© Farbfilm, dpa
"Das Versprechen" über den Fall Jens Söring hat dieser Tage in Virginia Premiere.
"Das Versprechen" über den Fall Jens Söring hat dieser Tage in Virginia Premiere.
Aus Liebe schuldig
Dokumentarfilm "Das Versprechen" über einen Justizskandal
Der Deutsche Jens Söring sitzt seit 30 Jahren in den USA in Haft. Es geht um einen grausamen Doppelmord, an dem er beteiligt gewesen sein soll, obwohl Söring seine Unschuld beteuert und DNA-Tests ergeben haben, dass keine der am Tatort gefundenen Blutspuren Söring zuzurechnen sind. Ein Dokumentarfilm bringt den Fall nun wieder ins Bewusstsein - kurz vor der US-Wahl.
Ein Wahlkampf wie eine Schlammschlacht: Hillary Clinton hat ihre E-Mail-Affäre und Tim Kaine, ihr designierter Vizepräsident, hat den Fall Söring. Denn Kaine war einst Gouverneur von Virginia und dort spielt die Geschichte des Jens Söring. "Es gab nicht viel Dreck, mit dem die Republikaner Tim Kaine hätten bewerfen können", sagt die "Washington Post"-Journalistin Laura Vozzella. "Der Fall Söring ist das einzige bisschen Schmutz, das sie finden konnten. Der Fall, so seine Gegner, beweise Kaines schlechtes Urteilsvermögen und seine lasche Auffassung von Justiz."

MdB Christoph Strässer (SPD) besuchte Söring in den USA
Der deutsche Bundestagsabgeordnete Christoph Strässer (SPD) setzt sich seit Langem für Jens Söring ein. Er besuchte diesen im Sommer 2014 in den USA. Gegenüber "Kulturzeit" sagte Strässer auf die Frage, wie Söring bei seinem Besuch auf ihn gewirkt habe, trotz jahrzehntelanger Inhaftierung mache Söring einen "körperlich wie geistig fitten Eindruck, präsent und gut informiert. Da muss eine enorme Willenskraft in ihm stecken."

Und darum geht es: Seit 30 Jahren sitzt der deutsche Diplomatensohn im Gefängnis für ein Verbrechen, das er vermutlich nicht begangen hat. Sein Schicksal gleicht einer griechischen Tragödie. Der Dokumentarfilm "Das Versprechen" von Marcus Vetter und Karin Steinberger erzählt jetzt packend und detailreich diesen Krimi: Im März 1985 wird das Ehepaar Haysom auf unfassbar grausame Weise ermordet. Ein Täterprofil wird feststellen: Der Mörder stammt aus dem engsten Familienkreis und ist weiblich. Doch dieses Dokument verschwindet - bis heute.

Fatale Fehleinschätzung
Die Ermordeten sind die Eltern von Elisabeth - Sörings große, erste Liebe. Sie ist älter als er, sexy, geheimnisvoll. Eine College-Liebe. Eine Amour fou. "Sie hatte sie hat alle verführen können", sagt Regisseur Marcus Vetter. "Alle Männer sind ihr verfallen. Sie hatte dieses Weltoffene, sie konnte mit ihrer Sprache umgehen, sie wusste ganz genau, wo sie die Pausen setzt." Söring sagt, Elisabeth habe ihm die Morde gestanden. Die Todesstrafe steht im Raum. Aus Liebe nimmt er nimmt die Tat auf sich. Er hat einen Diplomatenpass und glaubt an eine milde Strafe in Deutschland - eine fatale Fehleinschätzung.


Der Prozess - aus heutiger Sicht ein Justizskandal. Sörings Fall verhöhnt jedes Gerechtigkeitsempfinden. "So, wie er bestraft worden ist, kann es nicht gewesen sein", sagt Co-Regisseurin Karin Steinberger. "Das ist klar, ein Einzeltäter und vier Blutspuren am Tatort? Zwei Opfer, zwei andere? Wie kann ein einzelner Täter zwei Blutspuren verbreiten und davon kein einziger ein DNA-Treffer von Jens? Es gab Haarfunde am Tatort - nicht Jens. Es gab bis heute nicht identifizierte Fingerabdrücke an einem Glas. Nicht von Jens."

MdB Christoph Strässer: "Zeit, die Zurückhaltung aufzugeben"
Die Deutsche Bundesregierung bemüht sich seit Langem bei den Behörden des US-Bundesstaates Virginia Bewegung in den Fall reinzubringen - doch auch das vergeblich. Christoph Strässer gegenüber "Kulturzeit": "Es gibt die immerwährende Frage, ob man mit 'stiller Diplomatie' nicht weiter kommt und effektiver helfen kann. In diese Richtung ist sehr, sehr viel unternommen worden. Allerdings: Diese Mittel sind nach meinem Eindruck erschöpft. Deshalb sollte diese Zurückhaltung jetzt aufgegeben werden."

Die Öffentlichkeit hatte ihr Urteil längst gefällt, hier ihr hübsches American Girl, dort der böse Deutsche. "Sowieso wurde er als der 'German bastard' beschrieben, sagt Regisseur Marcus Vetter. "Ich glaube, Virginia ist auch ein Sonderfall, weil in Virginia die meisten Menschen im Zweiten Weltkrieg gestorben sind. Wie in keinem anderen Bundesstaat in Amerika. Ich glaube, das spielt auch alles eine Rolle in dieser Geschichte." Der Film "Das Versprechen" ist auch ein Lehrstück über ein bigottes Amerika, wo nicht sein kann, was nicht sein darf. Dass Elisabeth jahrelang von ihrer Mutter missbraucht worden war, ein Mordmotiv, wird im Prozess unter den Teppich gekehrt. Sie sei eine notorische Lügnerin, sagt ein Gutachten, man glaubt ihr trotzdem.

Co-Regisseurin Karin Steinberger: "Fall Söring ist politischer Fall"
Elisabeth - Femme Fatale oder Unschuldsengel? "Es gibt natürlich Menschen, die an diesen Fall ihre gesamte Karriere aufgebaut haben und sehr großes Interesse daran haben, dass er drin bleibt", sagt Co-Regisseurin Karin Steinberger. "Und mittlerweile ist der Fall von Jens Söring ein politischer Fall. Das kann man durchaus so sagen." Der Politiker Tim Kaine weiß das. Es sind seine letzten Tage im Amt als Gouverneur von Virginia. Söring sitzt seit 25 Jahren, als Kaine beschließt, ihn nach Deutschland auszuliefern. Nach Kaine kommt ein Republikaner in Virginia ans Ruder. Bob Macdonnel macht den Beschluss rückgängig - eine Schlappe für Kaine. "Kaine, der Gouverneur, der damals der Haftüberstellung zugestimmt hat, der hatte ein Riesenproblem, da war eine Kampagne, die angeführt wurde von den Halbbrüdern von Elizabeth", sagt Karin Steinberger. "Das war ein Aufwallen des Hasses, dann war er wieder der böse Deutsche."

"Der Fall Söring holt Kaine immer wieder ein", sagt die Journalistin Laura Vozzella. "E-Mails aus seiner Zeit als Gouverneur zeigen, dass seine engsten Mitarbeiter damals Sörings Auslieferung für eine schlechte Idee hielten." Um seine Auslieferung nicht zu gefährden, lässt Söring die Frist für die Wiederaufnahme des Verfahrens verstreichen. Jetzt bliebe nur eine Begnadigung. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mehrfach bei US-Präsident Barack Obama vorgesprochen - bisher vergebens. "Obama könnte ihn begnadigen", sagt Laura Vozzella, "denn er muss keine Rücksichten mehr nehmen. Höchstens in Bezug auf sein politisches Vermächtnis. Doch frühere Präsidenten haben am Ende ihrer Amtszeit ähnlich unpopuläre Gnadenakte gefällt und sind damit durchgekommen, weil die Öffentlichkeit nur auf den neuen Amtsinhaber schaut."

MdB Christoph Strässer: "Söring hat zweite Chance verdient"
"Die Hoffnung für Jens Söring wird nicht größer, mit jeder negativen Entwicklung, sei es bei einer möglichen Haftüberstellung oder bei den sich wiederholenden Verhandlungen vor dem 'Parole Board' (auf Deutsch: Bewährungsausschuss, Anmerkung der Redaktion). Deshalb setzte ich ganz massiv darauf, dass durch den Film noch einmal eine neue Dynamik, ein neuer Druck entsteht, auch in den USA und selbst in Virginia. Jens Söring hat die 'zweite Chance' verdient, gerade jetzt, wo immer mehr Hinweise darauf kommen, dass er nicht der Täter war. Und sie muss vor allem bald kommen!"

Jens Söring war 19, als er verhaftet wurde. Heute ist er 50. Ein Leben im Knast, weil er die falsche Frau liebte. Worum geht es im Fall Söring? Um Politik? Um Gerechtigkeit? Oder um ein Rechtssystem, das auf Rache aus ist? "Es gibt einen Punkt, wo man gebüßt hat für seine Strafe und ich glaube, der Punkt ist nicht unendlich", sagt Marcus Vetter. "Ich könnte mir nicht vorstellen, in einem Land zu leben mit so einer Gerichtsbarkeit. Ich finde, das ist ein großes Gut, das es zu verteidigen gilt." Vielleicht kann dieser engagierte Film etwas bewegen. "Das Versprechen" hat dieser Tage in Virginia Premiere.

Film
"Das Versprechen"
(Dokumentation)
DE 2016
Regie: Marcus Vetter und Karin Steinberger
DE: im Kino