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Themen am 17.11.2017Navigationselement
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© dpa Lupe
Das Internetportal kreuz.net verbreitet seit Jahren Hass im Namen des Herrn.
Von Himmel und Hölle
Wer steckt hinter kreuz.net?
Es herrscht Glaubenskrieg im Netz. Das Internetportal kreuz.net verbreitet seit Jahren Hass im Namen des Herrn. Unter dem Schutz der Anonymität hetzen die Macher gegen Juden, gegen jede Form von Liberalität, gegen Homosexuelle.
Der schwule Theologe David Berger gehört zu den Lieblingsfeinden der digitalen Kreuzritter. Berger war der Superstar der konservativen Katholiken, bis er sich 2010 öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte. Nach seinem Outing brach eine beispiellose Hasskampagne über ihn herein. "Bei mir hatte es eine besondere Dimension", sagt er, "weil ich ein ausgestiegener Insider war. Die werden natürlich immer mit mehr Hass bedacht als diejenigen, die schon immer außen standen. Aber in der Tat ist es so, dass das nicht extrem außergewöhnlich war, sondern Hasskampagnen gehören zum festen Repertoire der fundamentalistischen Katholiken."

Initiative "Stoppt kreuz.net"
So auch die Hetzkampagne gegen Dirk Bach: Nach seinem Tod Anfang Oktober 2012 veröffentlicht kreuz.net einen unfassbaren Nachruf: "Jetzt brennt er in der ewigen Homo-Hölle", prophezeite die Seite. Das bringt das Fass zum Überlaufen. Der Schwulen-Verlag Bruno Gmünder startet die Initiative "Stoppt kreuz.net", setzt ein Kopfgeld auf die Hintermänner aus. David Berger koordiniert die Aktion, Staatsanwaltschaft und Verfassungsschutz ermitteln. Doch der Zugriff auf die Hassprediger ist nicht einfach, wie Markus Winkler von der Staatsanwaltschaft Berlin erläutert:

"Das Problem, das sich nicht nur mit dieser Internetseite stellt, sondern eigentlich im Hinblick auf viele Internetpräsenzen, die strafrechtlich relevante Veröffentlichungen haben, ist, dass die Betreiber zumeist [im Ausland sitzen] oder die Seiten von Servern im Ausland betrieben werden - und zwar nicht nahes europäisches Ausland." Meist seien das "Länder wie die Bahamas, Panama oder Malaysia, wo mit formalen Rechtshilfe-Ersuchen eigentlich wenig auszurichten ist." Ist kreuz.net also unangreifbar? Mehrmals am Tag wechseln die Server, die Hintermänner können überall sein, bleiben anonym. Die Seite lebt von den Artikeln, die ihr zugeschickt werden. Und die Autoren dieser Pamphlete bleiben nicht immer unerkannt.

"Es sind keine esoterischen, sektiererischen Grüppchen, wie man lange angenommen hat", so David Berger. "Es ist also nicht die Pius-Bruderschaft, auch wenn die immer wieder Material liefert, oder irgendwelche sektenhaften Priester. Es sind ganz normale Diözesanpriester, die für ihre Diözesen arbeiten und sich da nebenbei ganz intensiv betätigen, das Klima in der katholischen Kirche durch ihre Hassseiten zu vergiften."

Einer dieser "normalen Priester" ist Pfarrer Hendrick Jolie aus dem Bistum Mainz. Er war bis vor Kurzem fleißiger Autor und Kommentator auf kreuz.net. Jolies oberster Dienstherr ist Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz. Seine Aktivitäten bei kreuz.net brachten Jolie eine Rüge des Kardinals ein - mehr nicht. Wir wollen Genaueres wissen. "Es gab ein sehr offenes Gespräch mit den Vertretern des Bischofs", sagt Hendrick Jolie. "Es gab daraufhin auch meine Bitte mit Entschuldigung an den Bischof für unkluges Verhalten im Hinblick auf diese Seite. Daraufhin hat der Bischof mir einen Brief geschrieben, dass er die Entschuldigung annimmt."

Priesternetzwerk ist hervorragend vernetzt
Jolie war bis vor Kurzem Sprecher des "Netzwerks katholischer Priester", einem Zusammenschluss erzkonservativer Geistlicher, deren Ansichten einiges mit denen von kreuz.net gemeinsam haben. Auch der österreichische Vertreter des Netzwerkes, Christian Sieberer, soll enge Verbindungen zu kreuz.net haben. Im Internet kämpft Sieberer unter dem Decknamen "Pfaffenheini" mit bizarren Auftritten für die Reinheit des Glaubens. So abstrus die Videos sein mögen: Das Priesternetzwerk ist hervorragend vernetzt. Erst im Oktober 2012 gab sich Erzbischof Jean-Claude Perisset beim Priesternetzwerk die Ehre. Perisset ist der Nuntius in Deutschland, also des Papstes Botschafter. Klar scheint: kreuz.net hat Verbindungen bis in den Vatikan.

"Ein Pfarrer aus der Diözese Aachen hat mir mal geschrieben", so David Berger, "in Rom sei es üblich, dass man, bevor man die Fensterläden aufmacht, erst einmal auf kreuz.net liest, was es Neues in Deutschland gibt. Der Vatikan ist da besonders interessiert und das kann ich auch belegen: Ein deutscher Bischof hat sich im Anschluss an eine Fernsehsendung mit mir unterhalten und er hat gesagt: 'Wissen Sie, wenn ich jetzt in dieser Sendung die konservativen Katholiken zu hart kritisiert hätte, wie ich es jetzt gerade tue, dann würde das morgen auf kreuz.net, übermorgen auf kath.net stehen und zwei Tage später hätte ich einen Anruf aus dem Staatssekretariat des Vatikan: Was ist denn in Ihrer Diözese los?'"

Doch auch innerhalb der Kirche gibt es Widerstand gegen die Fundamentalisten von kreuz.net. Die Spuren der Hassprediger führen auch ins Schweizerische Chur. Das hiesige Bistum unterstützt die Initiative "Stoppt kreuz.net" und gibt sich ansonsten pragmatisch. "Hier geht es nicht darum, was die Kirche von Homosexualität hält", sagt Giuseppe Gracia, der Sprecher des Bistums. "Es geht um diesen Verlag, der auch homosexuelle Produkte macht. Hier geht es gar nicht um diese Frage, sondern hier geht es darum: Was hält die Kirche von Diskriminierung? Die Kirche muss eine klare Aussage treffen, was sie davon hält, nämlich nichts."

Fehlt der Mut zu ehrlicher Aufklärung?
Wie ihre Schweizer Kollegen verurteilen auch die deutschen Bischöfe kreuz.net - zu einer Zusammenarbeit mit dem Gmünder-Verlag können sie sich trotzdem nicht durchringen. David Berger glaubt, der Kirche fehle der Mut zu einer ehrlichen Aufklärung. "Da muss man den Mut haben, zu sagen: 'Ja, es ist ein Problem, diese zunehmenden Reaktionäre in unseren Kreisen sind ein Thema, dem wir uns stellen müssen, das durch Verbote letztendlich nicht zu regeln ist, sondern wo wir wirklich eine klare Diskussion brauchen, wohin wollen wir in den nächsten Jahren? Wollen wir zur fundamentalistischen Großsekte werden, oder wollen wir eine Volkskirche, die für alle Menschen da ist und damit die Grundidee des Katholischen, für alle Menschen da zu sein, erfüllen.'"

Viel zu lange hat die Kirche dem Treiben von kreuz.net tatenlos zugesehen. Will sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren, sollte sie dem Spuk im Netz ein Ende machen. Denn die Glaubenskrieger von kreuz.net kommen nicht vom Rand der Kirche, sondern aus ihrer Mitte.

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