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Themen am 29.05.2017Navigationselement
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documenta 14
Die documenta, weltweit wichtigste Schau für zeitgenössische Kunst und alle fünf Jahre in Kassel beheimatet - hat sich für 2017 einen zweiten Schau-Platz ausgesucht: Athen.
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© dpa
Die Bilder von 9/11 haben sich ins Gedächtnis gebrannt.
Die Kunst des Todes
Bilder des Terrors und ihre Deutung
Anselm Kiefer hat bei einer Rede Osama bin Laden zum Künstler umgewidmet. Die von ihm entworfenen Attentate des 11. September 2001 hätten "das perfekte Bild geschaffen", so Kiefer. Sie trügen alle Merkmale eines Kunstwerkes, und es sei ihm in erster Linie um die Schaffung dieser Bilder gegangen. Ähnlich äußerte sich schon der Medientheoretiker Boris Groys, der Osama bin Laden einen Videokünstler nannte. Geht das: der Tod als politische Kunstform?
Die Bilder des 11. September 2001 haben sich ins Gedächtnis eingebrannt als Sinnbilder des Terrors. Der Westen, überwältigt von deren Gewalt, von der Ästhetik des Schreckens, redet mehr vom Krieg der Bilder als von Krieg. Irgendwann, nach der 1000. Wiederholung, vergisst er, um was es hier geht: um Massenmord. Die Ästhetisierung des Ereignisses geht so weit, dass es zur Kunst erklärt wird. Als Erster sagte der Komponist Karlheinz Stockhausen 2001, es sei "natürlich das größte Kunstwerk, was es überhaupt gibt - für den ganzen Kosmos".

Ist Mord Kunst?
© dpa Lupe
Auch die Bild-Ikone Osama bin Laden wurde mit seiner Töung zerstört.
Dann erklärte der Kunsttheoretiker Boris Groys, mit allerlei Theorie-Girlanden verziert, Osama bin Laden sei ein Videokünstler. Und kürzlich fantasierte Anselm Kiefer, die Bilder des 11. September 2011 erfüllten alle Merkmale von Kunst: Schönheit, Vieldeutigkeit, sogar die Interaktion mit dem Betrachter. Und es sei Osama bin Laden in erster Linie auf die Produktion dieser Bilder angekommen. Mord ist Kunst, wenn das Bild dazu schön genug ist. Solches Geplapper muss bloß ein paar Tausend Tote ausblenden.

Die Attentäter selbst verfolgen eine ganz andere, innere Logik vom edlen Kampf und edlen Tod. Auch hier geht es um Kunst, um die "Kunst des Todes". Ihr Ausgangspunkt ist der Koran, in dem es heißt: "Sie sollen kämpfen in Allahs Weg, und töten und getötet werden." Diese Urstelle des Dschihad, des frommen Kampfes, der den Eingang ins Paradies als Märtyrer garantiert, hat die Muslimbruderschaft zu einer Gesellschaftstheorie ausformuliert, der "Kunst des Todes", die später in die Terror-Theorie von Al-Kaida einging. Geschrieben wurde sie 1938 von ihrem Gründer, Hassan al-Banna. "Mit der Formulierung 'Die Kunst des Todes' umschreibt dieser einen Slogan, den wir heute unter der Parole kennen: 'Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod'", erklärt der Politologe Matthias Küntzel. "Es geht also nicht nur um ein gutes Sterben, es geht darum, dass eine Art Sehnsucht zum Tode erzeugt werden soll, um in einem Dschihad den Märtyrertod anzustreben."

"Derjenigen Nation, welche die Kunst des Todes perfektioniert und die weiß, wie man edel stirbt, gibt Gott ein stolzes Leben auf dieser Welt und ewige Gunst in dem Leben, das noch kommt. Nichts hat uns mehr erniedrigt als die Liebe zum weltlichen Leben und dem Hass auf den Tod. Bereite dich also auf eine große Tat vor. Sei erpicht zu sterben, so wird dir gewährt sein zu leben. Strebe nach einem edlen Tod und du wirst vollständiges Glück erlangen."
("Die Kunst des Todes")

Raffinierte Bilderpolitik der USA
© dpa Lupe
US-Regierungsmitglieder verfolgen die Tötung Osama bin Ladens.
Es geht also um die Tat. Die Sehnsucht, ein Märtyrer zu werden, produziert - nebenbei - ständig neue Bilder, die dem Feind als Warnung und den Terroristen als Ansporn gelten. Osama bin Laden, der spirituelle Führer dieses Todeskultes, zeigte sich gerne als demütiger, heiliger Krieger auf den Spuren Mohammeds - eine Selbstinszenierung, die durch die in Abbottabad gefundenen Videos endgültig zerstört ist: "Osama zu Hause" betrachtet sich selbst, und gelegentlich auch westliche Pornografie. Nach der Militäraktion sind nun die USA ganz im medialen Vorteil. Das Foto der Regierung, die im Weißen Haus die Tötung betrachtet, ist ein Stück raffinierter Bilderpolitik, für Amerika bedeutet es noch mehr.

"Amerika fühlt sich, im Sinne der Body Politic, als ein verwundeter Gemeinschaftskörper", sagt der Kunsthistoriker Horst Bredekamp. "Im Sinne der monarchischen, vormodernen Theorie des politischen Körpers, ist durch die Gegenwart, die Augenzeugenschaft der Tötung eines Attentäters der politische Körper wieder geheilt. Der Betrachter sieht also, wie sich im Gesicht derer, die dieses Ereignis verfolgen, gleichsam eine Wunde schließt." Zu dieser Heilung gehört die Verkündigung - der Präsident meldet die Tötung. Und der Ruhm der "edlen" Tat strahlt ab auf den Verkündiger. Ein Foto des toten Bin Laden will man nicht zeigen, auch aus Rücksicht auf die Gefühle der Muslime. Obwohl man immer betont hat, dass Osama die Muslime und den Islam gar nicht repräsentiert.

Bild des toten Imperators als Therapeutikum
"Ich kann mir schwer vorstellen, dass diese Heilung erfolgen kann, ohne dieses Bild", sagt der Medienwissenschaftler Norbert Bolz. "Wir haben auch das Bild des toten Stalin gebraucht, um unsere stalinistische Wunden sich schließen zu lassen. Wir leiden bis heute daran, dass wir kein Bild des toten Hitler haben, und bis zum heutigen Tag schießen Verschwörungstheorien und Paranoia-Bilder ins Kraut. Das Bild des toten Terroristen, das Bild des toten Imperators, des toten Diktators ist offensichtlich auch ein Therapeutikum, auf das eine Gesellschaft, die schwer verletzt ist, kaum verzichten kann."

Lupe
Horst Bredekamps Forschungs-Schwerpunkt ist Ikonografie.
Der Bildhistoriker lehnt die Veröffentlichung ab. "Das ist das Gebot der Stunde", so Bredekamp, "Bilder und Wirklichkeit, Bilder und Körper voneinander zu distanzieren, um diese grauenhafte Spirale des wechselseitigen Austausches von Bild und Körper zu durchbrechen, die zu diesem weltweiten Terror- Anti-Terrorkampf unmittelbar dazugehört hat." Nach dem Tod Osama bin Ladens schaut der Westen mit noch größeren Hoffnungen auf den arabischen Raum, auf Ägypten und die Muslimbruderschaft. Doch wieviel Islamismus steckt darin?

Hamas - Musterorganisation des Islamismus
"Wir haben auf der einen Seite das Abdanken und auch das Ende des Führers einer militanten Fraktion des Islamismus", so Matthias Küntzel, "aber der legale Islamismus, der mit anderen Methoden gleiche Ziele verfolgt, ist dadurch eher noch gestärkt worden. Deswegen halte ich es für ungeheuer wichtig, sich das Programm der Hamas anzuschauen. Das ist die Musterorganisation des Islamismus, das ist die Muslimbrüderschaft an der Macht, und zu prüfen, ob das kompatibel ist mit den Werten, die wir vertreten. Daran kann man messen, inwieweit die Muslimbruderschaft als Bündnispartner akzeptiert werden kann, oder auch bekämpft gehört - wie Osama bin Laden."

Im Westen gelten die Muslimbrüder gemeinhin als demokratiefähig und gemäßigt, doch noch immer predigen sie die Terror-Ideologie von Hassan al-Banna, wenn ihr Anführer sagt: "Die Besserung, die die Nation sucht, kann nur durch den Dschihad und Opfer erreicht werden, und durch die Erziehung einer Dschihad-Generation, die den Tod genauso will, wie der Feind das Leben." So sprießt im arabischen Frühling der Ruf nach Freiheit, doch auch weiterhin die "Kunst des Todes".

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Kulturzeit berichtet über den 11. September und die Folgen
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