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© apn Lupe
Junge Autoren haben es heute extrem schwer.
"Vom Schreiben kann niemand leben"
Wie es ist, heutzutage Schriftsteller zu sein
Dass Schriftsteller schlecht verdienen, ist keine Neuigkeit. Dass es ihnen jedoch im Zuge der Digitalisierung immer schlechter geht, ist alarmierend. Verlage investieren weniger, es gibt weniger Stipendien, weniger Lesungen finden statt, große Lesefestivals konzentrieren sich gerne auf die bekannten Bestseller-Autoren. Keine gute Zeit, um Schriftsteller zu werden, oder?
Falko Hennig liebt seinen Beruf und kann doch kaum davon leben, denn er ist Schriftsteller. 1999 erschien sein erster Roman "Alles nur geklaut", drei Jahre später der zweite, "Trabanten", im Piper-Verlag. Seitdem veröffentlicht Hennig fleißig, als Autor, als Journalist, als Herausgeber. Dennoch lebt er zurzeit von Hartz IV.

Warum tut man sich das an?
"Vom Schreiben kann niemand leben", sagt er. "Das ist ganz klar. Wer soll das bezahlen? Man lebt, wenn man Artikel verkauft, wenn man Verträge für Buchveröffentlichungen, für Lesungen hat. Und das, in einem Mix, ist mir in manchen Jahren sehr gut gelungen, in anderen schlechter." Nach Angaben der Künstlersozialkasse verdienen Schriftsteller im Durchschnitt 14.000 Euro netto im Jahr. Viele müssen mit Nebenjobs dazu verdienen oder im Jobcenter anstehen. Warum aber tut man sich das an?

"Es ist schon ein Traumberuf, ohne Einschränkungen", so Hennig - "allerdings nicht von dem Geld her, das man verdient. Ich habe aber auch noch nie von jemandem gehört, der Schriftsteller geworden wäre wegen der ungeheuren Reichtümer, die da zu scheffeln sind. Das ist schon eine Leidenschaft. Ich würde schätzen, 90 Prozent würden auch dann schreiben, wenn sie dafür bezahlen müssten."

Verzweifeln - oder durchhalten
Dass man als Buchautor Idealist sein muss, ist nicht neu. Verschärft haben sich jedoch die Bedingungen: Die Finanzkrise bremst den Buchverkauf. Und durch den digitalen Umbruch verschieben sich die Gewohnheiten: Viele Menschen lesen weniger, verbringen mehr Zeit mit Neuen Medien. Verkaufte ein Autor vor 20 Jahren noch rund 10.000 gebundene Bücher, sind es heute eher 2000. Man kann verzweifeln - oder durchhalten. Jan Brandt zum Beispiel wurde für seinen ersten Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert. "Ich habe jahrelang ohne Einkommen gelebt oder ohne Einkommen, das durch das Buch entstanden ist", erinnert er sich. "Weil es ja noch nicht da war. Ich wollte auch nichts bekommen und mit irgendetwas Geld verdienen, was noch keine Substanz hatte. Deswegen habe ich sehr lange daran gearbeitet und mich durch Nebenjobs finanziert."

Zehn Jahre Arbeit stecken in seinem Debüt, das sich bisher rund 40.000 Mal verkauft hat. Jan Brandt kann zurzeit davon leben, er schreibt an einem zweiten Roman. Eine Ausnahme? "Die meisten Autoren, die ich kenne, können nicht davon leben", sagt er. "Das war für mich aber nie ein Hinderungsgrund. Meine ersten Kontakte zu Autoren waren zu Lyrikern, die von vorneherein nie davon leben können und trotzdem weitergeschrieben haben, weil es nicht darum geht, Geld zu verdienen, sondern es geht darum, ein Werk zu schaffen."

Lesungen als Event-Charakter
Lesungen, die für viele Schriftsteller eine solide Einnahmequelle waren, brechen auch langsam weg. In den vergangenen zehn Jahren haben sie sich von 30.000 auf 10.000 verringert. Die Buchläden als Hauptveranstalter können sich das oft nicht mehr leisten. Zudem verlangt das Publikum heute oft mehr als nur eine einfache Lesung, wie der Buchhändler Jürgen Seidel weiß: "Wenn wir Veranstaltungen machen, müssen wir schauen, dass es nicht nur Lesungen sind, sondern dass sie einen gewissen Event-Charakter haben. Wir werden zum Beispiel Ende September eine Lesung mit Rita Falk haben, da machen wir ein Oktoberfest. Das Ganze wird bayrisch dekoriert. Es wird ein Buffet geben. Es geht über eine Lesung hinaus. Der andere Punkt ist, dass auch die Verlage vieles dazu beitragen, indem sie viel stärker als früher sagen: Okay, das sind meine fünf, sechs Schwerpunkt-Titel für dieses Halbjahr und dann werden sämtliche Maßnahmen darauf konzentriert." Es gibt gezielte Verlags-Förderung von Bestseller-Autoren mit Millionenauflage, die sich zudem von Agenturen teuer vermarkten lassen.

Auf der anderen Seite steht die große Masse: junge und mittelmäßige Autoren, aber auch talentierte Schriftsteller, die im Feuilleton gut besprochen werden. Das Literaturgeschäft wird eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. "Ich denke eher, die Situation wird noch viel stärker kommen, dass die Schere einfach noch größer wird und es für junge Autoren zunehmend schwieriger wird, irgendwo einen Platz zu finden", so Jürgen Seidel. "Gleichzeitig bieten sich für den einen oder anderen Autor durch das Internet und durch Social Media auch neue Möglichkeiten. Es gibt ja gerade aus den USA schon Beispiele, wo Autoren auch ohne Verlag erfolgreich wurden. Auch Falko Hennig hat wieder ein Buch herausgegeben - wieder auf Papier, wieder bei einem Verlag. Es sind Liebesbriefe aus 100 Jahren. Ein Bestseller wird es wohl leider nicht werden.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Lesemarathon
36. Tage der deutschsprachigen Literatur
vom 05. bis 08.07.2012
Gast
Gesprächsgast in der Kulturzeit am 04.07.2012: Burkhard Spinnen, Literaturkritiker und Jury-Vorsitzender in Klagenfurt