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Moderation
PORTRÄT
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
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© dpa Lupe
Leni Riefenstahl mit einem Kameramann bei den Aufnahmen zu "Triumph des Willens".
Kunst, Korruption, Todesangst
Riefenstahls Kameramann Willy Zielke
Willy Zielke war der geniale Fotovisionär der 1920er und 30er Jahre. Er war der erste Filmemacher, Autor, Regisseur und Kameramann seiner eigenen Filme in einer Person. Jetzt sind seine Erinnerung entdeckt worden. In "Angst" schildert er fast kühl und distanziert sein grausames Schicksal im Dritten Reich.
"Willy Zielke ist mir als Fotograf aus der Fotogeschichte bekannt", sagt der Fotograf und Freund, Dietrich Hinrichs. "Er ist bekannt geworden mit seinen Glas-Stilleben, die er als Lehrer an der Fotofachschule in München im Jahr 1929 fotografiert hat, die dann auch großen Erfolg hatten auf der internationalen Werkbundausstellung in Stuttgart 1929. Damit ist er in die Geschichte der Fotografie als Avantgardist eingegangen, als Vertreter der neuen Sachlichkeit in der Fotografie und in jeder Fotogeschichte vertreten."

Avantgardistischer Fotograf und Filmemacher
Als in den 1970er Jahren die avantgardistische Fotografie boomt, werden Zielke alle Negative aus dieser Epoche von einem französischen Fotohistoriker entwendet und nie zurückgebracht. Christie's erzielt damals für nur ein Foto von Zielke 25.000 US-Dollar. Zielke lebt von Sozialhilfe und ist ahnungslos. 40 Jahre früher, im Jahr 1933, glaubte Zielke noch an sein Glück und dreht den Film "Arbeitslos - Schicksal von Millionen".

"Daraufhin bekam er den Auftrag für den Film das 'Stahltier'“, ein Jubiläumsfilm zum 100. Geburtstag der deutschen Eisenbahn", berichtet Hinrichs. "Der Film war revolutionär." Aber der grandiose Film kommt im Konkurrenz- und Kompetenzgerangel der Reichsbahnleitung unter die Räder und wird verboten. Von "sowjetischer Machart" ist die Rede und davon, dass er die Leute abschrecken würde, die Bahn zu benutzen. Außerdem habe er jüdische Literatur zu Rate gezogen. Zielke ist fassungslos und niedergeschmettert. "Unter anderem wird Leni Riefenstahl auf den Film aufmerksam", sagt Hinrichs. "Sie holte ihn sich als Anschauungsmaterial für neue Filmpläne, die sie hatte, da sie zur Olympiade einen Film drehen sollte, für den sie die besten Kameraleute dieser Zeit engagiert hatte." Und diesen Film fhabe sie vor ihren Kameraleuten vorgeführt, als Beispiel eines modernen Filmes."

Urheber der Fotos aus "Olympia"-Prolog
Lupe
Karl Griep: "Der Schutz des Werks liegt beim Autor."
Schon in "Triumph des Willens" hatte Zielke, teilweise als Kameramann, mit Riefenstahl zusammen gearbeitet. Nun sollte er den "Prolog" zum Olympia-Film selbstständig als Autor, Regisseur und Kameramann verantworten. Ein schlauer Plan von Riefenstahl, denn wäre der Film wegen der vielen Nacktszenen verboten worden, fiele alles auf ihn zurück. Dass er auch Urheber der berühmten Fotos aus dem Prolog-Film war, steht auf der letzten Seite des Riefenstahl-Buches zu den Olympischen Spielen. "Für das Bundesarchiv als die Stelle, die das deutsche Filmerbe archivisch betreut, kann ich nur sagen", so der Leiter Karl Griep, "dass der Vertrag, den ich jetzt gesehen habe, eindeutig belegt, dass die Werkrechte am Prolog des 'Olympia'-Filmes Willy Zielke zustehen. Dass er ein hervorragender Filmemacher war und das auch unter der nationalsozialistischen Prominenz bekannt war, ist unbestritten. Insofern liegt die Vermutung sehr nahe, dass Frau Riefenstahl ihn als Konkurrenz begriffen hat."

Kaum hatte Zielkes Film die Zensurhürde genommen, erklärt sich Leni Riefenstahl zur einzigen Urheberin des gesamten "Olympia"-Films. Ihr Vertrag mit Zielke aber zeigt, dass er sogar zwei Fassungen herstellen musste - eine nach seinem Geschmack und eine für Riefenstahl. Als er weder zur Abnahme seines Films geladen wird, noch je erfährt, was Riefenstahl über seinen Film denkt, schwant ihm nichts Gutes und er lässt den Vertrag von einem Notar beglaubigen. Karl Griep erklärt: "Wenn er im Januar 1937 unsicher wurde über seine Position, gerade, was den Prolog des 'Olympia'-Filmes angeht, dann kann es für ihn Gründe gegeben haben, dass er den Verdacht hatte, dass man ihn möglicherweise übergehen will - was später dann auch tatsächlich so war. Zielke ist aus den Credits des 'Olympia'-Filmes verschwunden.“

Eingewiesen in Nervenheilanstalt
Aber Zielke verschwindet nicht nur aus den Film-Credits, sondern auch aus der Öffentlichkeit. Drei Wochen nach der notariellen Beglaubigung seines Vertrages wird er gewaltsam aus seiner Wohnung entführt und ohne ärztliche Einweisung in das wenige hundert Meter entfernte Krankenhaus Schwabing gebracht. Ab da beginnt seine fünfeinhalbjährige Leidenstour durch Nervenheilanstalten bis in die Euthanasie-Fabrik von Haar. Sofort bekommt er die Diagnose Schizophrenie und wird sterilisiert. Er wird unzähligen medizinischen Experimenten ausgesetzt. Seine Verzweiflung vertraut er kleinen Zetteln an, in die er, wenn er keinen Stift hat, mit einer Nadel den Horror in der Anstalt Buchstabe für Buchstabe durch das Papier sticht.

Willy Zielke nennt Leni Riefenstahl als die Verantwortliche für sein Martyrium. Sie wollte den Erfolg des "Olympia"-Films nicht mit einem Zielke teilen. Sie hat Zielke wohl in der Anstalt geparkt, denn als sie mit "Tiefland" beginnt, schickt sie ihren Aufnahmeleiter nach Haar, weil sie einen guten Kameramann braucht. Zielke lehnt ab. "Ich ziehe die Hölle der Anstalt vor als mich Frau Riefenstahl auszuliefern", schreibt er in seinem Tagebuch. Zielkes Mutter kämpft verzweifelt um die Freilassung ihres Sohnes. Später malt er ein anrührende Bild über seine Sehnsucht nach ihrem Schutz, auf dem die Mutter den Kopf des Sohns schützend im Schoß hält. 1942 holt Riefenstahl Zielke persönlich aus Haar ab. Er hat keine Wahl mehr, denn der Tod steht ihm bevor. Als Gefangener in ihrem Haus entdeckt er, dass sie sein Werk an sich gerissen hat. "Der Werkschutz ist nicht übertragbar, der Werkschutz steht dem Autor zu und niemandem sonst", so Archivleiter Griep. Das sollten all diejenigen wissen, die bis heute einen schwunghaften Handel unter Riefenstahls Namen mit Zielkes Eigentum betreiben.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr