psychologie nennt dies den "Bestätigungsfehler". "Zuerst kommt die Meinung und dann erst die Beweise, die sie untermauern", sagt Shermer. "Das ist bei uns allen so." Eine weitere menschliche Eigenschaft erklärt, warum viele Menschen Verschwörungstheorien so glaubhaft finden. "Wir wollen, dass der Grund für ein Ereignis seiner Größe angepasst ist", so Shermer. "John F. Kenndey, mächtigster Mann der freien Welt von einem einsamen Verrückten umgebracht? Macht doch keinen Sinn."

"Wenn ein scheinbar sinnloses Unglück passiert und es Tote gibt, dann suchen die Menschen nach Gründen", so Livingstone Smith. "Meist suchen sie nach menschlichen Ursachen, manchmal sogar nach einer göttlichen Kraft - aber jemand muss es getan haben." Die Wahrheit ist nicht leicht herauszufinden. Die menschliche Natur macht es zusätzlich kompliziert.

"Verschwörungstheoretiker lieben das Vakuum", sagt James Meigs. "Weil Ingenieure und Wissenschaftler nicht jede einzelne Frage über den Einsturz des World Trade Centers beantworten konnten, ziehen sie die Schlussfolgerung: 'da müssen massive Sprengladungen gewesen sein'". Für viele ist die Bestimmtheit, mit der Verschwörungstheoretiker ihre Erklärungen vertreten, sehr reizvoll. "Gewissheit zu haben - selbst wenn sie schrecklich ist - scheint vielen Menschen wünschenswerter, als Zweifel zu haben", sagt David Livingstone Smith. "Wer zweifelt, hängt quasi in der Luft, weiß nicht, welche Haltung er vertreten soll."

Viele Menschen wollen nicht an den Zufall glauben
"Der Verschwörungstheoretiker sucht nach einfachen Erklärungen, einem offensichtlichen Muster und einer kleinen, aber mächtigen Kraft dahinter, die alles kontrolliert", sagt Michael Shermer. Haben sie diese einmal gefunden, ist es schwer, andere Argumente einzubringen. "Das Lustige an Verschwörungstheoretikern ist, dass sie sich selbst 'skeptisch' nennen. Dabei sind es die leichtgläubigsten Menschen, die es gibt. Sie glauben alles, was sie lesen, so lange das ihrer Meinung entspricht", sagt der Journalist James Meigs.

Der britische Psychologe Patrick Leman gab einer Gruppe Studenten einen fiktiven Zeitungsartikel zu lesen, der beschrieb, dass der Präsident eines Landes bei einem Attentat starb. Andere Studenten lasen einen Artikel, in dem der Präsident die Attacke überlebte. Diejenigen, die den Artikel über den verstorbenen Präsidenten lasen, glaubten viel eher an eine Verschwörung. "Je bedeutsamer das Ereignis, umso wahrscheinlicher glaubt man an eine Verschwörungstheorie als Erklärung", sagt Leman. "Zum Teil stützt das unser Gefühl, dass die Welt geordnet, vorhersagbar und kontrollierbar ist. Wenn wir glauben, dass der Zufall regiert, kann das beunruhigend sein."

Sendedaten
25.07.2013, 20.15 Uhr

Erstsendung: 06.09.2012
Wissenschaftsdoku
© dpaVerschwörungstheorien auf dem Vormarsch
Misstrauen gegenüber Regierungen hat eine Kultur des Zweifelns erschaffen. Ängstliche Menschen finden Trost in den Erklärungen, die Verschwörungstheorien verbreiten.
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