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sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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Obsession für das Unnormale
Diane Arbus im Fotomuseum Winterthur
"Ein Foto ist wie das Geheimnis eines Geheimnisses. Je mehr es erzählt, umso weniger erfährt man", sagte Diane Arbus. Das Fotomuseum Winterthur widmet der revolutionären Fotografin nun eine große Retrospektive.
Diane Arbus sammelte Menschen, wie andere Schmetterlinge. Sie suchte nach Exemplaren jeder Art. Aber lange nicht alle mussten schön und schillernd sein."Ich glaube wirklich, dass es Dinge gibt, die niemand sähe, wenn ich sie nicht fotografieren würde", sagte die Fotogarfin. Alle interessierten sie: Demonstranten gegen den Vietnamkrieg genauso, wie junge Kriegsbefürworter. In den 1960er Jahren brachen ihre Bilder Tabus: Vollkommenheit fand sie bei geistig Behinderten, Außenseitern der Gesellschaft. Da, wo alle heile Welt vermuteten, sah Arbus Distanz und Entfremdung.

In ihrer Sammlung betonte Arbus das Unvollkommene am Menschen.Und sie suchte sich ihre Sujets systematisch aus. Sie ging in Heime für geistig Behinderte und machte Bekanntschaft mit der Halbwelt der Prostituierten und Transvestiten. "Am meisten Spaß macht es mir, irgendwohin zu gehen, wo ich noch nie gewesen bin", so Arbus. "Bevor ich aufbreche, habe ich das Gefühl, als würde ich zu einem Blind Date fahren. Manchmal verlässt mich fast der Mut."

Vorliebe für "Freaks"
© The Estate of Diane Arbus Lupe
"Junger Mann mit Lockenwicklern zu Hause in der West 20th Street, NY"
Der Fotograf Neil Selkirk war Diane Arbus' Schüler. Er verwaltet ihren Nachlass. Ohne ihn geht gar nichts bei der Retrospektive, die in mehreren europäischen Städten gezeigt wird. Und er darf heute als Einziger Abzüge ihrer Fotos herstellen. "Was an ihren Bildern so verstörend und fesselnd ist, ist die Tatsache, dass die Porträtierten sie mit solchem Gleichmut anschauen", sagt Selkirk, "besonders wenn es jemand Außergewöhnliches ist. Da ist ein großes Maß an Vertrauen." Vertrauen bekam sie besonders von "Freaks", die im Zirkus mit ihrem Handicap auftraten, wie zum Beispiel der damals größte Mann der Welt und seine ewig ungläubigen Eltern. "Die meisten Leute haben ihr Leben lang Angst davor, dass ihnen etwas Traumatisches zustößt", so Arbus. "Freaks sind mit ihrem Trauma auf die Welt gekommen. Die Lebensprüfung haben sie schon bestanden. Sie sind Aristokraten."

Diese Obsession für das nicht Normale nutzte der Spielfilm "Fur" als Vorlage. Er ist ein imaginäres Porträt über Diane Arbus, die Tochter aus gutem Hause, die sich aus ihrem großbürgerlichem Korsett befreit und zur Künstlerin wird. Nicole Kidman spielt die Schöne, die den Biestern dieser Welt nicht widerstehen kann. Gegen diese Reduzierung der Fotografin und ihres Werks kämpfen die Verwalter des Nachlasses von Diane Arbus seit ihrem Tod. Sie wachen daher penibel über jede Publikation ihrer Fotos. "Wäre ihr Material vor 40 Jahren einfach so für alle zugänglich gemacht worden, dann wäre sie bis heute die Fotografin der Freaks aus den 1970er Jahren", sagt Neil Selkirk. "Niemand würde die tatsächliche Spannweite und Tiefe ihres Werks erfassen."

Nein, sie ist nicht nur die Fotografin der Freaks. Mit dem Bild der eineiigen Zwillinge hat sie eine Ikone geschaffen. Stanley Kubrick ließ sich davon für den Film "The Shining" inspirieren. Arbus' Bilder provozierten aber immer auch Kritik:Norman Mailer sagte, in ihren Händen werde eine Kamera zur Hand-Granate in den Händen eines Kindes. Und genau das ist ja auch eines ihrer verstörenden Motive. Diane Arbus empfand auch sich selbst als unzulänglich. Sie erlebte Phasen starker Depression, bis sie sich im Juli 1971 das Leben nahm. Es wardas Ende einer Künstlerin, deren Blick auf die Menschen bis heute fasziniert.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Ausstellung
"Diane Arbus"
Fotomuseum Winterthur
bis 28.05.2012