Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Archiv & Vorschau
September 2014
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
0102030405
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
01
02
03
04
05
Moderation
PORTRÄT
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
NavigationselementNavigationselement
© imago Lupe
Der Capo ist der, der am Zaun die Gruppe dirigiert.
Was ist ein Ultra?
Domenico Mungo, der "Streunende Köter"
Die jüngsten Gewaltausbrüche in Fußballstadien und der leichtfertige Umgang mit Pyrotechnik rücken eine Bewegung in den Fokus der Kritik: die Ultras, fanatische Anhänger eines Fußballvereins. Aber was ist ein Ultra? Der Italiener Domenico Mungo weiß es. Er war selbst einer - und hat jetzt ein Buch geschrieben: "Streunende Köter".
In Italien, dem Mutterland der Ultras, ist Mungo kein Unbekannter. Er ist berüchtigt und auch stolz darauf. Von ihm wollen wir wissen: Warum wird man überhaupt ein Ultra? "Mein Lebensstil ist der zehntausender junger Italiener", sagt Mungo. "Jugendliche, die durch ihre Lebensumstände, durch die Orte, an denen sie aufgewachsen sind, durch die Erfahrungen, die sie gemacht haben, gezwungen wurden, wie Bertolt Brecht sagte, auf der falschen Seite des Lebens zu stehen. Denn auf der anderen Seite stehen ja schon die anderen. Ich habe immer dafür gekämpft, dass wir Werte wie Gerechtigkeit oder Selbstbehauptung im Fußball gegen die Vereinnahmung des kapitalistischen Systems verteidigen. Und übrigens glaube ich nicht, dass man zu einem Ultra wird. Ultra ist man oder nicht. Man kann auch nicht ein anderer werden als der, der man ist."

Macht über die Masse
© imago Lupe
Wird man zum Ultra geboren?
Wird man also zum Ultra geboren? Domenico Mungo hat einen Roman darüber geschrieben, einen Roman über sich, einen Roman über die Ultras. Er sieht sich selbst als "Streunenden Köter": Als Kind kommt Mungo nach Turin, aus dem Süden, aus Kalabrien. Der Vater arbeitet bei Fiat, im Konzern der Agnellis. Mit 14 Jahren wird er Ultra, schließt sich dem Collettivo Autonomo des AC Florenz an. Später wird er einer ihrer "Capos", der, der am Zaun die Gruppe dirigiert und die Macht über die Masse genießt.

"Pasolini sagte einmal, dass der Fußball der letzte kollektive Ritus einer kapitalistischen Gesellschaft sei", so Domenico Mungo. "Außerdem stellte er fest, dass sich wahre Leidenschaft weder für den Fußball noch für die Politik jemals ändert. Deshalb könne man die Leidenschaft für ein Trikot sehr wohl mit einer politischen Idee vergleichen, für die man auch bereit sei zu sterben." Für den Soziologen und Fanforscher Jonas Gabler ist Mungo "typisch in seinen idealistischen Ansichten und darin, welche Bedeutung er dem Fußball einräumt und der Ultra-Kultur im Verhältnis zur sonstigen Gesellschaft". Dieser gegenkulturelle Aspekt, der bei ihm stark vorkomme, sei typisch für italienische Ultras.

Fankultur, die sich gegen Autoritäten auflehnt
Gabler hat sich ausführlich mit Domenico Mungo beschäftigt. Und er kennt die Ultraszene in beiden Ländern. In Italien habe sich schon früh - viel stärker als in Deutschland - eine Fankultur entwickelt, die sich gegen Autoritäten auflehnt, die Regeln bricht und die Grenzen durch Gewalt überschreitet. In 40 Jahren Ultra-Bewegung kommen in Italien 70 Menschen ums Leben. Die 1980er und 90er Jahre sind die Zeit des Bürgerkriegs in italienischen Stadien. Die Angst vor den italienischen Verhältnissen von damals macht sich heute in Deutschland breit. Es ist die Angst vor der Logik der Ultra-Welt. Da zählt selbst ein Spiel, das man vor vollbesetzten Rängen gegen den Erzrivalen 1:0 gewinnt, weniger als die Schlägerei danach.

"Das war für uns der Höhepunkt der Überlegenheit", erinnert sich Domenico Mungo. "Das hat dem sportlichen Sieg noch die Krone aufgesetzt. Das liegt an der Mentalität der Ultras: dieser regelrechte Zwang, die Fans von Juventus zu treffen, sich mit ihnen zu prügeln, sie zu verjagen, zurück nach Turin. Sie nicht nur auf dem Spielfeld zu besiegen, sondern auch ganz körperlich auf den Tribünen. Und manchmal vergesse ich heute, wie schizophren, das alles war."

Ultrasein ist Teil einer Identität
Gewalt als Zeichen der Überlegenheit - ein abstoßender Gedanke. Nicht alle Ultras seien so wie er, sagt Mungo. Wir lernen tatsächlich einen Menschen voller Widersprüche kennen. Hier der Einpeitscher, der Anarchist, der Schläger - dort der Schriftsteller, der Privatdozent, der Romantiker, der - wie er verrät - seiner Partnerin auf Knien einen Heiratsantrag gemacht hat. "Man muss sich auch klar machen, dass dieses Ultrasein ein Teil einer Identität ist", erklärt Jonas Gabler. "Für einen bestimmten Bereich ist es die einzige Identität, die man hat. Und dann braucht man es auch in einer Jugendphase für die Emanzipation. Doch dann muss irgendwann der Punkt kommen, wo ich auch sage: Es gibt auch andere Dinge, die mich interessieren. Es gibt nicht nur meinen Verein, nicht nur Ultras. Es gibt auch andere Säulen im Leben."

Für Mungo ist 2007 Schluss mit dem Leben in der Kurve. Mit 36 Jahren ist er schlicht zu alt, um ein Ultra zu sein. Und ganz nebenbei markiert das Jahr mit zwei Toten den traurigen Höhepunkt einer beispiellosen Gewaltkette in Italien. Es ist ein Blick zurück ohne Reue: "In meiner Ultra-Karriere gab es mehr Momente, in denen ich geweint habe, als Momente, in denen es mir gut ging", resümiert er. "Aber ich ich würde niemals das, was ich gelebt habe, mit etwas anderem eintauschen. Denn auch so bin ich der Mensch geworden, der ich bin. Heute lebe ich meine Leidenschaft anders aus, für Literatur, für Kultur, für Freiheit. Wäre ich kein Ultra gewesen, hätte ich diese Werte vielleicht nie schätzen gelernt."

Sein altes Leben als Ultra, oft jenseits der Legalität, immer extrem, ist vorbei. Es bleibt sein Appell an uns, im Umgang mit der Szene nicht nach schnellen Antworten zu suchen, sie nicht zu kriminalisieren oder sie abzutun. Denn das wäre wohl der größte Fehler.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© Burkhardt &  PartnerLupeDomenico Mungo
"Streunende Köter"
("Cani Sciolti")
Burkhardt & Partner Verlag 2011
ISBN-13: 978-3940159090