Donnerstags, um 21.00 Uhr
Kalender
Juni 2016
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
30
31
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
01
02
03
scobel-Sendungsvorschau
Aus Fehlern lernen?
Ursachen, Folgen, Muster von Fehlentscheidungen. Wie kann ein konstruktiver Umgang mit Fehlentscheidungen aussehen? Thema bei scobel am 14. Juli.
Navigationselement
© dpa Lupe
Wer arbeitslos wird und nicht ausreichend konsumiert, ist überflüssig.
Menschen, die zu Abfall werden
Nur der Konsument ist wertvoll - Thesen vom Soziologen Zygmunt Bauman
Wenn Produkte hergestellt werden, entsteht Abfall, und wenn die Produkte nicht mehr gebraucht werden, entsteht noch mehr Abfall. Doch was passiert in dieser Gesellschaft mit den Menschen? Mit dieser Frage beschäftigt sich der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman. Seine These: Die Moderne produziert überflüssige Menschen. Diese werden zu Abfall. Sie sind Verlierer des radikal-ökonomischen Fortschritts.
"Ökonomischer Fortschritt bedeutet letztlich die Fähigkeit, Dinge, die man früher hergestellt hat, nun mit weniger finanziellem Aufwand und weniger Arbeitskraft herzustellen. So steigt unsere Effektivität. Sobald man das tut, werden Menschen arbeitslos. Denn sie verharren in Tätigkeiten, die weniger effektiv und weniger profitabel sind. Sie können ihren Lebensunterhalt nicht mehr auf ihre traditionelle Art verdienen. Auf diese Weise produzieren wir überflüssige Menschen, menschlichen Abfall", sagt Bauman.

Arbeitslos, überflüssig, ausgegrenzt
Wenn heute eine Firma Arbeitsplätze streicht, steigen ihre Aktien. Unsere Ökonomie ist eine Ökonomie der Überproduktion und des Abfalls, so Bauman. Das überträgt sich auf die Gesellschaft und ein Teil ihrer Mitglieder wird überflüssig. Verschärft hat sich diese Ausgrenzung mit dem Übergang von einer Gesellschaft der Produzenten auf eine Gesellschaft der Konsumenten.

"In einer Gesellschaft der Produzenten gibt es arbeitslose Menschen. Aber diese Arbeitslosen sind die industrielle Reservearmee. Wenn die Wirtschaft wieder floriert, wenn die Depression vorbei ist, kehren sie sofort wieder an ihre Werkbank zurück", sagt der Soziologe. "Damit das funktioniert, muss man diese Menschen in relativ guter Verfassung halten, man muss sie gut ausbilden, pflegen, behüten und gesund erhalten. Sonst können sie nicht als industrielle Reservearmee dienen."

Konsum als Mitgliedsbeitrag zur Gesellschaft
In der Gesellschaft der Konsumenten, sind Menschen nur so lange wertvoll, wie sie konsumieren können. Der Konsum ist quasi ihr Mitgliedsbeitrag. Der Konsument wird selbst zum Konsumierten, er wird zu einer Ware, die benutzt wird von der Industrie und der Abfallgesellschaft. Ist der Nutzen einer Ware nicht mehr vorhanden, wird sie weggeworfen.

"Ein disqualifizierter Konsument hat einen ganz anderen sozialen Status als die industrielle Reservearmee. Ein disqualifizierter Konsument ist völlig nutzlos", so Baumann weiter. "Ein hoffnungsloser Fall für die Gesellschaft. Wenn man absolut zynisch ist, würde man sagen, unserer Gesellschaft ginge es viel besser, wenn diese armen Menschen, die keine richtigen Konsumenten sein können, einfach verschwinden würden."

Ende des Wohlfahrtsstaates
So erklärt es sich, warum der Staat sich immer weniger um seine Arbeitslosen kümmert. Er weiß, dass diese Menschen nicht mehr gebraucht werden. Sie liegen dem Steuerzahler nur auf der Tasche. Was einmal politischer Konsens war, der Wohlfahrtsstaat, der die Schwachen unterstützt und fördert, ist passé. Statt eines solidarisch handelnden Proletariats haben wir ein in permanenter Unsicherheit lebendes Prekariat.

"Die Kürzung von Sozialausgaben ist heute die Zielsetzung sowohl rechter als auch linker Politik. Egal welche Partei an die Macht kommt, alle verfolgen das gleiche Ziel: Das Kürzen, Beschränken, Eingrenzen, Verringern von Sozialausgaben, einfach weil sie, wie es heißt, ökonomisch keinen Sinn machen", so Zygmunt Bauman.

Profitmaximierung statt Sicherheiten
Kann der Mensch jemals aus dieser Spirale der Profitmaximierung herauskommen? Der Soziologe ist pessimistisch. Am Anfang der Moderne stand die Hoffnung, der technische Fortschritt würde seinen Abschluss in einer besseren Welt finden. Heute wissen wir: Der Mensch ist nie zufrieden, die Modernisierung ist kein Ziel, sondern eine permanente Lebensform.

"Wenn Sie modern sind, bedeutet das, dass Sie zwanghaft, besessen und suchthaft alles um sich herum modernisieren. Wenn Sie mit der Modernisierung aufhören, hören Sie auf modern zu sein. Denn die moderne Lebensauffassung ist eben das zwanghaft besessene Modernisieren. Von modernem Leben ohne Modernisierung zu sprechen, wäre so dumm, wie von einem Wind zu sprechen, der nicht weht oder einem Fluss, der nicht fließt. Natürlich ist ein Fluss, der nicht fließt, kein Fluss, sondern ein See." Und so bleibt dem modernen Menschen nur eine Gewissheit, nämlich die, dass es keine Gewissheit und keine Sicherheit mehr gibt, außer der, dass wir konsumieren müssen.

Sendedaten
"scobel"
immer donnerstags um 21 Uhr in 3sat
Sendung zum Thema
© dpaAbfall - Wohin mit dem Müll?
Sachbuch
© Hamburger EditionLupeLeben als Konsum
Zygmunt Bauman
Hamburger Edition 2009
ISBN-13: 978-3868542110
Links