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Themen am 23.05.2017Navigationselement
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Biennale
Die 57. Kunst-Biennale in Venedig öffnete am 13. Mai ihre Tore. Zum Auftakt wurden die Preise u.a. den besten Künstler und den besten nationalen Beitrag verliehen.
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© ap Lupe
Alodia Witaszek (r.) ist eines von 20.000 polnischen Kindern, die gewaltsam verschleppt wurden, um "germanisiert" zu werden.
Vergessene Opfer des Krieges
Das Schicksal zwangsgermanisierter Kinder
Als Kinder wurden sie ihren Eltern entrissen, aus Polen entführt und gewaltsam in Deutschland und Österreich umerzogen. Rund 20.000 Kinder traf diese Zwangsgermanisierung. Ihre Schicksale sind bis heute weitgehend unbekannt. Viele leiden unter den psychischen Folgen. Der Lehrer Christoph Schwarz aus Freiburg hat alle Bundestagsabgeordneten angeschrieben, um Entschädigungen für sie zu erkämpfen - bisher ohne Ergebnisse.
Bis heute überschattet der Zweite Weltkrieg das Leben der 78-jährigen Polin Zyta Suse. Als Kind wurde sie von den Nazis geraubt und nach Deutschland verschleppt. Nie hatte sie eine eigene Familie. "Ich versuche, darüber nicht allzuviel nachzudenken", sagt Zyta Suse. "Ich habe immer wieder Alpträume. Und wenn ich Filme über die Kriegszeit anschaue, dann habe ich traumatische Zustände."

20.000 Kinder verschleppt
Zyta Suse ist eines von 20.000 polnischen Kindern mit dem gleichen Schicksal. Sie wurden ihren Eltern gewaltsam entrissen und aus Waisenhäusern verschleppt. Die SS fahndete in Polen nach "rassisch wertvollem" Zuwachs und wollte mit dem organisierten Kinderraub das polnische Volk schwächen. Wer intelligent, blauäugig und blond war, wurde ausgewählt. Wie Zyta Suse, die 1941 für "eindeutschungswürdig" befunden wurde. Sie war sieben Jahre alt und lebte in einem Waisenhaus. "Die Deutschen kamen zu unserem Heim", erinnert sie sich. "In wenigen Minuten mussten wir Sachen zusammenpacken, uns anziehen, ab ins Bad. Dort bekamen wir die Köpfe kahlgeschoren. Und dann wurden wir in verschiedene Heime verfrachtet. Ich selbst war in 20 verschiedenen Kinderheimen. Dort war es streng verboten, polnisch zu sprechen."

Für die ausgewählten Kinder begann eine wahre Odyssee. Sie wurden in verschiedene Lebensbornheime nach Deutschland geschickt. Ursprünglich waren diese eine Einrichtung der SS für ledige Mütter, die hier ihre Kinder zur Welt bringen sollten - "rassisch einwandfreier" Nachwuchs für den Führer und die Wehrmacht. Hier wurden die polnischen Kinder gewaltsam umerzogen: Sie sollten ihre Identität vergessen. Wer rebellierte, wurde gezüchtigt - geschlagen, mit Essensentzug bestraft. Einmal in der Woche gab es einen Menschenbasar: Pflegeeltern begutachten ihre zukünftigen Kinder. Manche suchten nur billige Arbeitskräfte. Zyta Sus wurde zu verschiedenen Pflegefamilien geschickt. Schließlich kam sie bei einer unter, in der sie sich wohlfühlte. Doch das Ende des Krieges veränderte alles. Das polnische Rote Kreuz suchte die eingedeutschten Kinder. Sie wurden zurückgeholt, ein zweites Mal gewaltsam aus der Familie gerissen.

"Wir wurden in Viehwaggons eingeladen und fuhren sehr lange", berichtet Zyta Suse. "An der Grenze zu Polen wurde der Zug von russischen Soldaten angehalten. Einer fragte, ob hier in diesem Waggon auch Deutsche wären. Ich habe auf Deutsch geantwortet: nein. Daraufhin wollte er mich aus dem Waggon zerren. Unsere Betreuerin hat mich am anderen Arm gepackt und ich wurde hin und hergerissen. Sie hat dann erklärt, wir wären polnische Kinder, die zur Germanisierung nach Deutschland verschleppt worden waren."

"Niemandskinder"
In Polen kamen die Kinder in Sammellager, warteten dort auf Eltern und Verwandte. Viele sprachen kein polnisch mehr, fühlten sich fremd. Sie wurden in der Schule als Hitler beschimpft. Auch Anna Berezowska verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Heimen. Sie wurd herumgestoßen, war ein Niemandskind, wie sie sich selbst nennt. "Ich landete bei verschiedenen Familien", berichtet sie. "Die hielten mich alle für einen Eindringling von außen - quasi wie ein Bastard. Das macht einem schon zu schaffen. Und das hält bis heute an. Vor kurzem wurde ich gefragt, ob ich zu Prostitution und Besäufnissen neigen würde, weil doch meine Mutter eine Prostituierte gewesen sei."

Auch die heute 68-jährige Anna Berezowska war Opfer der Zwangsgermanisierung. Sie kennt bis heute nur ihr Geburtsdatum und weiß nichts über ihre Eltern. Im sozialistischen Polen erfahren Menschen wie sie keine Unterstützung, man betrachtet sie nicht als Kriegsopfer. Erst in den 1980er Jahren begannen sie, sich zu organisieren. Viele leiden bis heute unter den seelischen Wunden ihrer Kindheit, unter Minderwertigkeitskomplexen und Verlustängsten. Und darunter, dass ihr Schicksal heute weitgehend vergessen ist.

Keine Entschädigung bis heute
"Die Zwangsgermanisierung war ohne weiteres ein Verbrechen", sagt Dariusz Pawlos von der Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung. "Und dieses Verbrechen wurde natürlich verheimlicht." Deshalb seien ähnlich wie in den Konzentrationslagern die Listen der Häftlinge vernichtet worden. "Und die Spuren dieses Verbrechens wurden ebenfalls alle vernichtet. Diese Opfergruppe wurde tatsächlich vergessen. Deshalb sollten sie auch die Chance auf eine minimale, symbolische Leistung aus den deutschen Mitteln haben." Doch der deutsche Staat hat bislang keinerlei Entschädigung für die ehemaligen zwangsgermanisierten Kinder gezahlt. Ein Skandal, so sieht es der Lehrer Christoph Schwarz, der sich für diese Menschen engagiert. Er hat alle Bundestagsabgeordneten gebeten, sich für diese Opfer des Krieges einzusetzen. Die Reaktion: freundliche bis ablehnende Antworten. "Wenn ich heute dran denke, ich habe ein eigenes Kind, und diesen Schmerz erleben zu müssen, wenn das eigene Kind geraubt oder entführt wird, das erzeugt in mir so eine Wut, das ist so ein menschliches Verbrechen, dass man diesen alten Menschen heute wirklich helfen muss, weil sie teilweise hochtraumatisiert sind", sagt Schwarz.

Wir wolllen vom zuständigen Bundesfinanzministerium wissen, warum zwangsgermanisierte Kinder keine Entschädigung erhalten. Ein Interview wird abgelehnt. Stattdessen wird uns schriftlich mitgeteilt: "Eine spezielle Anspruchsgrundlage in einem besonderen Gesetz ist nicht vorgesehen." "Ich bin nicht geldgierig und möchte auch nicht als Bettler aufgenommen werden", sagt Anna Berezowska. "Aber jetzt, wo wir älter sind und die Renten und Pensionen in Polen sind nicht sehr hoch, könnte jeder Unterstützung gut gebrauchen." Anna Berezowska und Zyta Suse haben ihr Schicksal halbwegs gemeistert. Doch bis heute vergeht kein Tag, an dem sie nicht an ihre verlorene Kindheit denken - die von Deutschen zerstört wurde, von denen es keine offizielle Entschuldigung oder gar Entschädigung gab. Die zwangsgermanisierten Kinder sind bis heute die vergessenen Opfer des Krieges.

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